Tagebuch

2. April 2017

Morgendunst über Ilmenau, in der Abteilung Vögel ist Zwitschern angesagt, die beiden Laufenten durften gestern erstmals ihr Winterquartier verlassen, an ihrem Wasserbecken vergnügten sich mit sichtlicher Begeisterung die Heckenspatzen, denen die beschnittenen Äste des Hagebuttenstrauchs fehlen. Ich vergnüge mich mit dem Zerschneiden einiger ZEIT-Feuilletons, meine Sammlung mit Ostkurve-Kolumnen von Christoph Dieckmann (Jahrgang 1956) wird immer umfänglicher, selig die drei Repräsentativ-Ossis dieses Landes, Clemens Meyer (Jahrgang 1977) darf dort auch, weil er im Osten Leipzigs wohnt, was offenbar für die Auftragsvergabe wichtig ist. Wer weiß, wenn er seinerzeit bei der Preisverkündigung keine Bügelverschlussflasche hätte ploppen lassen und im Westen Leipzigs wohnte, seine Medienkarriere wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Darüber hinaus nutze ich ein Kleinjubiläum, um mal wieder über diesen Ödön von Horvath zu schreiben.

1. April 2017

Nur weil ich vor ein paar Tagen den Stendhal in meinem Kalender stehen hatte, komme ich nun nicht von ihm los. Ich habe eigentlich ganz andere Sachen im Visier, beinahe hätte ich: auf der Agenda gesagt. Aber immer, wenn sich ein Zeitvolumen anbietet, hänge ich an diesem Mann, ich entdecke interessante Dinge: zwei Briefe Gorkis an Stefan Zweig, die einander ausschließen. Wie es klingt, wenn einer ein Buch lobt, das er gar nicht gelesen hat. Nebenbei leiste ich Archivarbeit, für die ich eine ABM-Kraft einstellen müsste, wenn es solche noch gäbe. Es gibt Stapel in Ecken, die bis ins Jahr 2009 zurückreichen. Meine private Zeitrechnung: Vor dem Unfall, nach dem Unfall. Noch immer die rein abergläubische Abstinenz von einem neuen Theaterbesuch in Halle. Dort gibt es Ende des Monats einen neuen „König Lear“, den ich brauchen könnte nach dem Ausfall in Bad Kissingen. Aber wem erkläre ich das außer mir selbst? April, April, nur leider eben so scherzfrei.

31. März 2017

Unter den Erwinen meines Lebens war einer mein vierter Klassenlehrer, er starb unlängst. Einer war Autor von Kinder- und Jugendbüchern, in sein „Die Insel der sieben Schiffe“ schrieb er mir das erste Autogramm meines Lebens: Erwin Bekier. Das war im Juni 1970. Einer schrieb Bücher, die überwiegend nicht für Kinder und Jugendliche gedacht waren, aber auch sehr erfolgreiche für Kinder und Jugendliche. Meine Beschäftigung mit ihm (und seiner Biographie) brachte mir etliche Leser (fünfstelliger Bereich): Erwin Strittmatter. Sein Sohn Erwin Berner tourt momentan mit seiner Sicht auf Vater, Mutter, Schulzenhof. In ihm sehe ich zuerst einen sehr jungen Schauspieler. Dann war da noch der ganz andere Erwin, der einzig berechtigte Erwin meines Leben: Erwin Magnus. Der starb am 31. März 1947 in Kopenhagen. Seine Jack-London-Übersetzungen spülen noch heute Geld in Verleger-Kassen, weil sie eben die einzig berechtigten waren, wie es so hieß.

30. März 2017

Nicht nur bei Walsers wird man 90, auch bei Günthers. Egon, den sie vorjährig zum Ehrenbürger von Schneeberg machten, ist heute an der Reihe. Er hat auch eine Menge geschrieben, weshalb er kein Fremdkörper in meinem Archiv ist. Vor allem aber hat er die splitternackte Jutta Hoffmann in die Filmgeschichte eingeführt, der in „Die Schlüssel“ immer die Seife aus den Händen rutscht, auf dass sie sich nach ihr bücken muss zur Freude des dabei hochkonzentrierten Kameramannes. Später, in „Ursula“, durfte Jutta Hoffmann eines nackten Mannes Nudel anpacken und auch sonst war ein großes Nacktsausen angesagt. Ach ja, diese Siebziger mit ihren taillierten Hemden, den bis zum Schlüsselbein reichenden Koteletten und diesen Schlaghosen. Während es im Westen den Kumpel juckte und in der Lederhose jodelte, hatten wir nackte Hochkultur, inklusive Gottfried Keller. Zwei Bücher von Egon Günther besitze ich auch, das dickere davon heißt „Der Pirat“.

