Tagebuch

29. Juni 2017

„Auf nach Hamburg!“ fordert eine Beilage in NEUES DEUTSCHLAND heute und wirbt innen für sage und schreibe 75 Workshops rund um die Kampnagelfabrik. Einer am 6. Juli heißt „Applying civil courage in daily life?“ Wat solln dette, fracht Tante Börnie aus Spandau, det is bloß Randale-Tourismus un denn fücht se leise dazu: Ick vasteh keen Englüsch. Na jut, Börnie. Bist ehm von vorjestern, olle Zimpe. Im mehr privateren Bereich erscheint mir dann dieser leicht vernieselte Donnerstag überraschend als Internationaler Donau-Tag. Wo ich nun alle Jahre wieder an diese Donau fahre und nun, im Alter, sogar nostalgische Erinnerungen an das Donau-Strandbad im Nah-Umland von Budapest auskrame. Ich, der Fluss-Schwimmer. Dünn wie ein mäßig vollgefressener Bindfaden, aber kühn bis verwegen. Bis Budapest bin ich schon lange nicht mehr gekommen, Wien, das geht so an, hauptsächlich aber die Wachau, in acht Wochen sind wir wieder dort und da.

28. Juni 2017

Mehr Geburtstag, mehr Todestag? Nehmen wir den von Oskar Maria Graf, der vor 50 Jahren starb in der Stadt, die die Auskenner Big Apple nennen. Wenn wir den schon genommen haben, dann auch Kurt Raab dazu, der 21 Jahre nach Graf starb und unter anderem „Bolwieser“ war, Xaver Ferdinand Maria Bolwieser, verheiratet mit Hanni Bolwieser, gespielt von Elisabeth Trissenaar. Was habe ich die gern gesehen einst, sie und die Schygulla. Es war, wie ich lese, der 28. Film von Rainer Werner Fassbinder, beinahe hätte ich schon wieder Maria geschrieben, innerhalb von 8 Jahren: Wahnsinn. Dann wäre da noch Luigi Pirandello, der 1934 den Nobelpreis für Literatur erhielt, mit „Sechs Personen suchen einen Autor“ (1925) Theatergeschichte schrieb und heute sogar vom Videotext vergessen wird. Mein Lesezeichen steckt bei seinem Einakter „Der Schraubstock“, den ich für heute eigentlich lesen wollte. Nebbich. Seinen 150. Geburtstag gibt es auch ohne mich.

27. Juni 2017

Mein in Belgien gekauftes niederländisches Duschgel teilt mir in akzentfreiem Deutsch mit, dass die Kombination von Olivenöl und Zeder zur jahrhundertealten Hammam-Kultur gehört, das Aroma der Zeder stärke das Selbstbewusstsein. Wohl mangelt es mir an selbigem eher nicht, aber es ist von der anderen Art, nicht von der, die selbstverständlich nach dem größten Stück Fleisch auf der Bratenplatte greift. Ich hätte gern einen Limerick zum heutigen Tag der Sonnenbrille verfasst, es reicht aber nicht einmal für einen Stabreim zum Siebenschläfer. 1954 ging in Obninsk bei Moskau am 27. Juni das erste Atomkraftwerk der Welt ans Netz, ich konnte schon laufen und ballte meine Fäustchen aus Protest. Später lernte ich, dass der Atomkraft die Zukunft gehöre, friedlich genutzt, ermögliche sie den Sieg des Sozialismus, atomgetriebene Schiffe könnten mit einer Menge Treibstoff, der in eine Streichholzschachtel passt, rund um die Welt fahren und wieder zurück, ja.

26. Juni 2017

Auf Platz 15 betrat ich die ALDI-Filiale, auf Platz 2 verließ ich sie wieder mit meiner 5,98-Euro-Beute und hätte sogar der erste heimwärts sein können, wenn nicht eine Dame mit der mittleren Rückfront eines belgischen Kaltblüters, der 18 Jahre im Dienst der flämischen Krabbenfischerei gestanden hat, den Zugang versperrt hätte zu meiner Warenbox. Hätte ich als Kryptokommunist des ersten Bauern- und Arbeiterstaats auf Thüringer Boden je gedacht, dass mich der Konsumterror der alldeutschen Schnäppchenjägerei nicht in die Knie, wohl aber in die Schuhe zwingen könnte? Nun, immerhin kenne ich das ruhige Stehen in einer Schlange aus den Zeiten der Vollbeschäftigung, der Solidarität mit dem palästinensischen Volk und der Freundschaft mit der Sowjetunion bestens, man hätte damals viel mehr Zeit für sein sozialistisches Smartphone gehabt, hätte es schon eins gegeben, leider gab es nicht einmal Festnetz-Telefone, weshalb die Stasi vor allem Briefe öffnen musste.

25. Juni 2017

Heinrich Seidels Ehrengrab steht auf dem Berliner Friedhof Lichterfelde. Weil er heute seinen 175. Geburtstag hat, befragte ich mein Archiv und fand ein einsames Gedicht, 2009 im Lyrikkalender des Deutschlandfunks von Peter Kurth gelesen. „Eine Sorte von Menschen macht mich gleich verstummen, / Das sind die superklugen Dummen. / Da hilft nur das: Sie schweigend zu tragen / Oder sie einfach niederzuschlagen.“ Da steht auch, dass dem Seidel der Spruch „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“ zu verdanken ist. Der sich sehr lebendig erhalten hat und von seinem Schöpfer abgelöst. Wie oft ich ihn in meinen Jahren an der TH Ilmenau hörte, weiß ich nicht. Seidel war nicht nur der Schwiegervater von Ina Seidel, der einst berühmten Dame, die allen Feministinnen und Antifaschistinnen nun ein Gräuel ist, er war eben auch Ingenieur. Vielleicht machte ihn das zum Humoristen, soll vorkommen. Der gestrige „Wallenstein“ in Coburg beschäftigt mich heute.

24. Juni 2017

„Der bittere Ambrose Bierce“ überschrieb ich meine Zeilen über diesen Amerikaner, dessen 175. Geburtstag heute ist, ins Netz gestellt am 11. Januar 2014 und dort auch noch nachlesbar. Ich habe in diesen Tagen fast mehr zu registrieren, was ich hätte machen wollen und nicht schaffte als das, was zu einem Ende gelangte. Gestern sah ich die Anmoderation eines Beitrags des Kulturmagazins „Aspekte“ im ZDF, Anlass: der 250 Geburtstag von Wilhelm von Humboldt. Gleich der erste Satz falsch: Er war nicht der Bauherr des Schlosses Tegel. Kann man dem Rest dann noch folgen? Ein freiberuflicher Philosoph aus Marburg behauptete 2005, das so übel beleumundete „Lied von der Partei“ von Louis Fürnberg sei jahrzehntelang die offizielle Hymne der SED gewesen. Die nie eine Hymne hatte, eine offizielle schon gar nicht. Kann man danach einfach weiterlesen, was der Mann schrieb, der sich 1989 vom Marxismus verabschiedete, wie er über sich selbst mitteilen lässt?

23. Juni 2017

Meine nimmermüde und stets geduldig-freundliche Korrekturleserin befindet sich derzeit im Urlaub in Norwegen, weshalb der eine oder andere Fehler vielleicht unbemerkt stehen bleibt, was ich mir selbst gern nachsehe. In Norwegen wäre ich auch gern wieder einmal, mein zweiwöchiger Besuch dort liegt tatsächlich zwanzig Jahre zurück. In Luxemburg war ich zuletzt vor neun Jahren, was ich  deshalb anmerke, weil dort heute National-Feiertag ist, der auch mit einer Militärparade begangen wird. Wem werden die Luxemburger wohl Respekt oder gar Furcht einflößen wollen? Die Generika herstellende Pharma-Industrie feiert heute den Tag des Cholesterins, seit meinem Myocard-Infarkt  1993 gehöre auch ich zu denen, die täglich etwas Blutfettsenker verspeisen. Von Beipack-Zetteln beschriebene Nebenwirkungen in den Gelenken habe ich längst, ich kenne auch gute bis sehr gute Argumente gegen den Cholesterin-Mythos. Vor sechzig Jahren starb in Weimar Louis Fürnberg.

22. Juni 2017

„Mach’s gut“ steht als große Überschrift heute in der Hamburger ZEIT, genauer im hinteren Teil CHANCEN, der Begleittext für akademische Stellenanzeigen zu liefern hat. Das geringere Anzeigenaufkommen, so mein Eindruck, hat im Lauf der Zeit zu mehr Begleittext geführt, oft sehr lesenswerte Sachen. Heute lese ich: „Wilhelm von Humboldt wird 250. Zeit, sich von seinem Bildungsideal zu verabschieden und die Universitäten neu zu erfinden.“ Ich habe an der von Wilhelm von Humboldt begründeten Universität im ehemaligen Schloss des Prinzen Heinrich Philosophie studiert, von seinem Bildungsideal war schon 1975ff wenig zu spüren und noch weniger zu hören. Sich von Bildungsidealen zu verabschieden, kann eigentlich nur heißen, alte durch neue zu ersetzen, denn sonst wird die Zeit, da Einäugige die Könige der Blinden sind, durch die Zeit ersetzt, da Hirnlose die Könige der Kopflosen werden. Vorwärts zu völlig neuen Ufern.

21. Juni 2017

Dass Sommeranfang und Welt-Yoga-Tag zusammenfallen, ist weder eine gute noch eine schlechte Nachricht. Es ist ja auch Internationaler Hansetag. YouTube hat moralisch-jugendschutzrechtlichen Erwägungen folgend Yoga-Clips mit Kira Reed gelöscht, wer sie dennoch sehen mag, kann sie leicht finden und dabei ein neues Verhältnis zum Thema Yoga gewinnen. Ein neues Verhältnis zum Namen Helmut gewinnt, wer dem ARD-Videotext seine Aufmerksamkeit schenkt. Der Dienst weist heute auf den 96. Geburtstag von Wolfgang Heißenbüttel hin, der natürlich Helmut hieß und nie Wolfgang. Jane Russel, die auch am 21. Juni 1921 geboren wurde, hieß immer Jane, war ab einem bestimmten Alter ein so genanntes Busen-Wunder und erhielt nie den Georg-Büchner-Preis, den wiederum Helmut Heißenbüttel erhielt, lange vor Jan Wagner, der ihn in diesem Jahr bekommt. Ich nehme heute brav meine Pflichten als gewählter Vertreter der Wohnungsbaugenossenschaft wahr.

20. Juni 2017

Der Schwab ist sehr lang geworden und dennoch blieb viel auf der Strecke. Alle benutzten Bücher und Ausdrucke wandern in Ordner und Regale, die Datei geht auf unbestimmte Zeit in verdienten Ruhezustand. Bis maximal siebzehn Uhr habe ich Zeit, einen Kleintext auf eine Geburtstagskarte zu schreiben, das Geburtstagskind wird 33 Jahre alt. In diesem Alter hatte ich dieses Geburtstagskind schon gute anderthalb Jahre. Damals ging das Feiern fast nahtlos in den nächsten Geburtstag über, das wäre dann morgen der 95., den es aber nur noch als Gedenktag gibt. Und darauf wieder folgt ein 67., ehe Festruhe bis in den Herbst eintritt. Ich denke über den Intelligenzgrad von Fliegen nach, die unbedingt in meinem Arbeitszimmer ihrer Ermordung entgegen summen wollen, anstatt die Freiheit draußen zu genießen, wo zwar hungrige Vögel als Luftjäger unterwegs sind, Fliegen aber eine reale Chance haben, anders als bei mir. Obwohl ich manchmal auch zur Begnadigung neige.

19. Juni 2017

Apolda also. Goethe-Freunde älteren Herstellungsdatums werden wissen: das ist die Stadt, in der der Geheime Rat seine Liebe zur Arbeiterklasse entdeckte, die er freilich im Wesentlichen geheim hielt, wie wiederum die Goethe-Freunde jüngeren Herstellungsdatums wissen. Unsereiner parkte nahe des Kunsthauses, wo es Aquarelle von Hermann Hesse und Fotos von Martin Hesse zu sehen gibt. Ich widerspreche energisch der Meinung eines Kollegen, welcher meinte, es lohne sich nicht, deshalb nach Apolda zu fahren. Mit den Hesse-Eintrittskarten gab es eine kleine Ermäßigung für die Landesgartenschau, von der mir vor allem die Grabgestaltungen im Gedächtnis bleiben werden. Wir trafen einen spät eingemeindungswilligen Langzeitbürgermeister mit einer Busladung aus seiner noch selbständigen Stadt vor den Toren Ilmenaus. Ein wenig verweile ich heute in Gedanken bei Gustav Benjamin Schwab, weil der am 19. Juni 1792 das Licht der Stuttgarter Welt erblickte.

18. Juni 2017

Alle erzählen von ihrer Begegnung mit Helmut Kohl, weil er jetzt tot ist. Ich habe von meiner erzählt, als er noch lebte, meine ist freilich so unfassbar bedeutungslos, dass nur Humoristen sie toll fänden, wenn sie ihnen widerfahren wäre. Ich wiederhole: als Helmut Kohl zu Eisenach den ersten vom Band laufenden Opel Vectra steuerte, stand ich in der Halle an der Absperrung so weit vorn, dass er mir beinahe über meine lokaljournalistischen Zehen gefahren wäre. Das war schon alles. Mein Date mit Gerhard Schröder war länger und enthielt auch einen warmen Händedruck. Angela Merkel war bisher immer da, wo ich nicht war. Sie wird darin keinen Verlust sehen. Ich dagegen, weil er nun sympathisch davon sprach, wie Kohl zu Jena seine Bratkartoffeln wegfutterte, würde in einer Reaktivierung von Dieter Althaus einen Gewinn sehen. Mit Althaus verspeiste ich exakt zwei Bratwürste. Woran er sich nicht erinnern wird. Was in Ordnung ist. Ich bin heute mal in Apolda.


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