Tagebuch

2. März 2017

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ gibt es erst morgen, obwohl der gute alte Kurt Weill ja heute bereits Geburtstag hat, während es heute den „Urfaust“ gibt, ohne dass das Fräulein von Göchhausen irgendwie gedenkauffällig ist. Dafür könnte man an Arany János denken, in Ungarn wohl immer noch eine Art Klassiker, während wir offensichtlich mit unseren drei bis fünf als solche fast verbeamteten Repräsentativ-Ungarn plus Feindbild Orban hinreichend versorgt scheinen. Ich gebe gern zu, dass ich den Band „Gedichte“ von Arany, den Corvina Kiado Budapest anlässlich des hundertsten Todestages am 22. Oktober 1982 herausgab (und auch Prosa einschmuggelte), Preis damals 75 Forint, erst später erwarb. Der Name war mir ewigem Ungarnreisenden allerdings längst geläufig wie viele andere magyarische Literaturnamen auch. Vom Dichter sagt Arany: „Mag er aufwiegeln, mag er begeistern, niemals tue er es zum Schaden der Ästhetik und des Geschmacks.“

1. März 2017

Schon wieder Schneekrümel draußen und mein Leser in Bregenz am Bodensee, welcher zu meinem NVA-Buch griff, obwohl ich da unten weder jemals sang, noch mich von einer Blockflöte begleiten ließ, wird sehr wahrscheinlich nicht an den Tag der Nationalen Volksarmee denken, dessen Einführung sich heute zum sechzigsten Male jährt. Zehn Jahre später wurden die Hans-Beimler-Wettkämpfe zugefügt mit der wunderschönen Disziplin Handgranatenzielwurf. Diese Disziplin war für mich wie Kugelstoßen: Ich bugsierte das Gerät nie weit genug, traf folgerichtig mit der Granate auch nie. In vorderster Linie hätte ich vermutlich eher die eigenen Reihen dezimiert als den Feind. Mein schlechtes Werfen war kein Akt des Widerstandes gegen Uniform und System, wie überhaupt mein Widerstand, aber ich bin da, glaube ich, in einen falschen Text gerutscht, der gar nicht von mir stammt. Bregenz wäre übrigens auch eine nette Gegend, wenn da nicht mein Leser säße, Ehrenwort.

28. Februar 2017

Nur weil ich in dieser Woche schon wieder zwei Theatergänge absolviere, frage ich mich nicht, was engagierte Regie sei. Es kann bedeuten, dass sie als nicht fest ans Haus gebundene Leistung mit einem deutlich von Null unterschiedenen Honorar abgegolten wird. Man engagiert einen neuen Trainer, der vorher Co-Trainer war, sich jetzt freut und dann weniger kostet als ein richtiger Trainer, der neue ist dann engagiert, was wenig besagt. Auf Schulzeugnissen, habe ich aus mehr als sechshundertvierundddreißig Ratgeberseiten in Zeitungen fast aller Art gelernt, ist ein engagierter Schüler einer, der stets sich strebend bemühte, nicht zwingend aber auch ans Ziel gelangte. Vorsicht vor dem Kandidaten, sagt die Ratgeber-Botschaft für die angesprochenen Personaler und für die Verfasser der Beurteilung: Besser lügen! Ansonsten endet heute schon wieder dieser hübsch kurze Monat, die Knete kommt drei Tage früher als im März, und das sogar in voller Höhe, wirklich toll.

27. Februar 2017

Was im Sprachgebrauch meiner Genossenschaft eine ganze Einheit ist, weiß ich nicht zu definieren, ihr Ausfall jedenfalls bewirkt, dass es weder warmes Wasser, noch Heizung, noch – und das ist die eigentliche Überraschung – Fernsehen gibt. Knappe zwanzig Minuten nach Beginn des angeblich schlechtesten Tatorts aller Zeiten stieg die gesamte Programmvielfalt aus, was wir durch unseren Entertain-Receiver locker ausglichen. Heute Morgen dasselbe Bild, respektive Nicht-Bild, meine erste Gratulantin erwischte fernmündlich ein ungeduschtes Geburtstagskind. Ich denke zwanglos an Peter Hamm, der sechszehn Jahre länger als ich an diesem Wintertag Glückwünsche und Präsente entgegen nimmt. Keines seiner Bücher habe ich je rezensiert, noch beabsichtige ich, es je zu tun. Ich mag sie aber, alle aus der Edition Akzente bei Hanser: „Der Wille zur Ohnmacht“, „Aus der Gegengeschichte“, „Die Kunst des Unmöglichen“ und „Pessoas Traum“. Danke, Peter Hamm.

26. Februar 2017

Am Vorabend des Tages, da mein Alter nach neun Jahren Pause wieder einmal die Quersumme zehn erreicht, während in der Küche Teile des Menüs bereitet werden, mit dem die kleine Schar meiner mich mögenden Gäste am frühen Abend beköstigt wird, damit alle, die es wollen, noch rechtzeitig den Rosenmontag in der Ilmenauer Festhalle erreichen, an diesem mittelschönen Sonntag genieße ich es noch eine Weile, diesen Weimarer „Hamlet“ von gestern von mir weg geschrieben zu haben. Meine überhöhte Heimreisegeschwindigkeit nach Zahlung von sieben Euro Parkgebühr entsprang wohl unbewusstem Distanzierungswillen, die hold in der Küche jetzt Waltende lag schon zu Bette, ich schaute mir noch ein wenig Fußball im Videotext und ein wenig Mord und Totschlag im ZDF-Seitenkanal an, goss ein wenig Costieres de Nîmes in mich, um dann dem Tagebucheintrag entgegen zu schlafen. Ich träumte süß von Zucker und Anis, wie es so hieß.

25. Februar 2017

Schreckstarre will ich es dann doch nicht nennen, was ich erlebte, als ich vor Wochenfrist die mir als Bahnlektüre in Erfurt gekaufte Thüringische Landeszeitung (TLZ) zu lesen versuchte. Da ist ein Teil „Kultur & Freizeit“ mit drei von vier Seiten Veranstaltungs- und Fernsehprogramm, unten Goldberg, der jetzt in jeder Zeitung ist, die es überhaupt in Thüringen gibt. Gerlinde Sommer ist auch noch da, die ich aus Zeiten der Tagespost in Erinnerung habe. Sonst aber: unfassbar, wie ein so genanntes Qualitätsmedium an Qualität verlieren kann durch die Fusionitis der Eigner. Auf jeder einzelnen Seite in „Wiege, Bett und Recamier. Kleine Kulturgeschichte des Liegens“ von Anthony Burgess steht mehr Substanz als in diesem aufgemotzten Anzeigenblatt. Gestern leerte ich endlich  die Papierkiste mit dem Druckabfall der Woche. Anthony Burgess ist übrigens der berühmte von „Clockwork Orange“, auch Hemingway- und Shakespeare-Biograph, heute würde er 100 Jahre alt.

24. Februar 2017

Mein gestriges öffentliches Bekenntnis zu Nackt-Kontakten hat unter meinen neuseeländischen Freunden unerwartete Irritationen ausgelöst. Ich verweise also für alle Argentinier, Bulgaren, Tschechoslowaken, Finno-Ugren sowie katholischen Mönchinnen darauf, dass man in Deutschland immer noch in den so genannten Adams-Roben respektive Eva-Kostümen die Sauna aufsucht, wo man dann barrierefrei nebeneinander oder einander gegenüber, untereinander oder Rücken an Rücken umhersitzt, während der Schweiß rinnt und so weiter. Wenn ich neben hinter unter der genannten sächsischen Persönlichkeit sitze, ist mit fast hundertprozentiger Sicherheit die mir vor knapp 41 Jahren angetraute Gattin in der Nähe, lediglich auf einem anderen Handtuch sitzend oder liegend. Karl Schönherr, der am 24. Februar 1867 das Licht seiner österreichischen Welt erblickte, saß vermutlich nie in deutschen Saunen, was seinem Ruhm als Autor freilich nicht geschadet hat.

23. Februar 2017

Was für Musik würde ich an einem vernieselten Donnerstag wie dem heutigen am Morgen hören, wenn nicht NEUES DEUTSCHLAND mich inspirierte? Nun, ich höre morgens mit und ohne Zentralorgan nie Musik. Wenn mein Blick aber beim Ausschneiden eines Lang-Artikels zum 75. Todestag von Stefan Zweig, der nicht dessen angeblichen Exhibitionismus zum Hauptgegenstand macht, auf die verspätete Todesnachricht von Larry Coryell fällt, dann schreite ich gemessenen Schrittes zu meinen CD-Regalreihen, greife nach den exakt drei in meinem Besitz befindlichen Scheiben von Larry Coryell, lege „Fallen Angel“ ein, beginnend mit dem „Inner City Blues“ und dann ist das ein Morgen, der mich in unerwartet beschwingte Stimmung versetzt. Natürlich denke ich mit der Papierschere in der Hand an meine Lieblings-Kerstin, die ich seit unverschämt vielen Jahren Tina nenne, mehrmals im Jahr sehen wir uns bekleidet und unbekleidet, und das ist gut so.

