Tagebuch

26. September 2017

Die Diskussion, was geschieht, wenn Jamaika nicht zustande kommt und die SPD ihr Böckchen nicht ablegt, ist im Gange. Die dann unvermeidliche Neuwahl wird für Angela Merkel das beste Wahlkampfargument liefern, das sich denken lässt: die anderen drücken sich vor Verantwortung. Stinkstiefel Horst in München wird sich mühen, nach der 40-Prozent-Hürde auch die 30 Prozent nach unten hin zu knacken, die AfD in Ilmenau nicht nur einen Kandidaten aufstellen, den niemand je sah oder kannte, sondern einen, von dem es nicht einmal ein Foto gibt, der wird auf Anhieb 44 Prozent der Erststimmen ergattern. In meinem Wahllokal Ziolkowski-Straße wird die Kandidatin der Linken ihren üblichen Sieg einfahren, dicht gefolgt von dem Mann ohne Gesicht. Nun aber wieder zum Spaß des Lebens. Beinahe hätte ich eine Notiz zu Marina Zwetajewa verfasst, nur weil mein Literaturkalender zu doof ist, julianischen und gregorianischen Kalender zu unterscheiden.

25. September 2017

Diese Sachsen! In manchen Wahlkreisen versucht die SPD, der Fünf-Prozent-Hürde nahe zu treten, aber auch hier im grünen Herzen ohne Grüne sammeln Bürger männlichen Geschlechts, sich zur AfD bekennend, Stimmen ein, als hätten sie versprochen, Deutschland zum Fußballweltmeister für die nächsten 60 Jahre zu machen, die Benzinpreise auf 60 Cent pro Liter zu senken und die Steuern auf 60 Prozent der Cayman-Insel-Regelsätze festzuschreiben. Was machen eigentlich nun die SPD-Minister mit ihren angefangenen Projekten? Erklären sie sie für Teufelszeug? Wenn Andrea Nahles  anfängt, die Arbeitsmarktpolitik der großen Koalition in die Pfanne zu hauen und Siegmar Gabriel deren Außenpolitik, dann hat die Politik wieder den Unterhaltungswert, den alle Satire-Magazine so gern von ihr hätten. Hätten alle vereint noch vier bis sechs Wochen weiter mit Inbrunst auf die AfD eingedroschen, wäre sie vielleicht nicht nur in Sachsen stärkste Kraft geworden: Meißen all over.

24. September 2017

Meine Stimme ist ein Bumerang. Seit ich sie erstmals abgab für die Kandidaten der Nationalen Front (nicht Front National, das sicherheitshalber), kehrt sie auf wundersame Weise zu mir zurück, damit ich sie bei passender Gelegenheit, sprich Wahl, erneut abgeben kann. Auch heute gab ich sie ab, ein früherer Staatsbürgerkundelehrer sprach von Wahlbeeinflussung, als die mir angetraute Gattin versehentlich, ihn übersehend, in seine Wahlkabine äugte. Die Wende wandelte ihn zum Schelm, der Arges bei allem denkt. Noch gestern waren wir in Lübbenau, noch heute in Dresden und nun beginnen Zeiten mit Wochenenden zu Hause. Der Gelbe Muskateller begleitet auch die aufregenden Wahlsendungen alle als Ersatz für den einen Tatort, wir warten das vorläufige amtliche Endergebnis nicht ab, denn die wieder auf diesen Sonntag vorgezogene ElefantInnenrunde zeigte einen indisponierten Oppositionsführerkandidaten, der partout den Schröderimitator geben wollte.

23. September 2017

Derweil wir uns heute nacktem Vergnügen im Land Brandenburg hingeben, bereite ich Freunden von Heinrich Heine, die morgen hoffentlich alle brav wählen gehen, mit diesem Zitat überaus gern eine stille Freude: „Der Überdruss, den mir die Weißen einflößen, ist wohl schuld daran, dass ich mich in diese schwarze Welt versenke, die wirklich sehr amüsant ist. Diese schwarzen Negerkönige machen mir mehr Vergnügen als unsere heimischen Landesväter, ob sie gleich ebenfalls von Menschenrechten wenig wissen und die Sklaverei als etwas Naturwüchsiges betrachten.“ Dass ich ohne Johann Peter Eckermann auf diesen Brief an Georg Weerth vom 5. November 1851 gar nicht so schnell wieder gestoßen wäre, obwohl ich ihn vor elf Jahren bereits las und verarbeitete, will ich nicht verschweigen. Man wird älter, wenn auch zum Glück nicht dicker, sondern dünner. Die morgige Verlautbarung hier kommt etwas später, der lange Weg heim entschuldige unser Säumen.

