Tagebuch

6. Februar 2017

In Hamburg würde man Schiet-Wetter sagen zu dieser nebulösen Lage, ich lese zwei Geschichten hintereinander, in denen Silvester eine Rolle spielt, was der reine Zufall ist und dennoch in keinem roten Notizbuch festgehalten wird. Geheimrat Goethe ließ am 6. Februar 1817 im Tagebuch festhalten: „Vortrag zur Einführung des Cammerraths bey der Theater-Intendanz. Verordnungen deßhalb concipirt und mundirt. Vorstellung meines Sohnes in der Session der Intendanz. Mittag für uns. Die Geschäfte durchgesprochen. Hofr. Meyer. Canzler Müller. Mit August.“ Seinen eigenen Sohn Kammerrat nennen, das ist was. Ich vermute inzwischen, dass diese ganze Titel-Nennerei im Tagebuch einfach daher kommt, dass die jeweiligen Diener den Text zu Papier brachten, für die es anders despektierlich gewesen wäre. Oder Goethe war tatsächlich so ein Knochen. Die Post bringt die Post vom Sonnabend, als wir gen Dresden rollten im schönsten Sonnenschein, die gute Post.

5. Februar 2017

Unter Freunden schenkt man nicht nur ein Küsschen, bisweilen wird es ein ganzes Konvolut von Theaterprogrammen. Mit einem dicken Paket weißgelber Hefte des Staatsschauspiels Dresden sind wir eben wieder im Heimathafen an Land gegangen, ich habe alles durchgeschaut und auch etwas vorsortiert: Romane auf der Bühne sind tatsächlich eine epidemische Erscheinung. Könnte ich Bannflüche aussprechen, hier würde ich es tun. Die Schwierigkeit des Sonntags wird sein: Wie bespreche ich eine eher mäßige Kleist-Inszenierung, deren Zustandekommen unter so besonderen Bedingungen wie hier ich nicht einfach ausklammern, das Ergebnis aber auch nicht schönreden kann, nur weil der Regisseur eine bewundernswerte Tat vollbrachte, die selbst bei einem völligen Scheitern noch bewundernswert bleiben würde. Kann man einem Mann gerecht werden, der nach schwerem Schlaganfall eben nicht arbeiten konnte wie sonst und für Kleist gut gewesen wäre?

4. Februar 2017

Ein paar Jahre war ich Delegierter des Thüringer Journalisten-Verbandes zu den alljährlichen Hauptversammlungen. Einmal in Rostock, einmal in Berlin, einmal in Essen. In Essen stand auf dem Begleitprogramm der Besuch eines Volkstheaters, das war dann so grauenhaft, dass wir schnöden Journalisten in Scharen die Pause nutzten, um uns zu schleichen. Wohl jedem, der tümliches Theater ertragen kann, ohne in Therapiereife zu fallen. Altmeister-Theater sollte dann auf alle Fälle etwas anderes sein. Deshalb machen wir heute den Test im Staatschauspiel Dresden, wo Altmeister Wolfgang Engel den „Amphitryon“ von Kleist auf die Bühne bringt. Ich vertrete ja die unmaßgebliche Ansicht, man könne dieses herrliche Werk „nach Moliere“ gar nicht verderben, weiß aber andererseits von Pferden und Apotheken. Schon morgen bin ich wieder am Platze, der augenblicklich ganz profan ein Platz an der Sonne ist. Morgen ist Hans Fallada siebzig Jahre tot.

3. Februar 2017

Zu meinen schwer vergesslichen Fernseherinnerungen gehört das „Literarische Quartett“. Der 5. März 1992 hat dabei noch zusätzlichen Wert, weil ich an diesem Abend erstmals den Namen Paul Auster hörte. Und zwar mit jenem nun wirklich herrlichen Akzent gesprochen, den Sigrid Löffler pflegte, es klang wie Poohl Oohster und es ging um den Roman „Die Musik des Zufalls“. Der schlimme Reich-Ranicki versuchte Löffler etwas auf die Schippe zu nehmen, was sie bekanntlich eine Weile tapfer ertrug, ehe sie das Handtuch warf. Wie auch immer: Am heutigen 70. Geburtstag von Auster stehen in meinem USA-Literatur-Bestand 21 Bände von ihm, den mit Abstand dicksten, der eben gerade allseits in allen Feuilletons beworben wird, besitze ich noch nicht, Dimensionen von tausend Seiten schüchtern mich ein und schrecken mich ab. Dass Auster mit Siri Hustvedt verheiratet ist, weiß ich lange, dass er einst auch mit Lydia Davis verheiratet war, erst neuerdings.