22. Februar 2017

Natürlich hat die zweite violette Blüte an unserer einzigen Wohnzimmer-Orchidee nichts mit Ottilie Wildermuth zu tun. Immerhin aber hatte diese Orchidee im Gegensatz zu allen anderen, die auf den Fensterbrettern stehen müssen, stets nur eine einzige, eine damit gewissermaßen einsame Blüte. Die Wohnzimmer-Orchidee zerstört unsere mühsam abstrahierten Standortregeln, auch wächst sie wild und mutig, womit wir doch wieder bei Ottilie wären, deren 200. Geburtstag mich einzig deshalb neugierig gemacht hat, weil Robert Walser in seiner winzigen Schrift einen Mikrogramm-Entwurf hinterlassen hat, der ihr gewidmet ist. Auch Peter Härtling war auf ihren Spuren und ein Marbacher Magazin zu ihr gibt es, womit zugleich auf eine sehr interessante Publikationsreihe hingewiesen ist, die schon lange erscheint. Wer sich für schwäbische Pfarrhäuser interessiert, ist bei Ottilie bestens aufgehoben, ich bin lediglich auf Stippvisite bei ihr. Und blättere sofort bei Robert Minder nach.

21. Februar 2017

Am 21. Februar 1962 erlebten „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt ihre Uraufführung und schon wenig später begannen bedeutende Provinzmarxisten zu wissenschaftlichen Kolloquien über die Verantwortung der Wissenschaftler und die Kunst zu referieren. Einige Sonderdrucke aus jener Zeit bekam ich von den bedeutenden Marxisten persönlich geschenkt. Später fabrizierte auch ich einige Sonderdrucke, die ich hätte verschenken oder verschicken können, wenn ich nur Lust dazu verspürt hätte. Das war in jenen Jahren, wo sich Geisteswissenschaftler unwohl fühlten, wenn sie nicht in jedem zweiten Satz das Wort Ambivalenz verwendet hatten. Bisweilen war der gesamte wissenschaftliche Neuwert ausschließlich der, auf einen bekannten Tatbestand dieses vermeintlich tolle Wort angewendet zu haben. Gegenwärtig versucht das Wort Narrativ, ähnliche Bedeutung zu erlangen, ich weiß aber nicht, ob es schon in Sonderdrucke vorgedrungen ist. Ich lese keine mehr.

20. Februar 2017

Wer weiß, ob wir Weißenfels in seiner von der Bahnlinie aus gesehen unergründlichen Hässlichkeit je wieder vor Augen bekommen hätten, wäre nicht der ICE wegen eines Notarzteinsatzes, wie die Sprecherin auf Gleis 5 des Berliner Hauptbahnhofes das umschrieb, durch einen Ersatzzug namens IC ersetzt worden. Der IC hatte den Vorteil freier Platzwahl für alle, worüber wir uns mit unseren drei bezahlten Platzkarten besonders freuten. Der IC brauchte eine knappe dreiviertel Stunde länger bis Erfurt, worüber sich alle freuten, die dort ihre Anschlusszüge verpassten. Der ICE, in dem wir nach Berlin gekommen waren, hatte einen Defekt in der Klima-Anlage, sie tropfte von oben herab und als das vom Personal in Halle bemerkt wurde, begann sich das Klima in unserer Waggonhälfte radikal zu verschlechtern. Unsere Waden waren in der Hauptstadt zu Eisbeinen geworden, freilich ohne Sauerkraut. Wir verstehen jetzt, warum Humoristen so extrem gern mit der Bahn umherfahren.

19. Februar 2017

Manchmal, wenn ich dem Müßiggang verfalle, ohne deshalb gleich zum Uwe zu werden, stelle ich mir vor, wie schön es wäre, einmal eine Partei zu spalten. Ich käme in die Schlagzeilen, vielleicht würde mir auch jemand nur Schläge androhen ohne Zeilen. Andere ziehen ihr Selbstwertgefühl zur Gänze aus der Tatsache, nie in einer, egal welcher, Partei gewesen zu sein, nie für Tageszeitungen geschrieben zu haben, als die noch unter dem Diktat der Partei standen, in der sie leider nie waren, während bekanntlich andere Blätter, die nur einmal in der Woche oder gar im Monat erschienen, diktatfreien Humor verbreiten durften. Kurzer Rede langer Sinn: Ich muss an diesem Sonntag, den ich fern der Heimat verbringe, um einen zweiten Geburtstag zu feiern, beim Blick aus dem Fenster allenfalls denselben schweifen lassen und weder etwas Bedeutendes denken noch so tun, als würde ich einen bedeutenden Gedanken in mir gären lassen. Wenn ich am Boden liege: nur zum Spielen.


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