Tagebuch

27. April 2017

Der Motorradunfall ist ganz sicher nicht die angemessene Todesart von Schriftstellern, auch nicht die von Gitarristen der Allman Brothers Band, dennoch kommen sie vor, man stirbt einfach mit Motorrad schneller als mit Auto, ich weiß, wovon ich rede, der Flug ist ähnlich, nur die Landung nicht. Heute vor 30 Jahren erwischte es Walther Kauer, jenen seltsamen Schweizer, der als einziger seines Landes einen Roman erst in der DDR, dann vier Jahre später auch zu Hause veröffentlichte. Er hat auch einen Fußball-Roman geschrieben, der allen professionellen Lesern missraten erschien. Ich kenne diese „Abseitsfalle“ nicht und bin auch nicht spitz darauf, sie kennenzulernen. Dafür ist die Dauerwerbung für die Landesgartenschau in Apolda inzwischen so wirkmächtig geworden, dass wir heute einen Termin gesucht und gefunden haben, wann wir in die Stadt fahren, in der Goethe der DDR-Fama nach seine Liebe zur ausgebeuteten Arbeiterklasse entdeckte. Apolda, wir kommen.

26. April 2017

Am Welttag des geistigen Eigentums können wir wahlweise an Tschernobyl denken oder an die Schlacht um Bautzen. Woran Hannelies Taschau heute denkt an ihrem 80. Geburtstag, ist ihre Privatsache. Ich würde ihren Namen gar nicht kennen, wenn ich mir nicht eines Tages ein bb-Büchlein gekauft hätte mit dem Titel „Keine mildernden Umstände. Geschichten von Frauen aus der BRD“. Bis zu ihrer Geschichte „Mein Körper warnt mich vor jedem Wort“ bin ich nie vorgestoßen, weshalb ich mich einen Taschau-Muffel nennen müsste. Schaue ich heute auf die Namen der Beiträgerinnen dieser sicher sehr engagierten Anthologie, dann fällt mir auf, wie wenige davon einen Bekanntheitsgrad erreicht haben, den man nennenswert nennen könnte. Die schlimme Männerwelt eben und damit Schluss mit der Nennerei. Bei Würzburg hat der Frost ganze Lagen des Gewürztraminers vernichtet, das ist schlimm genug, den Silvaner immerhin hat Warmluft gerettet.

25. April 2017

So ganz sicher ist das gar nicht, dass Paul Kornfeld heute vor 75 Jahren starb, denn er starb in der Stadt Łódź, als diese den Namen Litzmannstadt tragen musste. Sein Tod kann auch schon im Januar 1942 gewesen sein. 1924 schrieb der in Prag Geborene: „Nichts mehr von Krieg und Revolution und Welterlösung! Lasst uns bescheiden sein und uns anderen, kleineren Dingen zuwenden -: einen Menschen betrachten, eine Seele, einen Narren, lasst uns ein wenig spielen, ein wenig schauen, und wenn wir können, ein wenig lachen oder lächeln.“ Unter Elchen, die immer noch welche sind, gilt solche Haltung als hochgradig suspekt. Man kann übrigens, auch das mal zu sagen, auf meiner Seite die links sichtbare Suchfunktion nutzen. Dann sieht man, aktuell zu sein, wann und wo ich schon über Anne Diemer schrieb, auch wo und wann über Anne Kies. Annekathrin Bürger, die am 3. April 80 wurde, findet man nicht. Paul Kornfeld findet man da auch: in der Rubrik JAHRESTAGE.

24. April 2017

Nur weil ich am Morgen eine hübsche Kindergeschichte von einer Schnepfe mit gebrochenem Schnabel lese, die einem Fischer am Weißen Meer hilft, Lachse zu fangen, gerate ich in die positiv unendlichen Weiten der Watvogelkunde, beschaue mir Bilder, lese Beschreibungen, denke gar nicht mehr pflichtgemäß an meinen gestrigen Tennessee Williams, an meine Erstbekanntschaft mit der imposanten Stadt Altenburg mit ihren Schönheiten und beklemmenden Leerständen im Zentrum und vor allem natürlich mit einem Theater, in dem ich wohl nicht zum letzten Mal gewesen bin. Dennoch, ein wenig verweile ich bei Brachvögeln, Strandläufern, Bekassinen. Nur weil einige Arten nachts ziehen, ist die Geschichte überhaupt möglich geworden. Früher habe ich, wenn mich ein bestimmter Vogelkundler in der Redaktion besuchte und mir verlegen, als wäre sein Hauptberuf Verlegenheitler, wunderschöne Fotos zeigte, innerlich etwas gegrinst. Längst verstehe ich ihn gut.