2. Februar 2017

Man kann sich darüber aufregen, dass die heimische Lokalzeitung immer beschissener wird oder man kann eine normale Reaktion zeigen: sie nicht mehr lesen. Dann freilich muss man sich neue Anlässe suchen für die kreislauffördernde Billig-Aufregerei, manchen hilft Sekt am Morgen, der allerdings kostet entschieden mehr als das Blatt, in dem nichts steht. In Haupt- und Staatsmedien sah ich an zwei aufeinander folgenden Abenden zwei, verglichen mit früher, früher war vor Trump, geradezu messerscharfe Kommentare. Sollte sich diese Bundesrepublik, respektive ihre tragende veröffentlichte Öffentlichkeit, tatsächlich millimeterweit von ihrer allgemeinen und besonderen Amerika-Hörigkeit entfernen? Dann hätte dieser Trump ja schon eine positive Wirkung erzielt. Ich gehöre zu den weniger seriösen Menschen, die Menschen auch nach ihrer Frisur beurteilen, Männer mit über die Glatze gekämmten verlängerten Sackhaaren finde ich scheißdoof. Mehr nicht dazu.

1. Februar 2017

Wir beenden die Reihe der 116. Geburtstage heute wegen des akut nachlassenden Interesses an dergleichen Daten in Auckland und Wien, Clark Gable sei der vorerst letzte Name, der es in diesem Zusammenhang in dieses Tagebuch schafft. Wir vermeiden weiterhin die Themen Berg (und Tal wegen der Ausgewogenheit) sowie Hochzeiten in Berlin. Die Tatsache, dass uns die Einladung zu einer Hochzeit in Berlin erreichte, ist rein privaten Charakters, ebenso die Abstimmung mit jenen neben uns geladenen Gästen, mit denen wir vor und nach den Feierlichkeiten gemeinsame Quartiere bewohnen werden. Ich erinnere mich dunkel, in jenem Berliner Stadtbezirk, in dem wir wohnen sollen, vor vielen, vielen Jahren mit dem nunmehrigen Bräutigam in der Wohnung seiner Mutter Wände und Rohre gestrichen zu haben. Hilfreich war dabei auch IM Fischer, dessen Wirken sonst nur begrenzt hilfreich war. Der Name der Braut wird aus Datenschutzgründen geheim gehalten.

31. Januar 2017

Weil wir einmal bei den 116. Geburtstagen waren, liefern wir heute einen Nachschlag. Denn Marie Luise Kaschnitz ist an der Reihe, die es nur bis 1974 schaffte und in meiner Bibliothek mit einer  stattlichen Reihe von Büchern vertreten ist. Anders als Nossack war sie nie Kurzzeitkommunist(in) und manches, was sie schrieb, verstehe ich überhaupt nicht, und manches, was sie schrieb, gefällt mir außerordentlich. Man kann sie also zu den Normalfällen zählen. Es ist nicht bekannt, dass sie Kritikerinnen noch zwanzig Jahre später eine aus dem Rahmen der sonst allgemeinen Begeisterung fallende Besprechung um die Ohren haute, nur weil die Kritikerin zufällig einen runden Geburtstag feierte. Aber das ist zugleich ja das Schöne am Leben: es schreitet voran, die Äpfel fallen immer weiter vom Stamm zu Boden, wo ihr dumpfer Aufprall ruhenden Regenwürmern und grabenden Schermäusen auf den Wecker fällt und eifrigen Ameisen das Lebenslicht auspustet. War nur Spaß.

30. Januar 2017

Hans Erich Nossack, der heute 116 Jahre alt geworden wäre, wenn ihn nicht 1977 das Schicksal ereilt hätte, veröffentlichte eine Sammlung mit Reden und Aufsätzen unter dem Titel „Die schwache Position der Literatur“, darin findet sich eine „Rede in Neu Delhi“, die wiederum von Jägern und Sammlern in eine Anthologie aufgenommen wurde, die „Absichten und Einsichten“ heißt und exemplarische „Texte zum Selbstverständnis zeitgenössischer Autoren“ vereint. „Bei uns ist die Lage so“, steht dort, „dass Optimismus nicht nur als stumpfsinnige, sondern als strafbare Handlung bezeichnet werden muss.“ Wie das „bei uns“ zu interpretieren wäre, ist möglicherweise unter die offenen Fragen zu sortieren, von denen Unbelehrbare behaupten, dass ihre Offenheit nur ein Wahrnehmungsfehler sei. Nossack hatte das Pech, sich keiner Gruppe zuzurechnen, das wirkt sich auf Ruhm und Nachruhm verheerend aus, weil es nie den automatischen Vereinsbeifall gab.

