Tagebuch

16. September 2019

Milde Enttäuschung von Ravenna. Grandios die Basilika Sant’Appolinare in Classe, einem Vorort, der einst Hafen war. Mosaiken aus uralten Zeiten. Zweite Station außerhalb des Zentrums von Ravenna: das Grabmal Theoderichs, das Dach aus einem einzigen riesigen Stein wirft die Frage nach der Montage des Monuments auf. Stadtrundgang mit Claudia, die uns auf der Piazza del Popolo verlässt für die kleine Freizeit. Wir schauten zuerst zum Dante-Grabmal, suchten dann vergeblich in den Gassen nach einem normalen Geschäft mit Spezialitäten und Weinen. Zeitig zurück in Cesenatico. Die unangenehme Überraschung: es fahren keine Busse mehr, wir sahen die letzten gestern von unserem Balkon aus. Heute ist Schulbeginn in Italien. Langer Fußmarsch ins Zentrum, wo uns eine kleine Fähre für 40 Cent übersetzte. Auf dem Busparkplatz in Ravenna erstaunlich viele Busfahrerinnen, bei uns immer noch eher selten. Schrittrekord gebrochen: 21019.

15. September 2019

Das Taxi vor unserem Haus war fast auf die Minute pünktlich, am Bahnhof aber kein Bus. Dafür kam ein weiteres Taxi, das uns zum Hermsdorfer Kreuz brachte. Wir stiegen in einen Berliner Bus bis Torbole, von wo aus es heute weiter ging nach Verona und dann Cesenatico, Ortsteil Zadina. Gestern beim zweiten Halt Stress mit einem Holländer, der sich genüsslich auf einen Busparkplatz gestellt hatte. 8.42 Uhr passierten wir unser Hotel vom Sommer in Torri del Benaco. In Verona kurze Stadtrundfahrt, dann Gang zu Fuß mit Aurora, die uns natürlich auch zum berühmten falschen Balkon führte. Zu den Schmierereien an den Wänden sind jetzt angeklebte Zettel gekommen. Neu für uns der riesige Friedhof, in dessen Nähe unser Bus wartete, mit mehreren Abteilungen. Eigene Grabfelder für Nonnen und Schwestern. Im Hotel das Zimmer 124, keine Gläser, nur ein Stuhl im Zimmer, nur ein Stuhl auf dem Balkon. Nach dem Marzemino gestern heute ein Romagna-Wein.

14. September 2019

Während wir im Bus gern Süden rollen, norditalienische Kulturstädte zu besichtigen, tobt landauf, landab der Jubiläumsbär zu Alexander von Humboldt. In Bad Steben, wohin es uns angelegentlich verschlägt, man kann dort beispielsweise Silvester in der Sauna feiern, hat man eigens ein Bier zum Jubiläum gebraut, es heißt überraschend: Humboldt-Bier. Das erste Fass wird um 15 Uhr angezapft und dann geht es los. Humboldt lebte von 1792 bis 1795 im heute Humboldthaus genannten Bau Badstraße 2, wurde dort vor allem als Förderer des fränkischen Bergbaus geehrt, längst aber auch darüber hinaus. Hinter mir steht die gute alte Humboldt-Biographie von Herbert Scurla, der noch dicker auch über Wilhelm geschrieben hat, den Bruder Alexanders. Mein Humboldt-Archiv ist so stark angeschwollen, dass ich zwei Nachwuchs-Forscher ans Auswerten setzen könnte allein zum Thema: Humboldt als Medienereignis. Nun aber zum Alltag zurück, Ravenna und Ferrara rufen.

13. September 2019

Geh ich vom Parkdeck Richtung Rolltreppe, nach unten zu meinem Zeitungsladen zu rollen, sehe ich: am 20. September wegen Feiertag geschlossen. Frag ich meine Lieblingszeitungsverkäuferin, was das denn für ein komischer Feiertag sei und erfahre: Kindertag. Sie freut sich, weil sie in der kommenden Woche Urlaub hat und einen Tag weniger nehmen muss, mir ist es egal, weil ich zwar auch im Urlaub bin, aber keine Anrechnung mehr habe als Rentner. Was um alles in der Welt aber ist unserer rot-rot-grünen Import-Regierung denn eingefallen, einen 20. September zum Kindertag zu ernennen? Für uns ist der 1. Juni Kindertag. Und da schwafeln diese Komiker, die bald gewählt werden wollen, ständig davon, dass wir „Ostdeutschen“ uns nicht mitgenommen fühlen in die heile Wunderwelt des Westens. Warum oktroyieren sie uns nun auch noch einen gesetzlichen Feiertag neu an einer Stelle auf, wo wir ihn nicht brauchen? Freut sich der 100 Jahre alte Beamtenbund??

12. September 2019

Mein Kalender verrät mir, dass heute vor 100 Jahren Leonid Andrejew starb, was mich an Maxim Gorki erinnert, dessen Essay über Leonid Andrejew ich vor beinahe fünfzig Jahren erstmals las mit der Nebenfolge, dass ich neugierig wurde auf diesen alten Russen, der einfach kein Revolutionär war wie die Guten und trotzdem laut Gorki ein Guter. Da Swetlana Geier zu lange damit befasst war, den unschuldigen „Jüngling“ von Dostojewski in einen „Grünen Jungen“ zu verwandeln, blieb ihr keine Zeit zu einer weiteren überflüssigen Neuübersetzung, weshalb Andrejew im Feuilleton des gesamtdeutschen Westens nicht vorkommt. In meinem dürftigen Andrejew-Archiv dämmern drei Beiträge aus späten DDR-Zeiten vor sich hin. Sie betreffen „Das rote Lachen“ sowie „Judas Ischariot“, Erzählbände der Aufbau-Ausgabe „Gesammelte Werke in Einzelbänden“, gediegene Ausgaben. Bei Reclam gab es „Gullivers Tod“, „Der Gouverneur“ im Verlag der Nation Berlin.

11. September 2019

Der Titel des komischen Beitrags mit dem „Lese-Flow“ hieß „Bücher als Impfstoff gegen platte Parolen“ und ist kaum besser als Friedrich Wolfs „Kunst ist Waffe“, das wenigstens noch in eine einspaltige Überschrift passt. Es darf zumindest keine Luft zwischen den Buchseiten sein, wenn geimpft wird, dann wäre es nämlich Mord, weshalb bekanntlich Schwestern gegen die Spritze klopfen, ehe sie einstechen und ein wenig raus lassen an die Luft außerhalb der Kanüle. Folgt man der Logik von „Report Mainz“, dann müssen Gemeinderäte der so genannten System-Parteien in ihren Dörfern stets gegen den Neubau eines Kindergartens stimmen, falls der Pfui-Teufel-Mann aus der AfD (wahlweise NPD) mehr Platz für die Dorf-Kleinsten will. Sonst wäre es, was verboten ist: Zusammenarbeit. Im Abspann sah man auch den „Ilm-Kreis“ unter den schlimmen Gegenden, in denen CDU und AfD schon gemeinsam gestimmt haben sollen. Heinrich, mich graust vor mir.

10. September 2019

Lange vor der Olsen-Bande reiste schon einer nach Jütland: Theodor Fontane. Nachdem ich im Wachau-Urlaub seine Italien-Reisetagebücher las und den Anfang des ersten Reisetagebuches, das eben nach Jütland führt, griff ich heute nach den „Reisebriefen aus Jütland“, sieben sind es an der Zahl, rasch gelesen und für mich mit allerlei angenehmen Assoziationen verbunden. Denn 1997 im August sah ich die Mehrzahl jener Orte rund um den Limfjord, die Fontane besucht und beschreibt. Auch die Orte und Gegenden in Südost-Jütland mit dem Zielpunkt Düppeler Schanzen kenne ich gut, sah mir den berühmten Kriegsschauplatz des Deutsch-Dänischen Kriegs von 1864, der mir allenfalls vom Hörensagen her vertraut war, aus nächster Nähe an. Das war aber zehn Jahre später, 2007. Neben Fontane heute auch alte Zeitungen der Vorwoche. Die neue Chefin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels schwärmt vom „Lese-Flow in Romanen“, was auch immer das ist.

9. September 2019

Ödestes Wetter. Daher Blick zurück ins Jahr 2004. Wir traten am 8. September die „Tour de France“ an, 15 Übernachtungen in 10 Hotels, wir sahen Paris wieder, Caen, St. Malo, Quimper, Tours, Bordeaux, Nimes, Cannes, Albertville, reihenweise tolle Erlebnisse, nur in den Pyrenäen eine so gnadenlose Überfütterung, dass wir kapitulierten, ehe wir platzten, in Nimes tippten wir auf alten Stier vom Stierkampf, als wir Rindfleisch auf dem Teller hatten mit zu weichen Nudeln, sonst gute französische Küche. Meine drei Joseph-Roth-Texte haben mich gut vertreten, die Post sah ich mir gestern nur flüchtig an. Vor neun heute schon ein lange überfälliges Päckchen, es rundet meine Hofmannsthal-Bestände ab. In der Wachau las ich in Fontanes Reisetagebüchern, schaffte mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte. Die Früchte der vergangenen Monate lasse ich bald zu Boden purzeln. Dann erst einmal vorbereitend Zahnarzt, die zweite große Runde rückt Schritt für Schritt näher.

8. September 2019

Eine Woche ist leider nicht länger. Wir sind die ersten im Frühstücksraum, die gefräßigen Leipziger fehlen noch, die lauten Sachsen mit Elmshorner Kennzeichen löffeln auch heute ihre Marmelade direkt in den Schlund, bis das Gläschen auf dem Tisch leer ist. Anschließend verpesten sie das gesamte Haus mit einem Höllenkäse, den sie dem nur für Zimmergäste vorgesehenen Kühlschrank entnehmen. Beide Paare untypisch, weil abweisend und unkommunikativ, was bei diesem eher breitmauligen Stamm sonst nicht zur Grundausstattung gehört. Die Vielfraße bestellten noch weiter bei Weixelbaum, als sie bereits die Rechnung bezahlt hatten, seltsame Wesen. 9.26 Uhr rollten wir ab, 11.18 Uhr passierten wir die Grenze, brauchten schließlich eine volle Stunde länger als für die Anreise. Jetzt waren wir in dem Endlosstau, den wir von der anderen Seite sahen vor Wochenfrist. Zu Hause eine wilde Weinschlepperei in den Keller, ich hatte lange und genussvoll zu sortieren.

7. September 2019

Endlich das neue Kunsthaus in Krems, auf jeder Etage eine andere Ausstellung. Wir erlebten den Baufortschritt in den vergangenen Jahren, der damit begann, dass der alte Parkplatz der Kunstmeile verschwand. Das Ausstellungskonzept führt dazu, dass man Egon Schiele in drei verschiedenen Ausstellungen finden kann, ebenso Oskar Kokoschka. Die eigentliche Entdeckung ist aber Franz Hauer (1867 – 1914), der in Weißenkirchen geboren wurde als Sohn eines Briefboten und später in Wien als Inhaber eines Lokals zu Ruhm und Reichtum kam, in dem so unterschiedliche Leute wie Karl May und Mark Twain verkehrten. Er wurde in den fünf letzten Jahren seines Lebens Förderer und Sammler von Kunst, wie es nach heutiger Wertung nach ihm keinen wieder gab in Wien. In Weißenkirchen kannte man ihn auch nicht, sein Name hat sich nicht erhalten. Zweiter Besuch bei Weixelbaum, drei Mitbringsel. Mehrere Gänge zum Kofferraum, um so viel als möglich zu packen.

6. September 2019

Nach Tulln, weil es dort angeblich eine neue Egon-Schiele-Ausstellung gibt. Neu sind aber nur die frühen Bilder unten, oben ist alles, wie wir es kennen, nur nicht vollständig zur Kenntnis nehmen konnten, weil es im vorigen Jahr zu voll war. Heute lange ganz allein im Haus, wir genossen alle elf Hörstationen in Ruhe. Wir mutieren langsam in Richtung Experten. Die frühen Bilder entstammen den Jahren 1905 und vor allem 1907, kleine Formate. Heimwärts nur die Vinothek in Krems, wieder ein Karton voll für zu Hause. 15.06 Uhr sind wir bei Weixelbaum die allerersten Gäste, setzen uns gleich neben die Tür. Der Seniorchef begrüßt uns wie uralte Freunde, wir hielten sehr lange durch. Wir hören die Geschichte der ältesten Weinpresse im deutschsprachigen Raum, die übers Fernsehen kam und nun für zusätzlichen Ruhm des Hauses sorgt, das nur viermal im Jahr für zehn Tage öffnet und wieder eine Goldmedaille für den 2018er Muskateller einheimste. Vorbestellung für morgen.

5. September 2019

Auf besonderen Wunsch einer einzelnen Dame und mit meinem gleichlautenden Begleitwunsch heute der Weg mit der Rollfähre über die Donau. Dann nach der Ruine Aggstein. Auch hier nahmen wir den Audioguide, hörten an, was wir schon einmal hörten, genossen die herrlichen Rundblicke, die wir schon kannten. Es gibt dreiste Menschen, die sich ohne eigenen Guide neben einen stellen und mithören wollen. Blick auf Willendorf, man sieht die Fundstelle, wenn man weiß, wo sie zu finden ist. Rückwärts über Rossatz zur Autofähre, in Rossatz drei Weine direkt vom Gut, ein helles Nepomukstandbild aus dem Jahr 1721. Die Rollfähre jetzt besser besetzt, bei der Hintour waren wir ganz allein an Deck. Bei Ferdl Denk geht ein Mitnahme-Wein nicht auf die normale Rechnung, es gibt eine zweite, die auch nicht mit Karte bezahlt werden kann. Hier trinken Menschen auch Bier und Kaffee, ein Buschenschank im Sinne der Regeln ist das also nicht. Dafür hat er fast immer auf.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround