Tagebuch

25. Januar 2017

Im Burgtheater gibt es heute eine Gala und im TAGESSPIEGEL ist er „Der ewige Mecki“. In der DDR hieß der Mecki „Igelschnitt“ und Meiningen war schon nicht mehr DDR, sondern Thüringen, als der heutige Jubilar Werner Schneyder Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ inszenieren durfte. Er tat es mit Schwung und Können und später schrieb er ein Buch dazu mit dem Titel „Meiningen oder Die Liebe zum Theater“, von dem es heißt, es habe an der Werra, nun ja, nicht eben die ganz große Begeisterung ausgelöst. Humoristen tarnen ihre vergleichbaren Werke unter der Bezeichnung Roman, Kabarettisten nennen einfach die Namen nicht, weil sie davon ausgehen, dass vor Ort ohnehin jeder alles entschlüsseln kann, während andernorts die Schnurren aus der Provinz nur wenig Bewegung hinterm Ofen auslösen. Ich habe über den Schnitzler den Weg zu diesem Schneyder gefunden, dessen Box-Kommentare ich mochte. Und von Meiningen weiß ich manches.

24. Januar 2017

Eine Telefonanlage kann funktionieren, muss aber nicht, würde Rüdiger Hoffmann sagen. Im Landratsamt Arnstadt funktioniert sie seit vorigen Mittwoch mit einer kurzen Unterbrechung gestern zum Feierabend nicht. Mit der Folge, dass ich mit meiner mir angetrauten Verlegerin die ehelichen Kurzinformationen nur unter erschwerten Umständen austauschen kann. Dies hat einen kräftigen Zug ins Groteske und passt deshalb zu meiner in ALTE SACHEN neu veröffentlichten alten Kurzkritik zu Alexander Moritz Frey. Der starb am 24. Januar 1957 einsam, arm und von der literarischen Öffentlichkeit weitestgehend vergessen, in Zürich. Die 1914er Originalausgabe von „Solneman, der Unsichtbare“ kann man just heute für bescheidene 350 bis 580 Euro in mutigen Antiquariaten kaufen. Meine Ausgabe kostete 13,80 Mark der DDR. NEUES DEUTSCHLAND lobte 2007 eine Frey-Biographie, die andere Kritiker sprachlich schlampig und fehlerhaft fanden.

23. Januar 2017

Im Verlag, der seit etlichen Monaten der mir angetrauten Gattin gehört, gibt es auch ein Buch mit dem verständlichen Titel „Wörterbuch zu Goethes Faust“, Verfasser ein gewisser Friedrich Strelke. Das Buch erschien zuerst 1891 in der Deutschen Verlagsanstalt und ist nunmehr ein Reprint. Man kann es, deshalb erwähne ich das hier, immer noch mit großem Gewinn nutzen, wenn man sich etwa durch die Szenen von „Faust II“ hindurchknabbert und nicht jedesmal eine Suchmaschine anwerfen will. Wer weiß schon, wer der Nekromant von Norcia ist, den unser guter alter Goethe da ins Rennen schickte, der Freund Schillers hat sich ja nicht einmal zu einem Personenverzeichnis bequemt, welches den Leser darauf vorbereiten könnte, was für lustige Figuren ihn im Laufe der fünf Akte erwarten. Es gibt in diesem Verlag übrigens auch noch ein Buch mit dem altertümlichen Titel „Goethes Faust – Briefwechsel mit einer Dame“ von Albert Grün, zuerst Gotha 1856, kurios.

22. Januar 2017

Als Peter Gugisch den Roman „Totenjäger“ von Leo Katz für den Romanführer Band III „Der österreichische und schweizerische Roman. Romane der BRD“ beschrieb, verkniff er sich jede Wertung, behauptete jedoch gleich eingangs „dokumentarische Genauigkeit“. Leo Katz, der am 22. Januar 1892 in der Bukowina geboren wurde und am 9. August 1954 in Wien starb, war, ehe er zu schreiben begann, ein kommunistischer Waffenhändler im spanischen Bürgerkrieg. Anna Seghers versuchte 1955, seinem Sohn einen Job in der DDR zu vermitteln, indem sie an Paul Wandel appellierte, Vitamin B hieß das im Volk. Liest man die Gugisch-Beschreibung, dann sträuben sich einem sämtliche Haare. Eine grässlichere Kolportage ist schwer denkbar und dummerweise ist auch kommunistische Kolportage Kolportage. Ich aber, naives Kind in der kleinen DDR, las das schmale Robinson-Buch Nr. 23, „Tamar“ von Leo Katz, wegen Spartakus darin in maximaler Begeisterung.