22. September 2017

Einige Bäume am Bahnhof spielen mit ihren Blättern Rot-Rot-Grün, einige Grüne verwandeln sich in Gelbe. Braun werden nur jene, die am Boden liegen, sie müssen dort allerdings ein Weilchen weilen. Die Abwesenheit einer schwarzen Fraktion unter den hängenden Chlorophyll-Junkies gilt in bestimmten Kreisen als schlechter Witz der Natur, denn auf den Klimawandel ist es nicht zurück zu führen. In Berlin eröffnete gestern das vollkommen neue Berliner Ensemble seine vollkommen neue Spielzeit mit einem ziemlich alten Stück. Wenn wir heute aus dem Staatsschauspiel Dresden gen Langebrück rollen, werden wir nicht über „Caligula“ reden, obwohl wir in Dresden eigentlich immer darüber reden, warum sich niemand traut, „Caligula“ zu inszenieren.Wir sind erhört worden. Es gibt ihn nun, den Camus, nun müssen wir ihn nur noch sehen, wo es ihn gibt, nach Darmstadt nun also auch in der Hauptstadt. Da war was mit einem Pferd als Senator, also früher, in der Antike.

21. September 2017

Stephen King, der heute 70 wird, sieht auf dem Foto in NEUES DEUTSCHLAND aus wie Tante Frieda. Das wird ihn nicht weiter stören. Wenn er an jedem weltweit verkauften Buch auch nur einen Vierteldollar verdient hat, dann sind mehr als hundert Millionen Dollar bei ihm hängen geblieben. Wenn Ronnie James Dio „Kill the King“ singt, meint er natürlich nicht Stephen. Mein ganzer Kontakt zu King beschränkt sich darauf, dass ich in gewissen Abständen einige Minuten von „Shining“ sehe wegen Jack Nicholson. Mit Johann Peter Eckermann ist das anders. Ihm widme ich mich auch dann regelmäßig, wenn nicht eben sein 225. Geburtstag ansteht wie heute. Wenn sein Verhältnis zu Goethe auch nicht ganz mit meinem als „persönl.Eckermann“ zu Big Goethupek zu vergleichen ist, letztlich hat er Winsen an der Luhe doch dauerhafter berühmt gemacht als etwa Udo Lindenberg mit seiner Angelika, die keinen Star in Ruhe ließ. Ecki, Ecki, Eckermann, Ecki, Ecki.

20. September 2017

Ein Mann, der gar nicht aussieht wie ein herkömmlicher Prospekteverteiler, verteilt auch keine Prospekte wie ein solcher, sondern Wahlwerbung für die AfD. Er entsteigt einem kleinen roten Auto, das er voller Selbstbewusstsein quer über zwei für ihn strikt verbotene Mietparkplätze abstellt, während er seine Papiere regelwidrig so in die Briefkästen schiebt, dass sie noch ein Stück herausschauen. Richtige Prospekteverteiler wissen, dass so unbefugte Entnahme nicht verhindert werden kann bei Menschen, denen es im Vorbeigehen lustig erscheint, fremde Post zu greifen. Die Auftraggeber richtiger Prospekteverteiler fragen bisweilen sogar bei ihren Kunden nach, ob denn die Prospekte auch tatsächlich ankämen, denn es gibt Verteiler, die ihren kleinen Nebenverdienst kassieren möchten, ohne den vollen Aufwand mit all den Briefkästen zu haben. Diese legen ihre Sachen einfach obenauf oder werfen sie gleich in die Papiercontainer. Bei der AfD geht das nicht.

19. September 2017

An William Goldings 106. Geburtstag schweige ich über William Golding. Ich gebe meiner stark wachsenden Sehnsucht Ausdruck, die Wahl möge vorbei sein, denn ich kann es nicht mehr lesen, hören oder sehen, dass der Wahlkampf langweilig sei. Ich will auch keine jungen Leute sehen oder hören, die mehr Vertretung ihrer Interessen wünschen und deshalb so tun, als würden sie sich freuen, wenn Grünschnäbel und Grünschnäbelinnen an die Fleischtöpfe rücken. Früher, also ganz früher, als das Klima sich noch wandelte, obwohl die Menschen nur auf Mammuten ritten, da saßen die Ältesten zu Entscheidungsfindungsprozessen zusammen, nicht irgendwelche Schnösel und Schnöselinnen, die beim Aufspringen auf das Mammut auf der anderen Seite gleich wieder herunter fielen. Heute aber wird selbst der Begriff des Ältesten zum Witz gemacht, um nicht dem falschen Ältesten eine Redemöglichkeit zu erlauben, die die Guten den Bösen nicht gönnen. Unsere Guten!

18. September 2017

Noch zeigen beide Waden an, dass sie 500 Meter Höhenunterschied abwärts zu verkraften hatten, das kommende Wochenende in Dresden wird weniger anstrengend. Ich lese bei Ödön von Horvath einen in den sozialdemokratischen Wahlkampf nicht widerspruchsfrei zu integrierenden Kernsatz: „Die Gerechtigkeit ist zwar eine schöne Sache, eine gute Sache, aber wer die Macht hat, der braucht sie nicht.“ Preisfrage bis zum Wahlsonntag: In welchem Stück hat Horvath das wem in den Mund gelegt? Die Brockenbahn gibt kleine zweifarbige Papp-Fahrkarten aus gegen ein geringes Entgelt von 27 Euro, die haben doppeltes Nostalgie-Format, sie erinnern an die Reichsbahn-Pappkarten der DDR und sie werden richtig mit Knipser gelocht von einer lustigen Schaffnerin, die auf Anfrage verrät, das Papp-Konfetti werde direkt an den Kölner Karneval geliefert. Der erfolgreichste Doper des Radsports wird heute 46 Jahre alt, gegen ihn war mein Namensvetter Jan ein Waisenknabe. 

17. September 2017

Den Plan, das Storm-Haus in Heiligenstadt auf dem Heimweg anzuschauen, ließen wir fallen, wir hätten uns bis zum Beginn der Öffnungszeit drei Stunden dort herumdrücken müssen, wo ich mit einem später bekannten Heimatgeschichtler und Freund meines Vaters aus beider Kindertagen die erste und einzige Ansitz-Jagd meines Lebens vermasselte. Ich finde es eine pfiffige Idee, an Tagen, wo Menschen Zeit haben, ein Museum geschlossen zu halten. In vielen Ländern und Gegenden ist der Montag Schließtag. So sind wir nach zwei Stunden Fahrt zu Hause, können bei Tageslicht beide schlanken Flaschen aus der Harzer Likör Manufaktur Gernrode in den Schrank stellen: Rhabarber und Beeren. Diese Leckereien werden nur molekülweise getrunken, die neuen Sorten Bier aus dem Getränkemarkt in Braunlage gehen rascher den Weg des Vergänglichen. Aus Braunlage stammt  auch Wilhelm Raabes Freund und Biograph Wilhelm Brandes (1854-1928), den ich nicht kannte.

16. September 2017

Nachtrag: Braunlage verlor 22 Jahre vor Ilmenau seinen Kreissitz, Jahre später verlor es seinen Sohn Peter Scharff an Ilmenau, woselbst er nun schon viele Jahre Universitäts-Rektor ist. Die Menschen in Braunlage sind dörflich-freundlich, die Preise in Braunlage haben gute Reste vom Zonenrandgebiet. 306 der 365 oder 366 Tage im Jahr herrscht auf dem Brocken Nebel, kann man auf dem Brocken lesen. Wir erwischen einen der 59 Tage ohne Nebel und haben entsprechend die Weitsicht. Aufwärts mit der Brockenbahn, eine halbe Stunde von Schierke bis oben, abwärts auf den Wanderfüßen, mit Unterbrechungen am Urwaldstieg knapp drei Stunden bis zum Parkplatz. Das Foto mit mir neben dem Heine-Denkmal wird nicht ins Netz gestellt wie auch all die anderen Fotos mit mir neben Lenin, Bismarck und Garibaldi nicht. Das Wolkenhäuschen oben trägt die Jahreszahl 1736, es war also schon da, als Goethe am 10. Dezember 1777 den Gipfelstürmer gab.

15. September 2017

Ganze sechs Gedichte von ihm finde ich in meinen 70 Büchern mit tschechischer und slowakischer Literatur, darunter freilich kaum zehn Prozent Lyrik. Übersetzt haben sie Uwe Kolbe und Heinz Czechowski. Geboren ist er am 15. September 1867 in Troppau, heute Opava, damals Hauptstadt von Österreichisch-Schlesien. Dort gibt es eine Gedenkstätte für ihn kontinuierlich bis heute. Am antisemitischen Zug in seinen Texten haben offenbar weder sozialistische noch ihnen folgende Zeiten ernsthaft Anstoß genommen. Spuren davon finden sich sogar in den genannten Gedichten, der Jude Franz Werfel schrieb 1916 ein Vorwort für die Sammlung „Schlesische Lieder“. Offenbar nahm man vor 1933 Antisemitismus selbst unter Betroffenen lockerer als heute vorstellbar. Die Rede ist von Petr Bezruč, der neunzig Jahre alt wurde. Nicht auf seinen Spuren, wohl aber voller Bedacht, fahren wir heute nach Braunlage, weshalb hier auf die Nachträge gewartet werden muss.


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