29. März 2017

Dass Clara Zetkin Alterspräsidentin des Reichstages, Stefan Heym Alterspräsident des Bundestages werden konnten, nur weil sie alt und uralt waren, das steckt allen Nicht-Kommunisten unter den Vertretern des Volkes, also fast allen überhaupt, derart in den Knochen, dass sie nun endlich einen Weg gefunden haben, nur noch dicken Alt-Parteien diesen offenbar begehrten Job zuzuschanzen. Wer am längsten im Hohen Hause hinterbänkelt, darf nach vorn. Es kann passieren, dass demnächst irgendjemand, der seit Jahren als ewig jüngster Listenplatzrutscher an die Fleischtöpfe gelangt, Alterspräsident wird, obwohl 80 Prozent aller anderen älter sind als er. Die kleinen Parteien, die immer mal rausfliegen oder gar frisch hinein kommen, nie werden sie den Job ergattern, ätsch! Selbst wenn sie Methusalem ins Rennen schickten. Gut, dass es die böse AfD gibt, so erfahren wir, auf welche Ideen man verfällt unter einer Glaskuppel, wenn man sonst keine ernsten Probleme hat.

28. März 2017

Dieser Tagebucheintrag verdankt sich einem schweren Lachanfall. Ich lese in einem Brief von Gorki an Tschechow: „Das ist schön, verheiratet zu sein, wenn die Frau nicht von Holz oder eine Radikale ist.“ Und dann erzählt er von seinem zwei Jahre alten Sohn: „Nur hat er von mir das Fluchen gelernt und beschimpft jeden, und ich kann es ihm nicht abgewöhnen. Es ist zum Lachen – aber nicht schön -, wenn der zweijährige kleine Scharlatan seine Mutter aus vollem Halse anschreit: „Im Moment scherst du dich raus, Satansbraten!“ Und dazu spricht er es noch ganz sauber aus: Sa-tans-bra-ten.“ Ich gewann unter der Dusche die Hoffnung, der heutige 149. Geburtstag von Gorki möge nicht nur mich an das Jubiläum in einem Jahr erinnern. An den 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai 2018 denken jetzt schon so viele, dass einem angst und bange werden kann, sie entdecken ihn geradezu. Werden wir die 40 blauen Bände wieder aus dem Keller holen müssen?

27. März 2017

Nein, ich will nicht Nivea-Tester werden, nicht Gilette-Tester, selbst der Gutschein von airberlin interessiert mich nicht und meine Bestellung bei real überprüfe ich ebenfalls nicht, denn ich habe dort gar nichts bestellt. Die Kolumne des Maxim-Gorki-Theaters lese ich eher selten, die Angebote diverser Feriendomizile an Seen, Bergen und in Tälern nutze ich, wenn ich in den Urlaub fahren will, das aber ist für das laufende Jahr längst gebucht und erledigt. Ich frage mich eingeschüchtert mittlerweile, was wäre, wenn in unseren benachbarten Bruderländern Schweiz und/oder Österreich der Versuch unternommen würde, autokratische Verhältnisse zu installieren. Würden dann auch alle unterdrückten österreichischen und schweizerischen Journalisten unsere Zeitungen mit ihren Texten füllen? Würden unsere Kulturmagazine dann im Dutzend neue grandiose Romane aus den Alpen entdecken von Autoren, die eben noch niemand kannte? Vielleicht sogar fürs Theater verwendbare?

26. März 2017

Hätte ich all die lustigen Artikel gesammelt, die in jüngster Zeit von den verheerenden Folgen der Zeitumstellung handelten, irreparable oder schwer zu therapierende Gesundheitsschäden darunter, dann hätte ich vielleicht Anwandlungen bekommen. Aber ich kann nicht alles sammeln. Einen, dem die Zeitumstellung dieser Nacht eine Stunde seines 54. Geburtstages raubt, besuche ich heute, um ihm für die nächsten 54 Jahre alles Gute zu wünschen, seine sicher wie immer sehr leckeren Speisen und Getränke zu konsumieren und nebenbei ein Ohr am Fußball zu haben. Er folgt mir bis ans Ende meiner Tage im Abstand von fast genau zehn Jahren, was es mir stets sehr leicht macht zu wissen, wie alt er nun eben gerade ist. In Goethevorträgen fühle ich mich immer sehr jung, leider gibt es viel zu wenige davon. Wann wird die Zahl der Mitglieder von Ortsgruppen der Goethe-Gesellschaft die Zahl der noch in Freiheit lebenden nördlichen Breitmaulnashörner untertreffen?