23. April 2017

Sollte ich jemals den Stromanbieter wechseln, werde ich Tagebuch führen sieben Tage lang, ob der Strom danach anders aus der Dose kam. Den Telefonanbieter wechsle ich nicht, weil ich ein ganz und gar gottverdammter Magenta-Fan bin und auch sonst. Heute ist ein verkaufsoffener Sonntag in dieser Stadt. Ich könnte mir dieses oder jenes Auto kaufen, betrachte mich jedoch vorläufig noch als versorgt. Mit dem vorhandenen Fahrzeug geht es heute über Gera nach Altenburg. Wir werden „A streetcar named desire“ sehen und vermutlich am Ende die eine oder andere Träne im Knopfloch haben. Der Hype um Cervantes und Shakespeare ist schon wieder ein sattes Jahr alt. Die WELT hatte gestern ein Gespräch zwischen einer hippen Theoretikerin der Generation Y namens Emily Segal mit Douglas Coupland, dem kanadischen Erfinder der Generation X. Mich interessiert allein die Frage daran, was nach der Generation Z kommt: Ä, Ö, Ü?? Wieso kam nach Golf überhaupt X?

22. April 2017

Nach Holzhausen könnte ich heute fahren oder mit Altkollegen wandern, die zum Fossilientreffen eingeladen haben. Beides lasse ich, weil ich fit nach Coburg kommen will, dort ist die Premiere von Fassbinders „Katzelmacher“. Im November werden es dreißig Jahre, dass ich das zuerst las, wann ich es als Film sah, weiß ich nicht mehr. „Katzelmacher“ wird jetzt wieder ganz gern gespielt, in Dresden haben sie das fünfzig Jahre alte Stück sogar eigens nach Sachsen verlegt: für alle mit einer ganz besonders langen Leitung. Dass es solche eines fernen Tages nicht mehr geben möge, der ferne Tag dabei so nah wie möglich, war der Wunsch von Lessing. Am 22. April 1767 (nun kurz rechnen!) veröffentlichte er die Ankündigung seiner „Hamburgischen Dramaturgie“: „Doch ich will die Erwartung des Publikums nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, und der zu viel erwartet.“ Ach ja, dieser alte Lessing, war das ein kluger, kluger Kopf.

21. April 2017

Als ich gestern, den Rucksack voller Bäcker-Produkte, den alldonnerstäglichen Zeitungskauf abwickelte, grinste mich am Drehständer mit den Zeitungen, die ich nicht kaufe, weil meine drei bereits unterm Ladentisch auf mich warten, die Überschrift an: Arnstadt verliert Kreissitz. Ja, ei der Daus, dachte ich da, wird doch nicht und nein aber auch. Immerhin war der Kreissitz in Arnstadt über all die Jahre dann doch eine nette Fehlinvestition von vielen, vielen Millionen in bald ziemlich überflüssige Verwaltungsgebäude. Bis kreisreformbedingte Einsparungen diese Millionen auf Null ausgeglichen haben werden, könnten die Polkappen abgeschmolzen sein. Mal sehen, ob nun eine Alternative für Arnstadt gegründet wird oder ob Pro Arnstadt bei der nächsten Kommunalwahl erstmals mehr als hundert Prozent aller Stimmen erringt. Sicher wird heute auch irgendjemand 88. Ich halte es mit dem Mauerspringer Peter Schneider, der auf satte elf Jahre weniger kommt, auf 77!

20. April 2017

In Ostthüringen sind sowjetische Schriftsteller bisweilen bis zu zehn Jahre jünger als in Süd- und Mittelthüringen, das Phänomen ist noch nicht erforscht, die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG ordnet dem Fall leider keine hohe Dringlichkeitsstufe zu, weshalb in den Startlöchern sitzende frühemeritierte Slawisten abgewickelter Fakultäten noch keine Hoffnungsseufzer ausstoßen dürfen. Man könnte heute den 160. Geburtstag des Dänen Herman Bang feiern, den auch Thomas Mann nachlesbar mochte, bei Bang schlägt zudem gemeinhin das Abweich-Phänomen des julianischen vom gregorianischen Kalender und umgekehrt nicht zu, so dass ein Blick in „Das graue Haus“ Farbe ins spätwinterliche Leben brächte. Oder in den sehr netten Band „Exzentrische und stille Existenzen“, dessen dritte Auflage von 1979 still und exzentrisch in meinem Skandinavien-Regal steht, in dem sich besonders ein gewisser Ibsen breit macht. Welches Theater spielt Bang-Romane?

19. April 2017

Der gestrige späte Versuch, im weltweiten Netz irgendwo irgendeinen Hinweis auf den heutigen 100. Geburtstag von Edith Bergner zu finden, ist gescheitert. Die Welt rächt sich an der Autorin zahlreicher Kinder- und einiger Erwachsenenbücher, sie hat einfach zu viele Blätter gefüllt für das Ministerium für Staatssicherheit, allein die Vernichtungsprotokolle von Ende 1989 weisen rund 1500 Seiten aus. Bei Annahme, dass Band I kaum schmaler war als der vernichtete Band II, kommt man rasch auf an die 3000 Blatt, das wäre der Umfang von zehn oder mehr Romanen. Man sieht, wohin bienenhafte Emsigkeit und fehlgeleitete Staatstreue führen können. Dennoch wird bis zur Vernichtung meines Leseregisters durch meine Erben oder deren Erben dort Edith Bergners „Vom Jochen, der nicht aufräumen wollte“ als erster Titel in der Tintenschrift des Jahres 1964 stehen. Der erste Bühnen-Skandal von Dürrenmatt, „Es steht geschrieben“, hatte am 19. April 1947 Premiere.

18. April 2017

Irgendwann muss die Fachbibliothek Romanistik der Humboldt-Universität zu Berlin die Nase voll gehabt haben von ihren verstaubten sozialistischen Zeitschriften-Beständen in der Clara-Zetkin-Straße 1. Verständige Fachkräfte sortierten aus, nicht ohne über den alten Bibliotheksstempel mit der guten alten Postleitzahl 108 Berlin das Wort „ausgesondert“ zu stempeln. Für mich ergab sich daraus die Möglichkeit, bei gelegentlichem Bedarf etwa ein Exemplar aus dem gebundenen Jahrgang 1975 der „Weimarer Beiträge“ zu erwerben, weil mein eigener Bestand erst mit 1976 einsetzt. Zwar ist das Papier, wie es so schön heißt, gelbrandig, aber die verehrten Nutzer der Fachbibliothek haben weder Anstreichungen noch Randbemerkungen hinterlassen, so dass ich nun anstreichen und randbemerken kann nach Herzenslust. Als das Oktoberheft 1975 den Markt ereilte, studierte ich schon emsig unweit der Clara-Zetkin-Straße. Ansonsten schneit es heute schon wieder.

17. April 2017

An drei Abenden in Folge erfreute die Gastronomie am Markkleeberger See Gaumen und Beutel, Nachrichten von zu Hause bezeugten ein deutlich untermaßiges Wetter. Eine wichtige Tasche blieb in Markkleeberg zurück, weshalb wir vom Belantis-Park aus noch einmal umkehren mussten. Sie stand brav wartend neben der Wohnungstür, der Zeitverlust hielt sich in Grenzen. In der Post zu Hause ein fünfzig Jahre altes Bändchen der Diogenes Erzähler Bibliothek. Ich mag diese handlichen Bücher mit ihrem augenfreundlichen Druck und ihrer kenntnisreichen Auswahl. Während ich dies schreibe, fällt draußen so etwas wie Schnee auf die Kirschblüten unter unserem Balkon, den eben noch unzeitgemäßen Winterreifen fällt eine völlig neue Bedeutung zu. Ein gewisser Thornton Wilder hat heute seinen 120. Geburtstag, eine meinerseits dazu in Arbeit befindliche Niederschrift muss noch ein wenig reifen. Reisen in Familie und arbeiten sind eher unverträgliche Tätigkeiten.

16. April 2017

Das Völkerschlachtdenkmal hat derzeit nichts, in dem es sich spiegeln kann, es ruht in sich selbst und für bescheidene acht Euro kann man einige Höhenmeter per Fahrstuhl und auf immer schmaler werdenden Wendeltreppen überwinden. Während in der Stadt gestern einzelne Fans aus Freiburg zu sehen waren, sehen wir heute von oben das Stadion in der Ferne. Die Graupelregen-Wolken sind schneller über dem Denkmal, als die Flucht über ampelgeregelte Auf- und Abstiege zu schaffen ist, die Klettergruppe teilt sich vorübergehend asymmetrisch, ich spiele den feuchteren und kleineren Part. Unten scheint schon wieder die Sonne, weswegen dieser Monat ja auch gern April genannt wird. Der Cospudener See wird nach dem Störmthaler und dem Markkleeberger unser dritter hier, man muss nicht zwingend Südsee-Insulanern im Abenteuer-Urlaub beim Untergang ihrer Atolle zuschauen, es geht auch hier was, wenn man bereit ist, einen gewissen Palmenmangel zu tolerieren. 


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