Tagebuch

1. Juni 2017

Der Kurzausflug der Woche führte uns wie immer, wenn uns nicht viel einfällt, weil uns zuerst einfällt, dass wir uns ganz gern verwöhnen lassen, nach Bad Kissingen. Gelegentlich werden wir eine kleine Statistik veröffentlichen, wie oft wir da waren. Wie viel All-Inklusive-Frankenwein wir tranken, ist leider nicht zu ermitteln, wie oft die Saale gerade Hochwasser hatte, schon eher. Wir kennen Donau-Hochwasser, Elbe-Hochwasser, Mosel-Hochwasser, im österreichischen Waldviertel sahen wir Hochwässer, deren Namen wir jetzt schon nachschlagen müssten und wir sahen absurde Hochwasser-Marken an Häusern, die wir nie für möglich gehalten hätten. In der Wachau liegt unsere Stamm-Ferienwohnung so hoch über dem Fluss, dass selbst nach einer Sintflut die Arche aus St. Pölten unter uns vorbei treiben würde. Am 1. Juni denke ich traditionell an Ödön von Horvath. Noch gehen mir weder der Stoff an ihm noch die Lust auf ihn aus, mal schauen, wie lange das hält.

31. Mai 2017

Nein, auf die Schweiz kam ich gestern nicht wegen Eiger, Mönch und Jungfrau, sondern mitten aus der Arbeit an einem Text zum heutigen 200. Geburtstag von Georg Herwegh, der manches Jahr bei den Eidgenossen lebte, mit und ohne Emma Herwegh, die vor ein paar Tagen ebenfalls ihren 200. Geburtstag hatte und neben ihm im Grab in Liestal, Kanton Basel-Landschaft (BL), liegt, heimisch einfach nur Baselbiet. Wegen Carl Spitteler wäre ich beinahe einmal dagewesen. Aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Fotos aus der Schweiz, auf denen ich zu sehen bin, die ich also nicht selbst mit meiner F 801 oder meiner D 3100 schoss, zeigen mich neben Schildern auf Alpenpässen, es sind die so genannten Pass-Bilder, aus denen meine Urenkel vielleicht einst eine Foto-Galerie gewinnen und ins Netz stellen werden, dem eitlen Opa ein Denkmal zu setzen. Georg und Emma waren ein Paar, wie es selten welche gab und noch die alte Emma beeindruckte den jungen Frank Wedekind.

30. Mai 2017

Gäbe es Krampfadern in Gehirnen, ich wüsste, wo welche zu vermuten wären. Wegen zahlreicher Anfragen aus dem neutralen Ausland kläre ich auf: Günther Klotz war unter anderem Chefredakteur des Shakespeare-Jahrbuchs und Autor einiger Bücher über englische Dramatik, Dr. Ernst Schwarz übersetzte aus dem Chinesischen, spitzelte ein wenig für die Stasi und lebte ein langes Leben. Dass Marijam Agischewa, die schönste Nackte hinter einem Duschvorhang des DDR-Fernsehens, die nächstes Jahr auch schon 60 Jahre alt wird, seine Tochter ist, weiß ich seit gestern erst. Sage noch einer etwas gegen Montags-Informationen. Glaubhaften Quellen zufolge schwimmen im Thuner See keine Thunfische, eher Egli und Felchen, welche deutlich kleiner sind und ungefährlich für Histamin-Allergiker. Mandelblättchen passen sehr gut zu Egli-Filet. Wie komme ich darauf: in Steckborn aßen wir das erstmals anno 1999, später mal da, mal dort, immer in der netten Schweiz.

29. Mai 2017

An Erich Honeckers Todestag, der auch Romy Schneiders Todestag ist und John F. Kennedys 100. Geburtstag, treibe ich Urlaubsnachbereitung. Da wartet ein Karteikärtchen, dort eines, ich erwähne besonders gern noch, wie unfassbar preiswert belgische Klarsichthüllen für Archiv-Artikel sind, zwei Packungen zu je 50 Stück kosten einen Euro weniger als hier die preiswertesten im Copy Shop, von denen man wiederum drei Packungen zu je 100 Stück zum Preis für zwei Packungen aus dem so genannten Fachgeschäft bekommt und leider nehmen muss, wenn man welche braucht. Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, sagt eine alte Völkerballregel, weshalb wir morgen schon wieder das Nahe suchen. In der aufgehobenen Post war ein Buch mit einer Widmung von Günther Klotz für Dr. Ernst Schwarz aus dem Jahr 1972, Schwarz hat sich offenbar nicht einmal die Mühe gemacht, im Geschenk wenigstens zu blättern, die Seiten hingen am Kopfschnitt noch zusammen.

28. Mai 2017

Wir müssen ein wenig auf unsere Gastgeberin warten, die noch etwas Geld von uns will, weil sie am Sonntag nicht in Richelle war. Sie will deutlich weniger, als wir vermuteten. Abfahrt um 10.24 Uhr, es geht zügig bis in den Bereich der A 5, wo die Staus beginnen, die uns schließlich eine gute Stunde Zeit kosten. Raststätten unterwegs in diesem Bereich völlig überfordert. Zu Hause 51 Mails sofort zu löschen. Der Anrufbeantworter macht mich auf eine dubiose Verlautbarung eines Mannes aufmerksam, der früher alle Tassen, die ihm zur Verfügung standen, im Schrank hatte. Jetzt ist der Schrank offenbar leer, das Gedächtnis spielt dem Mann herbe Streiche, ich würde mich gern für ihn schämen, mein Fremdschäm-Kontingent wird allerdings mittelfristig von Donald Trump komplett absorbiert. Ich habe nunmehr 97 Übernachtungen in Belgien hinter mir, die zweite Woche an der Nordsee würde morgen beginnen, wäre da nicht eine Hochzeit nächstes Wochenende in Meißen.

27. Mai 2017

Nachtrag: Ein paar kleine Einkäufe für zu Hause, vor allem den Eau de Villée aus der Distillerie de Biercée in Thuin, die wir vor Jahren besuchten und nie vergaßen. Dann Lüttich, Parkhaus Kennedy, über die Brücke zur Anlegestelle vor dem Museum. Für sehr bescheidene acht Euro fast zwei volle Stunden Flussfahrt auf dem Oberdeck von einem Ufer zum anderen, vor uns eine dicke deutsche Frau mit einer dünneren deutschen Frau im Dialog über vermeintliche Bausünden. Warum sind hier so hohe Häuser am Ufer erlaubt? Vielleicht sollten einfach mehr Menschen einen schönen Blick auf die Maas haben? Und nicht nur Wassergrundstücksbesitzer wie in Deutschland oft üblich, natürlich nicht an der Maas, die hier ja so hübsch Meuse heißt. Am Abend Donner, Blitz und Regen, der Hof im Handumdrehen leer. Den letzten Abend begleitet ein Fendant aus Sion, den wir selbst in der Schweiz nie sahen. Reisevorbereitungen für morgen, der Pokal geht tatsächlich nach Dortmund.

26. Mai 2017

Nachtrag: Eine ausgesprochene Entdeckung: Chateau de Modave. Das Wetter konstant herrlich und sehr warm, die Führung per Audio-Stick eine neue Erfahrung, man tippt nur an eine Tafel und hört dann den Text, muss nicht erst umständliche Zahlenkombinationen eingeben. Eine alte Erfahrung: es gelingt uns nicht, Klassenhass gegen den Adel zu imaginieren. Wir besuchen Schlösser und Burgen lieber als Gedenkstätten der Arbeiterbewegung, es sei, diese sind in einem Aufwasch mit zu nehmen bei einem Schloss-Besuch. Wie in Gotha vielleicht. Man kann im Chateau heiraten, also nebenan, genauer gesagt. Ein Brautpaar sahen wir passend dazu. Auf dem Rückweg hielten wir an einem amerikanischen Soldatenfriedhof, den wir schon kannten, lange Stuhlreihen geschmückt mit Fähnchen, ein Rednerpult, was auch immer da stattfinden wird, wir trugen uns ins Gästebuch ein. Die Ruhe in unserem Hof ist hin, Planungen für den letzten Tag morgen betreffen erneut Lüttich.

25. Mai 2017

Nachtrag: Bis gestern rätselten wir noch, ob der Hof van Aken vielleicht eine Fehlinvestition sein könnte, heute füllte sich alles in kurzer Zeit. Auf dem Weg nach Lüttich sahen wir fasziniert, welche wunderbaren Möglichkeiten es gäbe, das Königreich der Niederländer im Handstreich und ohne Blutvergießen zu übernehmen. Alle, aber auch wirklich alle Holländer fuhren mit und ohne Anhänger in Richtung Brüssel und weiter, mit dem Feiertag lockt wohl ein langes Wochenende. In Lüttich besuchten wir das Aquarium und die Sammlungen der Universität mit Präparaten und mit Knochen. Traum-Anblick: Ohrfleck-Röhrenaale, wie sie in ihren Löchern verschwinden, wenn die Korallengarnele oder die Kardinalsgarnele anmarschieren. Am Abend langes Gespräch mit unserer Gastgeberin, die Deutschland gut kennt und deutschen Mohnkuchen liebt. In den Hofecken wird wild gegrillt, es sind plötzlich auch Scharen von Kindern da aller Altersstufen und ein kleiner Hund.

24. Mai 2017

Nachtrag: Länder, deren höchste Erhebung 672 Meter erreicht, haben in der Regel auch keine Wasserfälle, die Verwöhnten imponieren. Die Cascades de Coo machen dennoch erklecklichen Lärm, der Wasserstaub ist bei günstigem Wind kaum weniger nässend als der der Rheinfälle bei Schaffhausen und es gibt dort ein Vergnügungsgelände, das in der Saison Tausende täglich locken soll. Heute ist alles geschlossen, die Gastronomie rundum natürlich nicht, die uns zu Pannekoek verführt und vor allem auch der mit einem Bähnchen zu befahrende Wildpark nicht. Es gibt bis auf drei herrlich fuchsfarbene Dingos keine exotischen Tiere, dafür aber allerlei auf Hufen mit und ohne Geweih, mit und ohne Hörner. Fast alle scharf auf Mais, die Wölfe natürlich nicht, die Dingos begnügen sich vor unseren Augen mit weißen Brötchen. Mein Blick auf Arnold Wesker steht im Netz, mehr wird es in dieser Woche nicht geben. Geburtstagsanruf in Berlin klappt im 2. Versuch.

23. Mai 2017

Nachtrag: Unsere kleine Ferienwohnung geht über zwei Etagen, wir nehmen die Mahlzeiten vor der Tür im Innenhof. Kein Fernsehen lenkt uns ab, denn trotz Nähe des deutschsprachigen Teils von Belgien gibt es kein einziges deutschsprachiges Programm, weder privat noch öffentlich-rechtlich. Ich studiere Akten aus dem Archiv der Deutschen Schillerstiftung. Weil der Tag ein ruhiger sein soll, geht es nur nach Visé, nicht mehr als ein Stadtbummel und ein zweiter Delhaize-Gang wegen der Biere. Auch Weine stehen im Regal, die ich zu Hause wahrscheinlich kistenweise wegtragen würde. Auf dem Dachfirst tragen Vögel Sängerwettstreite aus, einer imitiert täuschend Falkenruf. Auch heute ist der kürzeste Rückweg gesperrt, diesmal wegen eines Unfalls, wir müssen erneut über Visé und Dalhem nach Richelle, das wir in alle Richtungen erkunden. Für morgen nehmen wir die Cascades de Coo ins Visier mit Option, uns dort im Umkreis noch umzuschauen je nach Lust.

22. Mai 2017

Nachtrag: Wir sind in Richelle gut angekommen, wenn man davon absieht, dass eine deutsche Autobahnabfahrt gesperrt war Richtung Dortmund, die wir hätten nehmen sollen. Kurz vor dem Ziel nochmals eine kleine Zusatzrunde, rund um Richelle gab es eine Rallye, die wegen der schönen Serpentinen über unsere kürzeste Zufahrt führte. Erst hörten wir die Renner nur, dann sahen wir sie auch, alles eher Oldtimer. Heute eine Fahrt nach Maastricht, wiederum mit Rundfahrt wegen einer Sperrung der Abfahrt zum Zentrum, das niederländische Schild Volg ist aber unzweideutig. In Maastricht lernt man, wie teuer Parkhausgebühren sein können und sieht anschließend Weimar mit milderen Blicken. St. Servatius ist eine imposante Kirche mit einem sehenswerten Schatz, am Vrijthof aßen wir Vlaoj mit und ohne Sahne. Und ein Eis, wie wir es in dieser Qualität wohl nur alle Jubeljahre bekommen. Bei Delhaize auf Anhieb vierzehn neue Biersorten, der Vorrat ist gigantisch.

21. Mai 2017

Fünf Jahre liegt mein 26. (in Worten: sechsundzwanzigster) Aufenthalt in Belgien nun zurück, ich werde nachtragend vom 27. Besuch die eine oder andere Notiz hinterlassen. Heute wäre eine gute Gelegenheit gewesen, endlich einmal etwas zu Gabriele Wohmann zu schreiben, die nun schon wieder fast zwei Jahre tot ist und mich einst, 1981, mit ihren Erzählungen „Alles für die Galerie“, 1972 bei Aufbau erschienen, über die Normalmaße hinaus begeisterte. Als ich viel später erneut zu einem ihrer Bücher griff, war ich enttäuscht. Eine Frage von Volker Weidermann lautete vor knapp neun Jahren: „Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Schriftstellerin Gabriele Wohmann so radikal aus der Mode gekommen ist?“ Schrieb sie zu viele Erzählungen, zu wenig Romane? Nein, laut Tilman Krause war sie Graphomanin und, dann eben doch, die „Königin der Kurzgeschichte“. Das wird nicht verziehen. Lieber der Schildknappe des Romans. Nun folgt eine Weile Sendepause.


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