25. März 2017

Ich bin wieder mal in Bad Langensalza, um im Journalistenverband den Mandatsprüfungsbericht vorzutragen. Ich will nicht sagen, dass ich das tue, seit ich denken kann, aber ich tue es schon ganz schön lange. Ansonsten darf ich mit dem heutigen Sonnabend wieder Geld verdienen, das nicht zur Anrechnung kommt, außer beim Finanzamt, und das wird so bleiben, bis ich von hinnen gerufen werde. Falls das noch so lange dauert wie beim Walser, will ich nicht meckern. Mein gestriger Theaterbesuch muss noch etwas warten. Ich wäre auch gern wieder gen Leipzig gefahren, um mich zwischen all die Manga-Freunde zu drängen, die da herumströmen. Mein Anzeigenblatt verriet mir diese Woche, dass dort inzwischen auch ältere Kinder offiziell akkreditiert werden, wenn sie in ihrem Leserinnen-Blog genügend bedeutungslose Bücher winziger Verlage besprochen haben. Das Kind soll so viele Bücher besitzen, dass sie gestapelt die Höhe des Kindes erreichen. Phantastisch!

24. März 2017

„Wie ist das eigentlich“, fragte der Mann auf dem e-Bike. „wenn man seine Rechte verloren hat, ist das Leben dann noch lebenswert?“ Ich antwortete: „Es kommt darauf an, wie man‘s sieht. Manche haben auch ihre Linke verloren und kommen damit zurecht.“ Totgelacht hat sich der Mann darüber nicht. Wahrscheinlich dachte er, der Kerl, also ich, hat einen an der Waffel. Als ich in der gestrigen JUNGEN WELT von einem DDR-Staatssekretär las, die DDR-Wirtschaft habe im Wesentlichen rentabel gearbeitet, habe ich mich auch nicht totgelacht. Ich habe nur an manche marxistisch-leninistische Weiterbildung gedacht, in der Professoren aus Berlin, Kleinmachnow oder Potsdam uns Provinzphilosophen erklärten, warum die DDR-Wirtschaft eben nicht rentabel arbeite. Man nennt das Hintergrundinformation heute. 130 Zuhörer hatte Stasi-General Großmann, als er erklärte, die Auslandsaufklärung habe niemandem geschadet. Und Martin Walser ist tatsächlich 90 Jahre alt.

23. März 2017

Lang ist es her, eigentlich ewig, dass ich einen erwachsenen Mann so enthusiastisch, so ausdauernd aus dem „Kommunistischen Manifest“ zitieren hörte wie diesen Privatdozenten von der FU Berlin. Walter Ulbricht und alle, die am Bild der Weimarer Klassik in den fünfziger und sechziger Jahren der DDR in der Richtung arbeiteten, Goethe und Marx möglichst nahe aneinander zu rücken, hätten ihre helle Freude am gestrigen Abend gehabt. Das aber, und das war der Witz des Vortrages von PD Dr. Michael Jaeger (Jahrgang 1961), spricht eher für Ulbricht und Co. als gegen diesen Abend im GoetheStadtMuseum. Man könnte als Kenner des Themas „Goethe und Amerika“ natürlich sagen, das alles war weder neu noch überraschend, nur eben mit anderer Überschrift. Aber es gibt immer Leute, für die fast alles neu und überraschend ist: weil sie jünger sind, oder weil sie keine Ahnung haben oder weil eben niemand alles wissen kann. Okay also. Am 175. Todestag von Stendhal heute.

22. März 2017

Es gab Jahre, da war dieser Goethe-Todestag für mich ein Vortragstermin. Heute ist er es auch, nur dass ich zuhöre, nicht rede. Es gab ein Jahr vor fünfzig Jahren, da erhielt ein unscheinbarer Brief eine Unterschrift, der vier Jahre meines Lebens bestimmte. In meinem Schülerleben gab es das erste Schuljahr mit einem Klassenlehrer und einer Klassenlehrerin, das zweite bis vierte Schuljahr mit einer Klassenlehrerin, das fünfte bis achte mit einem Klassenlehrer, das neunte und zehnte mit einer Klassenlehrerin, das elfte und zwölfte mit einem Klassenlehrer. Nachdem am 3. März die Nummer 5 dieser Reihe im Alter von 82 Jahren starb, könnte nur noch die Nummer 2 am Leben sein, die als Fräulein kam, als Frau nach nur einem halben Jahr wieder ging. Anfang des Monats erreichte mich die Nachricht einer Honorargutschrift von 4,11 Euro für den Verkauf von e-Books. Ich kann nicht versprechen, darüber im nächsten Jahr anlässlich meiner Steuererklärung abermals zu schreiben.


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