Tagebuch

1. Mai 2019

Vor zehn Jahren hatten wir in Volendam den Königinnentag hinter uns, den ersten Mai nahm nach der Oranje-Großfeier niemand ernst. Hier sind wir heute nach Passau gefahren, wo ich zuletzt am 15. Mai 1993 einen Zwischenaufenthalt auf dem Weg nach Wien hatte, eine von zwei Vater-Sohn-Solo-Reisen, ich erkannte sogar den Busparkplatz noch wieder von damals. Wir parkten kostenlos an der Donau heute. Sechs neue Biere aus der Arcobräu Moos in einem kleinen Geschäft. In Bad Füssing ausführlicher Mai-Spaziergang, wir sahen Menschen beim Karpfenfüttern: manche nahmen die Dienste eines Futterautomaten in Anspruch, manche verfütterten große Brocken Gebäck und ich dachte an meine ersten Käsekuchen fressenden Karpfen in Dresden 1963 im Zwingergraben. Das erste von drei mitgenommenen Büchern beendet: „Das Wirklichgewollte“ von Volker Braun. Am Abend die RBB-Reportage „Die tollsten Berliner Parks“, Bekanntes und Unbekanntes im Wechsel.

30. April 2019

Der erste von zwei Massage-Terminen, man gönnt sich ja sonst nichts. Ein eiliger Gang zum nahen Kiosk, den gestern erworbenen 14 neuen Bieren weitere 4 hinzuzufügen. Wir testen die Therme II, die auch Euro-Therme heißt. Die haben wir zwar zu bezahlen, es ist aber deutlich angenehmer dort als in der für uns kostenlosen. Bei den Mahlzeiten fast immer ein anderer Tisch, es gehört nicht zu den Regeln des Hauses, Plätze dauerhaft an bestimmte Zimmer zu vergeben. Immerhin ist so mehr zu beobachten: ein Paar beginnt den Abend zu zweit mit drei Bieren, und füllt den Tisch später mit weiteren immer neuen Gläsern, nur alle anderen zapfen ihr einmal benutztes Glas neu voll. Der hohe Altersdurchschnitt führt in den Saunen zu einem hohen Männerüberschuss: die alten Knaben sind weniger gehemmt, sich zu zeigen als die alten Knäbinnen. Wir haben zwar einen Balkon, ihn zu benutzen, ist es aber schlicht zu kalt. Unsere Kurkarte berechtigt uns zu kostenlosen Busfahrten.

29. April 2019

Eine Stunde vor der Zeit ließ das freundliche Hotel uns in unser Zimmer 438, es ist das erste Zimmer unseres nun doch schon halbwegs langen Reiselebens mit einem fest installierten Klappsitz in der Dusche. Wir sahen schon beim Abendessen, warum das so ist: nie waren wir mit einer noch älteren Klientel irgendwo, die Krummen, die Beladenen, die Zitternden und die Wankenden, die sich auf die Essens- und Getränkeangebote stürzten, als gäbe es die folgenden Wochen nichts mehr. Wir haben ein Armband, das beim Abendessen unbegrenzten Getränkeverbrauch erlaubt. Wein aus der Zapfanlage ist freilich gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber sogar. Wir haben auch ein Armband für die kostenlose Benutzung der Therme, die uns dann aber wenig zusagt, im warmen Wasser ein Gedränge wie in einer nach oben offenen Sardinenbüchse, die Altvorderen sitzen Schulter an Schulter, Knie an Knie. Der Saunabereich oben ist eher klein und recht merkbar von vorgestern.

28. April 2019

Vor 20 Jahren, am 28. April, fuhr ich zeitig gen Arnstadt zum letzten Kreistag vor der Wahl, aß im Brauhaus a la Karte, auf das Stammessen für sieben Mark großzügig verzichtend. Das dunkle Bier mundete, die Kollegen am Pressetisch erzählten lustige Geschichten über abwesende Kollegen, eine Kollegin kam pünktlich, saß aber nicht eine Sekunde im Kreistag. Am 28. April 2009 las ich als siebzehnten Heinrich-Böll-Titel des Jahres „Eine deutsche Erinnerung“ zu Ende, trieb gleichzeitig die Lektüre seiner Kriegsbriefe voran. Und freute mich natürlich auf Holland. Denn zwei Tage später ging es für elf Übernachtungen in den Marinapark Volendam. Erst acht Jahre später sahen wir das Nachbarland wieder, nur kurz zu einem Tagesausflug nach Maastricht. Heute geht es in den Süden eines benachbarten Freistaates mit etwa 430 Straßenkilometern Anfahrt, dem entspricht eine Schweigephase an dieser Stelle, es ist die zweite Renteneintrittsreise innerhalb eines halben Jahres.

27. April 2019

Es gibt auch Journalisten, die fast 103 Jahre alt werden, in diesem Falle eine Journalistin, was auch sonst. Die LITERARISCHE WELT räumt ihr Platz für gleich zwei Todesanzeigen ein. Das Buch aus Oldenburg ist eingetroffen, das dortige Antiquariat wird im Mai geschlossen. Zu Wochenbeginn telefonierte ich mit der freundlichen Dame, die das Geschäft nun abwickeln muss: 250.000 Bände im Bestand. Wie macht man das? Ein paar Tage lang gibt es noch Sonderrabatte, ich hatte das vor Jahren schon einmal mit einem Haus in München, bei dem ich Stammkunde war. Kündigung ohne Chance, auch nur halbwegs gleichwertige Räume zu finden. Wer außer mir kauft alte Essays? Und wenn wir sieben wären, welchen Grund sollten Verlage haben, immer noch einmal neue zu drucken, die keiner lesen möchte? Ich habe einen ehemaligen Alpha-Chefredakteur mit einer hingepfuschten Buch-Besprechung erwischt, die er sehr dezent im Folgejahr korrigierte. Es freut mich keineswegs.

26. April 2019

Ich schaue mir die Premieren-Übersicht für die nächste Spielzeit in Rudolstadt an, in diesem Jahr sehe ich nichts mehr, bis März dann vier Sachen, wie immer die Premieren selbst nicht. Im Mai geht es noch nach Gera und Dresden, dann noch einmal final nach Weimar. Unsere Fassade ist zum zweiten Male besprüht worden, jetzt mit Hochdruck, vorher war es wohl eine Chemikalie, die das Grüne zu vernichten hatte. Ein Freitag mit anderem Zeitregime. Reifenwechsel ohne Durchsicht, die kommt nach dem Urlaub. Noch hat das Hämmern kein Ende. Ich wiege so wenig wie seit Jahren nicht mehr, nur nehme ich an den falschen Stellen ab. Der Champagner am Abend zeigt uns: wir werden in diesem Leben keine Champagner-Freunde mehr, fast alle Cremants von der Loire, aus Bordeaux, selbst aus dem Elsass munden uns besser. Unter den Geschenken von gestern auch ein Jahrgangssekt, den wir erst einmal ruhen lassen. Ich studiere Alt-Bestände meines Italien-Archivs.

25. April 2019

Während ich, wie verabredet, den allerletzten Tag in Arnstadt nicht mit einem Anruf störe, geht dort der Abschied über die Kellerbühne. Blumen, Geschenke, Geschenke, Blumen, ich sehe alles erst am frühen Nachmittag, kann mir verdrückte Tränchen sehr gut vorstellen. Und auch die hemmungslos geheulten. Die für immer ehemaligen Kolleginnen könnten fast alle Kinder der Scheidenden sein, die seit 1972 zum Haus gehörte, das einst Abteilung Finanzen, nach Abschluss der Lehre Abteilung Volksbildung des Rates des Kreises Ilmenau hieß, später Landratsamt, Umzüge aus der Stammetage in der Krankenhausstraße in die Friesenstraße, zurück in die Krankenhausstraße, dann nach Arnstadt in eine verlustreiche Fusion zweier Ämter. Wir gehen noch zu Bratwurst für mich und zweimal Eis für uns beide in die Stadt, am Ende des Tages stehen auf meinem Armband 15217 Schritte, Rekord bisher. Die Zeitungen der nächsten Woche lasse ich zurücklegen. Die Renteneintrittsreise steht an.

24. April 2019

Wer seine Genossenschaftswohnung eigenhändig verschönernd vom Urzustand entfernte, muss in bestimmten Fällen den Urzustand wieder herstellen. In unserer Nachbarschaft einen Aufgang weiter tun das seit mittlerweile vier oder gar mehr Wochen handwerklich unbegabte und Arbeitsumfänge schlecht abschätzen könnende Amateur-Menschen, indem sie tagaus, tagein zu möglichst maximal unmöglichen Zeiten hämmern, klopfen und hacken. Es klingt, als würde mit dem stumpfesten Meißel nördlich des Äquators und westlich des Urals an Beton gepickert, um selbigen atomweise von der Wand zu bekommen. Immerhin ist eine erkannte Ursache von Lärmbelästigung dämpfend für meine sich intervallartig steigernden Wutanfälle. Ende April, lautet die Hoffnung, müssen sie fertig sein, sonst wird eine weitere Miete fällig. Aus dem Stand, ohne Vorbereitung, nur auf Regal- und Archiv-Bestände gestellt, schrieb ich nebenher 1824 Wörter über einen toten Feuilletonisten.

23. April 2019

Mein Anruf in Arnstadt ist, wenn sich nichts weiter ändert an der allgemeinen Absprache zwischen Alt-Eheleuten, der vorletzte unseres Ehelebens, dem morgen der letzte folgen wird, während übermorgen wegen Abwesenheit der Gattin am Arbeitsplatz infolge umfangreicher Festlichkeiten, die unter Männern Ausstand genannt werden, der Anruf ausbleiben wird. Am Freitag dann köpfen wir den Veuve Clicquot, den ein rühriger Schulausschuss-Vorsitzender seiner rührigen Protokoll-Führerin zum Abschied überreichte. Wir hätten auch einen Cremant de Loire geköpft, aber so geht es keinesfalls schlechter. Die Renteneintrittsreise folgt nicht auf dem Fuße, sie beginnt erst, wenn die Koffer gepackt sind. Ich habe dem Hauptmann in Chemnitz einen Ibsen in Ilmenau folgen lassen, aktweise die Lektüre, und heute einen Altbestand Volker Braun sortiert. In den Zeitungen der Vortage lustige Dokumente von Meininger Kulturbetriebs-Geheimnissen zwischen den Zeilen.

22. April 2019

Ostermontage sind in Italien Tage, an denen die Bürgersteige hochgeklappt werden, Busse und Bahnen ab Mittag die regionalen Dienste verweigern, soweit wir das einst erlebten. Bei uns wandert das Bio-Ilmkreis-Kaninchen, das seit Karfreitag, zerteilt durch eine Geflügelschere, in der sauren Sahne lagerte, in den Bräter, wo es zu einer festlichen nicht-veganen Mahlzeit mutiert, die mit so genannten echten Thüringer Klößen nebst Bohnen von einer vierköpfigen Speise-Gemeinschaft aus drei Generationen vertilgt wird. Es bleibt ein Hinterläufchen für den letzten aller Schladis der Frau an meiner Seite, dem letzten, für Ausländer formuliert, scheißlangen Dienstage. Ganz langsam sind mulmige Gefühle an meiner Seite nicht mehr zu leugnen, das Räumen des Schreibtisches und der Schränke im Amt hat längst begonnen. Die Berliner Craft-Biere haben eine gewisse Neigung, ihre Etiketten erst nach Einsatz einer platinveredelten Rasierklinge freizugeben, ich habe Übung darin.

21. April 2019

Nur zwei Übernachtungen in Chemnitz, der klare Wille, nicht letztmalig hier gewesen zu sein, obwohl die Stadt selbst, dank anglo-amerikanischer Bomben und Sozialismus im nachfolgenden Aufbauwerk, nun nicht direkt zu den urbanen Kleinodien Mitteleuropas gehört. Sie haben da ein Theater, das neugierig machte, einige der Inszenierungen, die ich nun gern gesehen hätte, laufen bis Saisonende leider letztmalig. In der ehemaligen Sparkasse hat man bescheidene sieben Euro zu zahlen, um von oben nach unten sehr viel Otto Dix und sogar Andy Warhol zu sehen, es ist die Sammlung Gunzenhauser, die ich sehen wollte, seit sie 2007 eröffnet wurde. Wann immer ich auf der A 4 an Chemnitz vorbei fuhr, erneuerte ich den stillen Wunsch. Unser Hotel hat eine nette Kooperation mit einem Restaurant, in dem es einen Sekt gibt für Hotelgäste und fünf Prozent noch obenauf, falls man seine warme Mahlzeit dortselbst einnimmt. Sechs Berliner Craft-Biere als Beute.

20. April 2019

Vom Fenster unseres Hotels aus sehen wir den allgemein als „Nischel“ geführten Karl-Marx-Kopf rechterhand, die Galerie „Roter Turm“ linkerhand, den „Roten Turm“ selbst sehen wir natürlich auch. Wir sehen gegen Abend auffällige kleine und größere Gruppen jener Menschen, gegen die die Bösen in den Augen der Guten unverständlicherweise unverständliche Vorurteile haben. Je später die Stunde, um so lauter die Gruppen jener Menschen, was in den Augen der Guten auch die Bösen endlich zu akzeptieren haben. Je früher die Stunde, umso seltener und leiser jene Menschen, unter denen das weibliche Geschlecht deutlich unterrepräsentiert ist, nicht zu reden von all den restlichen Geschlechtern. 1200 Schritte waren es zum Theater, wir saßen auf Plätzen, wie sie in Friedenszeiten nur Gerhard Stadelmaier bekam und sahen zu allem schließlich noch einen wirklich eindrucksvollen Gerhart Hauptmann. Und nahmen uns heute auch die ehemalige Sparkassen-Hauptstelle zum Ziel.


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