Tagebuch

1. September 2018

Ich beginne den allerletzten Monat meines Lebens als Nicht-Rentner mit einer Trauerbekundung. Die Broschüre zum Tag des offenen Denkmals erscheint in diesem Jahr erstmals nicht mehr in der gedruckten Form, las ich. Seit 1993 habe ich alle Ausgaben gesammelt und aufbewahrt, man nennt den nunmehrigen Zustand ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Broschüren, die nicht gedruckt sind, sind keine Broschüren. Auch Kritiken, die nicht gedruckt werden, sind keine Kritiken, schlimmer noch steht es um jene, die gar nicht erst geschrieben wurden. Auch dieses Sammelgebiet nenne ich für mich abgeschlossen. Der Chip in meiner Kamera bewahrt, wie ich eben schaute, 1398 Fotos, die Nummer 1399 wird morgen entstehen, wenn unser C-HR oberhalb der Laimgrubgasse seinen Platz gefunden hat, den zuvor vier Jahre lang der Auris einnahm. Reserviert ist uns das „Mariandl“ ganz oben, das uns vertraut ist, wie es ältere Herrschaften halt angenehm finden. Hier nun Sendepause.

31. August 2018

Etwas mehr als sieben Gigabyte Musik zog ich heute auf einen Stick, eine dreistellige Zahl von CD’s ist das, der erste Probelauf im Auto mehr als befriedigend, wir können also hinfort unsere Reisen beginnen, ohne lange am Regal zu suchen, was mitfährt und was zu Hause bleibt. Immerhin: als ich vor 25 Jahren am Strand von Zandvoort mit Kopfhörer und Walkman einherwatete barfuß und bester Laune, vermeinte ich mich schon im neunten Technik-Himmel. Meine zahlreichen Musik-Kassetten aus der damaligen Zeit sind längst dem Restmüll anheimgegeben. Und Zandvoort? Die alten Fotos zeigen noch die Neugier auf fast alles: in Haarlem, in Amsterdam. Ich hatte Vergnügen an kunstvollen Architekturbildern, auch das Meer war uns, als Ostsee-Abstinzenzlern, ja kaum wirklich vertraut. Vor 90 Jahren erlebte Berlin die Uraufführung der „Dreigroschenoper“, so steht es in meinem Merk-Kalender, das war kulinarisch und nicht sonderlich voll von V-Effekten.

30. August 2018

Lebte mein Vater noch, wäre er jetzt 97 Jahre alt. Am Busbahnhof setzte sich ein kleiner alter Mann neben mich, der zum Baumarkt wollte. 98 Jahre alt. Erzählte mir vom Rückmarsch zu Fuß quer durch Polen im Gefolge des 1939er Nichtangriffspaktes zwischen Stalins Sowjetunion und Hitlers Deutschland, von einer Verwundung durch sibirische Scharfschützen, der Überquerung des Rheins auf den Resten einer zerstörten Brücke mit dem Fahrrad auf der Schulter. Ich sah Narben am rechten Arm und am Hals. Ich erzählte von der Verwundung meines Großvaters vor Verdun 1916. Angesichts solcher Leben ist die Kunst nur Kunst. Die Berliner Theater, wenn ich der heutigen Beilage der BERLINER ZEITUNG Glauben schenke, wollen mich in diesem Jahr nicht sehen. Alles, was sie ankündigen lassen, interessiert mich nicht, weil ich es von Montag bis Sonntag im Fernsehen sehe, dramatische Zweitaufgüsse davon mag ich nicht. Sie kommen immer zu spät.

29. August 2018

Zu Beginn seines letzten Lebensjahres schrieb der schwerkranke Max Dauthendey einen Brief an die spätere Reichstagsabgeordnete des katholischen Zentrums, Helene Drießen. Darin als Beilage das Gedicht „Morgen-Lied des Gefangenen“ und der Satz, der heute sicher ganzen Redaktions-Konferenzen Schluckbeschwerden verursachen würde: „Ein deutscher Dichter gehört in deutsches Land, unter deutsche Bäume und deutsche Wolken, und nicht unter Palmen und ewiges Blau, nicht unter braune Javanen, sondern unter klare deutsche Menschen.“ Was dem gebürtigen Würzburger heute den Verdacht der Unzurechnungsfähigkeit eintrüge nicht nur unter Heimat-Phobikern aller Schattierungen, war im letzten Kriegsjahr für einen Dichter, der fast immer auf Reisen war, doch ausgerechnet von der zweiten Weltreise nicht nach Hause zurückkehren durfte, tiefer Sehnsuchtsruf. Am 29. August 1918 starb Dauthendey in Malang auf Java, ganze 51 Jahre alt und unvollendet.

28. August 2018

Heute vor 250 Jahren, an seinem 19. Geburtstag, reiste Johann Wolfgang Goethe, noch ohne von, nach drei erfolglosen Studienjahren aus Leipzig ab. Lange hielt ich das Ende des Studiums dort für eine Folge des gefährlichen Blutsturzes, der ihn im Juli 1768 ereilte. Inzwischen neige ich zu der Ansicht, das Heranrücken der bewiesenen Erfolglosigkeit hatte den Blutsturz zur Folge. Fingerzeig ist mir der Umstand, dass auffallend selten klar und deutlich davon die Rede ist, dass die Jahre in Leipzig von vornherein auf genau drei und keines mehr begrenzt waren. Seither beschäftigt mich die Frage, was eigentlich eine Dehnung der Brustbänder sei, die mit einem Wagenunfall und seiner Behebung in Verbindung gebracht wird von Goethe selbst. Vielleicht ist meine Anatomievorstellung einfach falsch und die vom Heben: da sehe ich aus eigener Erfahrung Bandscheiben und Rücken eher in Gefahr als jene Bänder. Seinen 120. Geburtstag hätte Ludwig Turek, der erzählende Prolet.

27. August 2018

Auf Kurt Guggenheim kam ich auf dem Umweg über Gottfried Keller. Ich hätte auch auf dem Umweg über Goethe auf den Schweizer stoßen können, doch war seinerzeit mein Bedarf nach weiteren Darstellungen der dritten Schweizer Reise Goethes halbwegs gedeckt, jetzt wächst die Neugier wieder leise an. Zu Ende las ich gestern das in Berlin begonnene Büchlein „Heimat oder Domizil“ aus der Kulturschriftenreihe des Artemis Verlages, erst heute trug ich es ins Register aller Register ein, abermals mit dem Gefühl, eine Entdeckung gemacht zu haben. Ich durchforstete am Vormittag meine Schweiz-Anthologien und fand tatsächlich Guggenheim-Texte. Von Shakespeare hielt mich das abermals fern. Immerhin, der dritte Shakespeare des Monats August steht nun im Netz, die zweite Komödie, die ich vorher noch nie sah. Bis zum Wochenende bleibt noch ein wenig Arbeit, dann sparen wir Flugbenzin. Das Anmeldeformular ist online ausgefüllt und abgeschickt.

26. August 2018

Der ICE kommt nicht pünktlich, aber rechtzeitig, statt jedoch den kleinen Rückstand aufzuholen, vergrößert er ihn bis Erfurt so weit, dass wir unsere grün-weiße Südthüringen-Bahn verpassen. Im Zug Menschen ohne Platzkarten, die sich auf zweifelsfrei freie Plätze nicht zu setzen wagen, dazu Menschen, die rotzfrech und angesichts Stehender zu zweit vier Plätze belegen mit Handtaschen. Der deutsche Mensch ist nicht nur ein guter Mensch, der Plüschtiere auf Bahnhöfen wirft. Mein frommer Wunsch, heute meinen Theatergang zu schreiben, scheitert an meinem Inspirationsmangel. Ich brauche einen ersten Satz, der durchaus nichts mit Ilsebill zu tun haben muss und dem Salz. Wir registrieren: erstmals seit längerem gibt es noch keinen neuen Berlin-Termin. Wie vor einem Jahr setzt sich Dortmund an die Tabellenspitze, was in München niemanden beunruhigt. Der Weimar-Tatort ist tatsächlich kloß-humorig. An Alexander Kuprin hätten wir leider gestern denken müssen.

25. August 2018

Schuleinführung. Unsere letzte fällt ins Jahr 1991, noch mit einem in Ungarn gekauften Matrosen-Anzug. Gestern der ABC-Schütze auf dem Sportplatz seiner Schule im Dribbling aufs Tor, erste Hortfreunde schon gefunden habend. Heute weißes Hemd, Schulrucksack, Zuckertüte. Die 2c hat ein tolles Programm vorbereitet für die neue 1c.  Der Vorsitzende des Schul-Fördervereines hält ein flammendes Plädoyer pro Mitgliedschaft, vom Jahresbeitrag abhängig gibt es eine Tasse oder eine Tasse und ein Basecap mit dem Namen der Schule vorn drauf. Wegen des Datenschutzes erwähne ich nur, dass eines der vielen Bücher des Namensgebers der Grundschule „Schlesische Tagebücher“ heißt. Der ABC-Schütze schaut aus dem Fenster des Klassenzimmers auf das Haus, in dem er wohnt. Man nennt dies eine günstige Lage. Wir müssen nach dem Essen an der Heerstraße alle weiteren Pläne fahren lassen, es regnet und wird so kalt, dass der Spaziergang an der Havel entfällt.

24. August 2018

Mit dem Gutschein hat es nicht geklappt, weil ich das Wichtigste nicht ausgedruckt hatte. Mit dem Shakespeare hat es geklappt, erstmals in meinem Shakespeare-Leben sah ich die frühe „Verlorene Liebesmüh“. Erstmals in meinem Rundwanderleben durch Charlottenburg und Umgebung sah ich in der Windscheidstraße Samuel Finzi, der eben beim Bäcker saß, in ein Gespräch vertieft und mich musternd, als ich näher kam, als prüfe er, woher er mich kenne, was ich mir freilich nur einbilde, denn niemand kennt mich, ich bin meine eigene Tarnung. Dann sah ich noch einen, der in einem der alltäglichen Krimis, die ich schaue, den Gerichtsmediziner mimt, sein Name will mir trotzdem nicht einfallen, sein Profil ist markant. Zwei Männer in Jeans und mit Plastikbeuteln hoben auf dem Karl-August-Platz eine Uhr auf, die sie vielleicht verloren wähnten, die aber ein Mädchen dort abgelegt hatte, weil es Fußball spielte. Es gab Tränen und einen aufgeregten Vater, der nicht helfen konnte.

23. August 2018

Vom Franzosen Roger Martin du Gard habe ich nie eine Zeile gelesen, seinen Namen dennoch stets im Gedächtnis behalten, weil er einer war, der sich mit einfachen Romanen nicht zufrieden geben konnte, es mussten vielbändige Werke sein, auf acht Teile kommen „Die Thibaults“. Es gab Zeiten, da fand ich das bewundernswert, jetzt erschreckt mich die alljährliche Mitteilung, dass die Juroren des Deutschen Buchpreises aus 199 Romanen eine Long List erstellt haben mit 20 Romanen. Wenn daraus die Short List geworden ist, wird das ebenfalls alljährliche Synchronspringen der Feuilletons beginnen, zumal es in diesem Jahr keinen Nobelpreis geben wird. Martin du Gard starb am 23. August 1958. Ich reise morgen zu einem familiären Elementarereignis, weswegen es zu Nachträgen kommen wird an dieser Stelle. Sie werden von Zuckertüten handeln, von Shakespeare natürlich auch und vom ICE, den wir erstmals um einen so genannten Snack-Gutschein erleichtern dürfen.

22. August 2018

Nachdem sie ihren ersten Schreck, nämlich Joachim, überwunden hatte, heiratete sie Paul Wiens, der sie so aus nächster Nähe als Gatte, den sie hatte, bespitzeln konnte. Wiens zeugte in erster Ehe auch eine Tochter Maja und vererbte ihr das Spitzel-Gen. Sie aber, Irmtraud Morgner, wäre heute 85 Jahre alt geworden. Mein Lieblings-Videotext nennt nicht ein einziges Buch von ihr, die Nachricht vom Spitzel reicht aus. 125 Jahre alt wäre heute Dorothy Parker, über die ich voriges Jahr beinahe geschrieben hätte, dann aber drängte sich anderes vor. Heute schreibe ich wieder nicht über sie, weil ich noch den „Welttag des Gehirns“ erwähnen will, den viele mangels eines solchen leider nicht recht feiern können. Hirnlosigkeit ist die häufigste Ursache für ruhiges und unangefochtenes Leben. Nur eine runde Dreiviertelstunde brauchten die Handwerker gestern, den Wasserschaden in der Küche unsichtbar zu machen, sie sprachen von Isolierfarbe, die noch das nächste Wasser übersteht.

21. August 2018

Die dümmste Nachrichtenzeile seit langem präsentiert der ARD Videotext unter Seitennummer 109: „In Tschechien wird heute des 50. Jahrestages des „Prager Frühlings“ gedacht.“ Der 21. August 68 lag mitten im Sommer wie der heutige 21. August auch. 1968 beendete der gemeinsame Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrages, die DDR ausgenommen, deren Truppen nur in Grenznähe lauern durften, das Experiment „Demokratischer Sozialismus“. Abrupt endete die Zeit guter Filme und Bücher aus dem überfallenen Land, auf Jahre hinaus wurde nur noch harmlosester Quark zum Export freigegeben. Ich fuhr an jenem 21. August mit dem so genannten Verkäuferinnen-Bus von Gehren nach Ilmenau, um meinen Arbeits-Mittwoch in der Lokalredaktion von FREIES WORT zu beginnen. Das riesige Röhrenradio lief den ganzen Tag über, während die Redakteure im Nebel von alter „Juwel“ an der Zeitung für den 23. August arbeiteten, es gab im Lokalen zwei Tage Vorlauf.


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