Tagebuch

21. August 2017

Nachtrag: Die Fahrt über A 71, A 38 und A 143 gen Berlin ist nach wie vor ein guter Tipp, der sich offenbar einfach nicht herumsprechen will, wir hatten auch sonntägliches Glück am Funkturm, bis Wielandstraße nicht ein in der zweiten Spur parkendes Fahrzeug. Am Abend die schon bekannten Signalstörungen, diesmal zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße, die dafür sorgen, dass es immer wieder zum Halt vor der Einfahrt in den Bahnhof kommt. Unsere Karten vom 30. Juni haben ihre Gültigkeit. Als wir über die Brücke am Bode-Museum kommen, steht eine mächtige Schlange bereits am Einlass und dennoch geht es zügig. Zwei Plätze in der Mitte oben, neben uns krabbeln die Darsteller aus einer Luke, einer nimmt noch einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche, ehe er sich in die sandige Arena stürzt. Pünktlich zu Spielbeginn wieder eine kräftige Dusche von oben, nur kurz allerdings. Nach dem Meininger „Macbeth“ nun der des Monbijou-Theaters: sehenswert.

20. August 2017

Kurt Tucholsky, den man nicht vorstellen muss, schrieb am 14. Oktober 1919 an Hans Erich Blaich, den man nur alten Humoristen nicht vorstellen muss, die ihn unter seinem Pseudonym Dr. Owlglass kennen: „Wenn Sie an einem Sonntag die Kantstraße in Charlottenburg heruntergingen, würden Sie sehen, wie das Volk vor Kinotüren um Einlasskarten ficht …“. Hundert Jahre später ficht niemand mehr, auch nicht vor Kinotüren, es sei, es ist Berlinale, aber die ist ja jetzt nicht. Unsereiner nimmt in der Kantstraße, aus der Wielandstraße kommend, sein Frühstück oder packt es ein. Wenn wir aus der S-Bahn steigen, dann am Savigny-Platz, weil wir dort nur einen Spielplatz durchqueren müssen. Auf welcher Silbe der alte Rechtsgelehrte betont wird in Frankreich oder Westberlin, bewegt uns nur mäßig und ob Klaus Wagenbach da einst oder immer noch zugange war/ist, auch. Wir sind in der Oma-und-Opa-Branche tätig, was hier zu Schweigen und später zu ein paar Nachträgen führt.

19. August 2017

„Wenn man seine Nächsten bemitleidet, kommt man nicht dazu, sich selbst zu bejammern, dachte ich.“ An diesem und etlichen anderen Sätzen aus dem Buch „Lieber beau-pére“ von Tibor Déry finde ich kleine Bleistiftpunkte von der Lektüre am 8. Januar 1977 her. Gut acht Monate später war dieser wunderbare Ungar tot, gestern hätte ich seines Todestages gedenken müssen, für ein paar Zeilen nur aber wollte ich das nicht. Nun tue ich es doch. Es naht Urlaub, es liegt noch ein Berg für vorher und unmittelbar danach, der Kopf soll frei sein. Also. Heute wäre Alexander Wampilow 80 Jahre alt geworden, der 1972 im Baikal-See ertrank und als Dramatiker nicht nur in der DDR gespielt wurde. Die Schaubühne brachte in der Regie von Andrea Breth 1992 „Letzten Sommer in Tschulimsk“, man findet da und dort sogar ein Original-Programm von damals. Wie schnell war ich aus der Dahlmannstraße dort, jetzt ist der Weg etwas weiter, aber ohnehin noch Sommerpause.

18. August 2017

Eine ganze Weile ist es her, dass ich die vorige Visitenkarte von Clara Sander im Briefkasten fand, ich glaubte schon, Jutta Berger hätte ihr den Job weggenommen oder gar Andreas Bergmann. Wenn ich schon zu einer Türkei-Reise eingeladen werde, für die ich fast nichts bezahlen muss und bei der Gelegenheit auch noch spare, als würde ich ein bestimmtes Waschmittel kaufen oder die billigste Direktversicherung für Leichtflugzeuge, dann soll Clara Sander meine Ansprechpartnerin sein. Sie hat erstaunlich viele Telefon-Nummern, je nachdem, welche Redaktion ihre Dienste in Anspruch nimmt, ich zähle im Augenblick genau 22 verschiedene Anschlüsse von Clara Sander, die Zahl ist aber keinesfalls exakt, da ich die Visitenkarten von ihr gern als Lesezeichen benutze und natürlich nicht weiß, in wie vielen Büchern die blonde Clara steckt. Sie hat laut ihrer Karten mindestens drei verschiedene Jobs in der Leser-Reisen-Branche, hoffentlich auch drei Gehälter. Ach, Clara, Clara.

17. August 2017

Noch ein Rückblick: der 17. August 1997 war unser erster Tag nach der Anreise aus Norwegen im dänischen Hune. Neu für uns: man kann mit dem Auto auf den superbreiten Strand fahren, die Dänen tun es und lassen sich unmittelbar neben den Türen ihrer Wagen in den feinen Sand gleiten. Am Tranum-Strand sehen wir Sandskulpturen, ich habe die schönsten unter strahlend blauem Himmel fotografiert. Vor unserem riesigen Ferienhaus steht ein rotes Auto mit dem Kennzeichen IK EU 53, das mir später gestohlen wurde. Nur unser Haus in Sandkaas auf Bornholm war noch größer. Zehn Jahre vergingen nach Hune, ehe wir wieder nach Dänemark reisten, nach Aabenraa auf Jütland. Am Tranum-Strand fotografierte ich ein Foto-Shooting mit russischen Artisten, die dort gerade im Zirkus „Charlie“ ein Gastspiel gaben. Fünf Wochen nur verbrachte ich insgesamt in Dänemark, wenig im Vergleich mit anderen Ländern, in Ungarn allein mehr als ein halbes Jahr.

16. August 2017

Elvis lebt. Wer das Gegenteil behauptet, nur weil das Fachmagazin für tote Elvisse behauptet, er sei am 16. August 1977 gestorben, beweist lediglich seine alberne Faktengläubigkeit. Ich jedenfalls habe Elvis gerade erst gesehen zum Lichterfest auf der ega in Erfurt. Er kuschelte sich an seinen Opa Holger, er aß Gummibären, Eis und Nudeln. Fast immer in seiner Nähe der von Rose Tatoo her sehr bekannte Fast Eddie, er hüpfte, schaute sich streichelbare Ziegen an, erklomm tapfer den Aussichtsturm, von dem man, wie soll ich sagen, ganz Erfurt sieht und sogar etwas von Weimar. Stichwort Weimar. Eine abhängige Enthüllungsplattform offenbarte ihrer zahlreichen Leserschaft gestern, Ute Freudenberg sei Mitglied der SED gewesen, bevor sie 1984 in Hamburg blieb, was Hamburg bis heute nicht wirklich verkraftet hat. Ute Freudenberg ist nicht zu verwechseln mit Cindy Jammertal, die ist fast drei Jahre jünger und singt, wenn überhaupt, nur in der Badewanne.

15. August 2017

„Als ich nach gut vier Stunden das Museum verließ, hatte ich drei Viertel des 19. Jahrhunderts, die untersten beiden Etagen des 20. Jahrhunderts und die Skulpturen nicht gesehen, dafür aber sehr große Bestände Magritte, kleine von Paul Delvaux, viel Rubens, wunderbare Brueghels, einen mir bis dato völlig unbekannten Abel Grimmen.“ So steht es im Tagebuch vom 20. November 2001 und es war tatsächlich schon meine achte Brüssel-Reise, da ich mir endlich Zeit nahm fürs Königliche Museum der schönen Künste, an dem ich sonst immer nur vorbei marschiert war Richtung Palais de Justice. Ich habe gekramt, weil heute der 50. Todestag von René Magritte ist und ich Paul Delvaux immer noch lieber mag als ihn. Vor 20 Jahren war Mariä Himmelfahrt ein Freitag, in Norwegen ohnehin nicht von Interesse. Wir aber hatten schon wieder unseren letzten Tag, drehten kleine Abschiedsrunden, beobachten kleinere Garnelen und größere Krabben in unserer kleinen Bucht.

14. August 2017

Ich hätte mich informieren können. So, da ich es versäumte, sehe ich heute mit fröhlichem Staunen, dass jener Macbeth, den es auf der Bühne gibt und auch wirklich gab in der fernen Geschichte, just an einem 14. August seinen Vorgänger Duncan tötete nahe Elgin. Es war 1040, es blieben noch ein paar Jahre Zeit bis zur Schlacht bei Hastings, deren Feld ich mir 2001 beinahe angesehen hätte trotz Linksverkehr dorthin von Ramsgate aus. Um dem Königreich treu zu bleiben, es muss nicht immer Brexit sein, streiche ich über die acht Buchrücken mit Titeln von John Galsworthy, die zwischen H. G. Wells und Arnold Bennett griffgünstig stehen. Eine mir sehr nahe stehende Persönlichkeit weiblichen Geschlechts las einst tapfer die ersten drei Bände der Forsythe-Saga, die drei helleren Fortsetzungsbände harren noch der Erstbesteigung. Galsworthy hat einen Tag nach Rudolf G. Binding seinen 150. Geburtstag. Ich werde ein Loblied auf Werner Mittenzwei singen müssen.

13. August 2017

Als das Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik mir einst im Bestreben, mich vielleicht als Experten-IM zu gewinnen, mit Maschine getippte anonyme Gedichte vorlegte, meine Meinung zu hören, waren es Gedichte, in denen das Wort Mauer vorkam. Ich nannte die Gedichte wahrheitsgemäß schlecht, weil sie es waren, was nicht am Wort Mauer lag. Das Wort Mauerblümchen zum Beispiel finde ich in Ordnung. Leider klappte es dann nicht mit meiner IM-Werdung und ich habe durchgängig ein gewisses inneres Kleingruseln, wenn ich alte Männer an den Hälsen von befreundeten Ur-IM hängen sehe, weil das eigentlich ganz nette Kerle waren, die angelegentlich mal eine Gefälligkeitskritik verfassten, wobei die hängenden Männer nicht selten Eigenerfahrungen mitbringen in ihre Anhänglichkeit an die Branche. Soweit mein Beitrag zum 13. August, den ich 1961 mangels Eigen-Alter noch nicht als nationale Katastrophe empfinden konnte.

12. August 2017

Das gestrige Novemberwetter verhinderte unsere Teilnahme an einem Sommerfest, zu dem wir herzlich und mehrfach eingeladen waren. Für heute sagen die Prognostiker leichte Besserungen voraus, über dem Kickelhahn und rundherum hängen jene Wolkengebilde, die unseren Urfreund Goethe zum Zeichner werden ließen, wenn es ihn nach Ilmenauischem gelüstete. Weil ein Sechstel der Weltbevölkerung zwischen 15 und 24 Jahren alt ist, ist heute der Internationale Tag der Jugend. An diesem Tag werden Jugendliche, die mit der Stirn gegen Lichtmasten gelaufen sind, weil sie den Blick von ihrem Smartphone nicht heben konnten, in allen staatlichen Krankenhäusern kostenlos behandelt. Wer in Hundescheiße lief aus nämlichen Gründen, muss sich vor öffentlichen Gebäuden nicht die Schuhe abtreten. Aus Afrika lernen wir: Wer die Wahl verliert, kann das Wahlergebnis anerkennen, muss aber nicht. Wer es nicht anerkennen möchte, muss das vorher bekanntgeben.

11. August 2017

Was gestern wieder alles los war: die E-Gitarre wurde 80, die Jethro-Tull-Flöte Ian Anderson 70, ich nicht einmal nass, als ich das Ende des Bäcker-Urlaubs mit dem ersten Gang seit drei Wochen für mich beendete, obwohl es nach Regen aussah. Der Mann, der mit seiner Krücke im Müll wühlt, wenn seine Frau mit dem Auto unterwegs ist, wühlte wieder, fand aber nichts, was er mit nach oben nehmen konnte. Ich archivierte ein wenig zwischen stupider Abschreiberei für meine Dateien, holte vorsorglich den dicken Werner Mittenzwei aus dem Regal: „Die Mentalität des ewigen Deutschen“, bei Faber & Faber erschienen. Es geht um nationalkonservative Dichter und den „Untergang einer Akademie“. Ich müsste lügen, wenn ich leugnen wollte, eine gewisse Neigung zu Untergängen zu haben, sonst würde ich nicht jedes Buch von Joseph Roth erjagen. Es muss nicht immer die Titanic sein, die untergeht, obwohl das mit dem Orchester natürlich etwas hat, das mit den Eisbergen auch.

10. August 2017

Wenn ich meine ihrem 89. Geburtstag entgegen strebende Mutter besuche, turne ich bisweilen im Auftrag auf Sesseln, Stühlen oder Regal-Untersätzen herum, um an sehr weit oben stehende Bücher zu gelangen, denn solche Übungen sollte man ab einem gewissen Alter nicht mehr absolvieren, man weiß, welche Schäden Stürze schon bei jüngeren Menschen bewirken können. Fünf Bände Curt Hotzel holte ich an einer Stelle herab, zwei weitere an einer anderen, stolze 2082 Seiten insgesamt, von denen ich 62 nach 1964 erstmals wieder las. Ich nahm auch ein uraltes Buch der guten Jutta Hecker mit: „Ich erinnere mich. Gespräche um Eckermann“. Falls ich Zeit finde, mein eigenes Schaffen als „persönl.Eckermann“ wie sonst auch für täglich dreiundzwanzigeinhalb Stunden zu unterbrechen, will ich der Frage nachgehen, ob Johann Peter hie und da mein Gefühl hatte, sich schämen zu müssen für seinen Götzen, wenn der wieder einmal vollkommen neben der Mütze war.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround