Tagebuch

26. Oktober 2017

Um einmal eine sehr unangenehme Wahrheit auszusprechen: Wenn die Nazis nur Fußballclubs unterwandert und Rechtsrock-Konzerte organisiert hätten, wäre ein ganzer Weltkrieg ausgefallen und Millionen Juden lebten noch. In Coburg ist heute vor 200 Jahren ein fast 80 Jahre alter Mann gestorben, der zu Besuch aus Gotha gekommen war, weil er eine Einladung zu einer Hochzeit bekommen hatte. Es heirateten Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld und Prinzessin Luise von Sachsen-Gotha. Der Gast war hier eine Zeit Minister gewesen. In Neuses bei Coburg steht ein sieben Meter hoher Obelisk für diesen Toten, in Gotha ist sein einstiges Gut nach dem Krieg erst enteignet und dann abgerissen worden. Bis Goethe mit seinem „Werther“ auf den Buchmarkt kam, hatte der Mann den Ruhm des größten Bestsellers der deutschen Literaturgeschichte für sich, den ihm freilich niemand anrechnen mochte. Sein vergessener Name: Moritz August von Thümmel.

25. Oktober 2017

Hätte ich ohne NEUES DEUTSCHLAND an Rudolf Bahros „Die Alternative“ gedacht? Wohl kaum, obwohl mein jubiläumsfreudiges Herz gern eins schneller schlägt, wenn es von Seiten alter Zeiten animiert wird. Mein Exemplar mit dem eingerissenen Umschlag würden verkaufswillige Antiquare als leicht schief gelesen bezeichnen, es enthält zahlreiche Bleistift-Anstreichungen und Notizen, von denen einige sich auf Studienkollegen beziehen. Mein Exemplar entstammt der ersten Auflage in der Europäischen Verlagsanstalt von 1977, wir hatten es, ehe der Medienhahn krähte. Später erwarb ich weitere Bahro-Bücher in Westberlin bei „Wohltat’s“, von denen ich zwei verlieh und nie wieder zurückbekam. Die Praxis hat den real existierenden Sozialismus viel effektiver kritisiert als das AfD-blaue Buch, dessen Ganzleinen dunkleres Blau zeigt als der Schutzumschlag. Meine eigenen Anstreichungen und Fußnoten sind nur bis Seite 88 gekommen, dann floh die Lust.

24. Oktober 2017

Wäre ich ein Fan von Real Madrid, würde ich die Unabhängigkeit Kataloniens mit heißem Herzen befürworten, denn dann wäre meine Mannschaft Meister bis zum Jüngsten Gericht und der FC Barcelona müsste in seiner neuen Primera Division gegen Sabadell, Lleida und Tortosa spielen, Messi würde noch mit 46 Jahren bis zu neun Tore pro Spiel gegen diese Mannschaften erzielen. Würden sich Österreich und Bayern zu einem neuen Großsstaat zusammenschließen, wäre hinter Sonneberg schon das Benzin billig und die Wachau bliebe trotzdem so weit weg wie jetzt. Also das dann doch lieber nicht. Am 24. Oktober 1992, was heute ein Vierteljahrhundert her ist, weilte ich an der Seite meiner Gattin erstmals im Fürstentum Monaco, ich besichtigte verschiedene Kakteen und starrte auf die Schlosstür der Grimaldis, von denen aber niemand herauskam, dem ich hätte winken können. Deswegen fuhren wir weiter nach Nizza und schnüffelten in Grasse an Parfümfläschlein.

23. Oktober 2017

Manche Leute sterben im Alter von 67 Jahren, andere leben weiter und sind trotzdem irgendwie tot. Wolfgang Mayer ist schon am 2. Oktober gestorben, wie ich mit Verspätung aus einer Tageszeitung erfuhr, die ich verspätet lese. Ich habe manche Diskussion mit ihm gehabt, nachts am Telefon, als er noch in Cochem an der Mosel lebte. Noch überraschender als die Nachricht von seinem Tod war die, er sei stellvertretender Bundesvorsitzender der DSU gewesen. Die gibt es noch? Wir haben uns manchmal gut, manchmal gar nicht verstanden. Sein Buch „Dänen von Sinnen“ wird mich bis an mein Ende begleiten. Seit Jahren presse ich darin meine von den Flaschen gelösten Bier-Etiketten platt und trocken. Es passen ziemlich viele Etiketten in das ziemlich dicke Buch. Die neue Craft-Beer-Mode sorgt derzeit für zusätzliche Neuzugänge in die Sammlung. Ansonsten wäre von einer sehr netten schwarzen Katze zu reden, die wir am Wochenende ihren Besitzern zurückbrachten.

22. Oktober 2017

Als der 100. Geburtstag von John Reed zu begehen war, passte das wie gerufen zum 70. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. In jenem Jahr 1987 schlich ich eine Runde rund um Lenin in seinem Moskauer Mausoleum, ein Verharren, gar Stehenbleiben, war nicht erlaubt. Und draußen sah ich dann eben auch das Grab von John Reed an der Kreml-Mauer. Heute, dreißig Jahre später, denkt vermutlich kein Mensch mehr an John Reed, wohl aber alle, die endlich mal richtig vom Leder ziehen möchten, an diese nun 100 Jahre alte Revolution. Das putzmuntere Eröffnen von Kunstausstellungen mit Werken der frühen sowjetischen Avantgarde erweckt den Nebeneindruck, als wäre doch nicht alles schlecht gewesen damals, auch in der Literatur ging es wild zu, bis Stalin endlich allen zeigte, wohin es läuft. Ich grabe an diesem Jubeltag zwei alte Texte aus, die ich 1987 zwei Redaktionen unterjubelte. Und denke an die fußläufige Grenzüberquerung 1997 via Konstanz.

21. Oktober 2017

Hab ich doch tatsächlich das Verlagsjubiläum nicht erwähnt gestern, der Verleger meines achten Büchleins feierte 25 Jahre seines inzwischen längst zur Verlagsgruppe gewordenen Hauses. Ein Minister war da, eine Landrätin, ein Bürgermeister und viele viele mehr, den ausrichtenden Party-Service nutzten wir früher, als Kinder jung und Familie noch groß war, auch öfter und sehr gern. Vor 20 Jahren, als der Verlag sein fünftes Lebensjahr vollendete, fuhren wir nach Liechtenstein, sahen Vaduz und Schaan, beides zum zweiten Male nach 1995 und schauten auch gleich noch in Feldkirch vorbei, wo ich meiner Sammlung 18 neue österreichische Biere hinzufügte, nachdem ich am Vortag offenen Mundes in St. Gallen in einem Laden gestanden hatte, der 700 Biere führte aus aller Herren Länder, ich kaufte natürlich nur schweizerische. Eines Geburtstages will ich auch heute gedenken, Alexander Lernet-Holenia hätte mit Heesters-Gen heute seinen 120. Ohne aber ist er tot.

20. Oktober 2017

Mütter aller Länder, was für herrliche Persönlichkeiten habt ihr an einem 20. Oktober in die Welt gepresst: 1632 Sir Christopher Wren, der nach dem Londoner Stadtbrand 1666 51 Kirchen neu aufbaute, 1859 John Dewey, dem wir „Die Suche nach Gewissheit“ verdanken, 1882 Bela Lugosi, der nicht nur ein Dracula war, 1942 Christiane Nüsslein-Volhard, Nobelpreisträgerin für Medizin 1995, 1946 Elfriede Jelinek in Mürzzuschlag, die allen Österreichern und Östereicherinnen den Nobelpreis für Literatur auf ewig vor der Nase wegschnappte, 1966 Stefan Raab, für den Pro7 erfunden wurde, 1971 Calvin Cordoza Broadus, den manche unter dem Namen Snoopy Dog kennen sollen, 1956 den britischen Regisseur Danny Boyle, 1958 den amerikanischen Schauspieler Viggo Mortensen. Nicht zu vergessen natürlich Otfried Preußler 1923, dessen „Krabat“ berühmter wurde als der von Jurij Brežan, der leider schon am 9. Juni geboren wurde, 60 Jahre vor meiner Hochzeit.

19. Oktober 2017

Nachdem Friedrich Luft die Neufassung von Max Frischs „Die Chinesische Mauer“ im Theater am Kurfürstendamm gesehen hatte, resümierte er: „Das Publikum gab interessiert, achtungsvoll Beifall.  Es war wohl noch zu verdutzt oder durch manche schmerzende Wahrheit zu verwundert, um zu jubeln. Trotzdem hatte man den Eindruck, dass hier – endlich wieder! – das Theater funktionierte. Die Zeit war auf der Bühne.“ Die Uraufführung hatte es neun Jahre vorher in Zürich gegeben, am 10. Oktober 1946. Der lustige Georg Hensel nennt, gegen eigene Zeugnisse von Max Frisch, den 19. Oktober 1947 als Tag der Uraufführung in seinem Standard-Wälzer „Spielplan“, auch in Zürich. Das wäre dann heute 70 Jahre her, ist es aber nicht. Dumm gelaufen, man kann es noch nicht einmal als Druckfehler verkaufen. Wegen allseitiger Beliebtheit von 105. Geburtstagen in gut informierten Kreisen denke ich heute an Fritz Meyer-Scharffenberg, von dem ich leider, leider niemals etwas las.

18. Oktober 2017

Nach den drei Schweiz-Wochen 1996 brachen wir am 18. Oktober 1997 zur vierten auf, diesmal nach Walzenhausen oberhalb des Bodensees, zugehörig zum Kanton Appenzell Ausserrhoden. Das ergab 615 gefahrene Kilometer am Ende und eine ganz kleine Überraschung. Also zwei, genauer betrachtet. Denn erstens bezogen wir nicht das Haus „Akelei“, sondern „Aurikel“, zweitens waren wir die einzigen Gäste zu dieser späten Saison-Zeit, konnten also nicht nur auf dem Parkplatz kreuz und quer stehen, sondern auch in Unterhose auf dem Balkon, falls uns danach war, was freilich selten vorkam. Der erste Ausgang war von dickstem Nebel begleitet, wir sahen zwei freundliche Katzen und nahe des Friedhofes erstaunlich scheue Kühe. 2013 schauten wir von Arbon im Kanton Thurgau aus noch einmal in Walzenhausen vorbei, alles sah aus, wie wir es in Erinnerung hatten. Am heutigen 240. Kleist-Geburtstag verweise ich auf mein „Heinrich von Kleist in der Schweiz“.

17. Oktober 2017

1992, wohl mit Blick auf dessen 70. Geburtstag und damit auch schon wieder 25 Jahre her jetzt, veröffentlichte Uwe Kolbe „Meinem Lehrer Franz Fühmann“. Ich wüsste aus dem Stand keinen klügeren und zugleich dichteren Text über Fühmann als diesen. Das später berühmte Heft 6/1976 der Akademie-Zeitschrift SINN UND FORM, in dem Kolbes früheste Gedicht-Veröffentlichung mit Fühmanns Vorbemerkung nachgelesen werden kann (Kolbe ist gemeinsam mit Frank-Wolf Matthies präsentiert), steht mitten in meinem Bestand von SINN UND FORM der Jahre 1974 bis 1990, der Jahre, als ich Abonnent war. Im Regal rechts neben meinem Schreibtisch die drei ersten Gedichtbände, daneben die „Renegatentermine“. Kolbes Brecht-Buch steht bei Brecht, Lesezeichen auf Seite 109, bis dahin am 10. August 2016 auf einen Ritt gelesen, zum 60. Todestag von Brecht wollte ich schreiben und kam nicht hin. Am heutigen 60. Geburtstag von Uwe Kolbe nicht mehr.

16. Oktober 2017

Einmal, 1989/90, machte die deutsche Geschichte einen schweren Fehler. Erst ließ sie eine so genannte friedliche Revolution geschehen, dann die deutsche Einheit. Beides, ohne Günter Grass vorher gefragt zu haben. Grass nahm übel, beschimpfte die deutsche Geschichte. Auch andere Schriftsteller wurden vorher nicht befragt. Die deutsche Geschichte ließ ihre Bücher sogar im übertragenen wie wörtlichen Sinne auf Müllkippen landen. Grass filtrierte aus seinem Missbehagen ein paar dünne Büchlein, in denen er der deutschen Geschichte die Leviten las und die anderen Länder vor diesem monströsen Neu-Deutschland warnte. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden, aber er wollte die letzte Phase seines Lebens nicht so, wie sie ihm leider bevorgestanden hätte. Deshalb bekommt er nun eine neue 24-bändige Werkausgabe, wenn ich das richtig gelesen habe. Grass-Fans bibbern vermutlich voller Vorfreude. Mir reichte „Ein Schnäppchen namens DDR“ auf lange Zeit.

15. Oktober 2017

Und es begab sich im Jahr des Herrn 1998, dass ich Bücher aus Bulgarien las, nur Bücher aus Bulgarien. Nie davor und nie danach gab es ein solches Jahr, damals aber Stratiew und Blagojew, Semjonow und Stanew, Wasow und Konstantinow, Natschew und Elin Pelin. Raditschkow kam erst später, Dimitrowa auch, Botew, Krestev, Witschew, Daltschew. Am Anfang aber Jordan Jowkows „Balkanlegenden“, das erste Blatt im Ordner noch mit Kugelschreiber auf kariertem Papier, die weiteren alle mit meiner, hach, elektrischen Schreibmaschine, denn einen Computer hatte ich nur im Büro. Und weil Jordan Jowkow am heutigen Welttag der Landfrauen genau 80 Jahre tot ist, zaubere ich das aus meinem kaninchenfreien Hut. Das Geburtstagskind des gestrigen Sonnabends reist mit mir heute einen Gutschein vernaschen, den es zu Weihnachten gab, weil das nächste näher rückt und es keinen Gutscheinstau geben soll. Wir lassen es uns gut gehen, Weltrettung ist vertagt.


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