29. Januar 2017

Wenn im Theater im dreizehnten Stock „Der Ring des Bibeljungen“ inszeniert würde, das erste nachmittagfüllende Stück eines jungen koptischen Christen mit der Musik einer japanischen No-Trommlerin mit sunnitischer Mutter und Vater aus einer tasmanischen Samenspende, ich würde nicht hingehen, wenn alternativ der Besuch von Kino 4 anstünde, wo „Feuerwehrmann Sam“ gespielt wird. Feuerwehrmann Sam ist so etwas wie Bob der Baumeister für Fortgeschrittene, sein Spruch lautet „Wir schaffen das“ und er schafft das auch immer. Ich gebe zu, dass ich mehr und öfter Bob der Baumeister sah, das ist aber alles eine Frage der Zeitläufte. In Kombination mit dem verfilmten Sams alias Christine Urspruch fügen sich Tage zu Wochenenden, deren Dokumente man gerührt hinter Spiegel kleben würde, hätte man Spiegel. Der SPIEGEL hat Martin Schulz. Es sollen 700 neue Mitglieder in die SPD gerannt sein. Ob sich deren Zahl damit tatsächlich verdoppelt hat?

28. Januar 2017

Es ist vollbracht. Ich habe mir „Faust II“ in Weimar zum zweiten Male nach dem 11. März vorigen Jahres angesehen, ohne Erkältung, ohne schwere Kopfschmerzen, ohne Kampf gegen den nächsten zu unterdrückenden Hustenanfall. Es fehlten fünf Minuten an drei Stunden schließlich, als mit Bravo-Rufen der Schlussbeifall einsetzte. Überwiegend sehr junge Leute und Leutinnen. Immer wieder faszinierend für mich der auffallende Wille unter letzteren, sehr fein gekleidet und gestylt zu sein, wir dagegen hatten, das Wort einer Altvorderen zu nutzen, unseren höchsten Spaß darin, so schlumprig wie möglich ins Theater zu gehen. Wir machten uns lustig über die Provinzschönheiten, die zu Berlin in Gold- und Silberlametta der SB-Bahn entquollen, um zur Staatsoper oder zum Metropoltheater zu strömen. Unser Holzfällerhemd war ein kragenloses Fleischerhemd. Mit über die Ohren gezogener Image-Mütze (mein Nebenmann) hätten wir uns niemals ins Parkett gefläzt.

27. Januar 2017

„derfreitag“ nennt sich „Das Meinungsmedium“ und erscheint als solches in kleinster Auflage gedruckt an jedem Donnerstag, wenn alles gut geht. Gestern hatte Helke Sander anlässlich ihres 80. Geburtstages eine Meinung. Sie lautete: „Frauen hatten schon in der Urzeit Probleme, die Männer nicht hatten“. Ich war damals nicht dabei in der Urzeit, die Frau Sander offenbar noch erlebt hat,  kann aber an Eides Statt versichern, dass in jener Urzeit Männer ebenfalls Probleme hatten, darunter einige, die Frauen nicht hatten. Während Frauen in der Höhle darauf warteten, dass Männer eine schöne frische Mammutlende nach Hause bringen, vergaßen Männer, was Omi gesagt hat, wie man sich verhält, wenn der Säbelzahntiger Onkel und Bruder gegessen hat. Dem Oberbürgermeister habe ich brav gelauscht, dem Bürgermeister vorher auch, der den Part der lustigen Begrüßung übernommen hatte. Groß-Ilmenau rückt näher, auch wenn es nicht bis Maas und Memel reicht.

26. Januar 2017

Wenn Heinz Strunk und Benjamin Stuckrad-Barre fast gleichzeitig einen Hype haben und durch sämtliche Feuilletons gezerrt werden, hat das für mein Archivschaffen große Vorteile: Ich muss nur den Ordner „BRD Str – The“ aus dem Regal ziehen, wo die Lieblingsbuben ihren Platz gefunden haben mit den entsprechenden Ausdrucken und in den entsprechenden Klarsichthüllen, und schon kann ich mich den wichtigen Aufgaben des Tages widmen. Von Goethe fand ich gestern, und war begeistert, den Satz des Mephistopheles für alle rückwärts gewandten DDR-Propheten: „Man denkt an das, was man verließ, / Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.“ Das war schon ein echter Teufelsbraten, dieser Goethe, wie weit der voraus schaute und wie listig er auch gleich wusste, wem er dies in den Mund legen musste. Ansonsten schreite ich heute zum Neujahrsempfang in die Festhalle, mir die Rede meines Oberbürgermeisters anzuhören. Eine Rede im Jahr, das geht schon.


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