21. Januar 2017

Tatsächlich: Weltknuddeltag und Tag der Jogginghose fallen gemeinsam auf diesen Januar-Samstag und ich komme dieser Welt mit Ludwig Thoma. Der hätte sich kaum träumen lassen, dass die Jogginghose eines Tages straßentauglich sein könnte und ganze Völkerschaften, deren Herkunft wir aus Anti-Diskriminierungsgründen geographisch nicht näher eingrenzen, ihre Männer mit diesen Teilen bekleidet umherwandeln lassen. Thoma jedenfalls, der mit den „Lausbubengeschichten“, hat mit diesen den milden Hermann Hesse erheitert: „Der Erzähler ist keiner von den Feinsten, aber wer schlechterzogen genug ist, schon beim Lesen des Titels froh zu schmunzeln, den werden diese Lausbübereien nicht enttäuschen.“ Die Geschichte „Der Meineid“ endet mit einem für ehemalige  Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit aller denkbaren Art wenig aufheiternden letzten Absatz, der wiederum so beginnt: „Ich bin recht froh, dass ich gelogen habe und nichts eingestand“.

20. Januar 2017

Heute leistet er also seinen Amtseid, wie das die neu gewählten amerikanischen Präsidenten seit 1934 immer tun, es ist der Vorabend des Geburtstags meiner lieben Schwiegermutter, ein guter Anlass also für einen Präsidenten-Eid. In einem anderen Kontinent mit A gibt es Präsidenten, die nach einer verlorenen Wahl sagen: Ätsch, ich bleibe trotzdem in meinem Office, auch wenn es nicht sonderlich oval ist. Dann fallen friedliche Nachbarstaaten ein, um zu zeigen, wo in Demokratien der Hammer hängt. Man könnte aus der Häufigkeit solcher Vorfälle auf bestimmten Kontinenten bestimmte Folgerungen ziehen, die, würden sie ausgesprochen, einen gewissen Scheißsturm auslösen könnten, also einen Shit-Storm natürlich, um alten Germanen verständlich zu bleiben. Denn das wäre dann Rassismus und den wollen wir nicht. Wir überlegen inzwischen sogar, ob wir eine Rasse-Kaninchen-Schau überhaupt noch so nennen dürfen, also reinen Gewissens, meine ich.

19. Januar 2017

Hätten wir NEUES DEUTSCHLAND wegen unterlassener Hilfeleistung verklagen können, wäre ich unlängst beim Freischaufeln unseres Mietparkplatzes an einem Herzinfarkt verstorben? Meinen ersten Versuch, auf diesem Weg die ewigen Jagdgründe zu erreichen, hatte ich am 30. Oktober 1993, es ist also schon ein Weilchen her, damals warnte das Zentralorgan parteiloser Humoristen auch nicht vor Heimkehr aus dem Gardasee-Urlaub. Heute wird vor dem Schneeschaufeln bei Minusgraden gewarnt, was insofern ein wenig irritierend klingt, als bei Plusgraden ja bisweilen gar nicht hinreichend viel Schnee zum Schaufeln vorhanden ist. Ich überlege, wie es wohl wäre, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika in Washington in White-House-Nähe ein Mahnmal für die ausgerotteten Indianer Nordamerikas errichteten, damit dieser Höcke nicht immer so unsinnige Bemerkungen in den Livestream brabbelt wie unlängst wieder in diesem Dresden. Der Kerl, der.

18. Januar 2017

Das Ordnungsamt in der Keplerstraße! Da wird doch der Hund in der Suppe verrückt! Hier allein könnte das Stadtsäckel gefüllt werden bis zum Bindfaden, man könnte im Stromhäuschen oder im Kleiderspende-Container eine kleine Ein-Frau-Außenstelle errichten, die ähnlich rasch wie in der Poststraße schon sechs Sekunden, nachdem der Falschparker ausstieg, die vorbereitete Knolle hinter den Scheibenwischer klemmt. Hier stehen täglich stundenlang Fahrzeuge ohne Parkkarte, hier parken am Morgen im Minutentakt Unberechtigte auf den Mietparkplätzen, aber das Ordnungsamt sieht man noch seltener als den städtischen Winterdienst. Gestern war also ein historischer Moment.Heute vor vierzig Jahren, es war ein großes Sterben vor vierzig Jahren, starb Carl Zuckmayer. Nach zwei Fehlversuchen in Berlin landete er mit „Der fröhliche Weinberg“ 1925 den Hammer der Saison. Sonderlich fröhlich ist dieser Weinberg heute nicht mehr. Nur noch auf kleinsten Bühnen.

17. Januar 2017

Könnte sein, dass Donald Trump bald geheime Forschungsergebnisse frei gibt, denen zufolge die Berührung nichtamerikanischer Fahrzeuge mit mehr als einer Fingerspitze zu schweren Allergien, in Einzelfällen zu Schockreaktionen mit Todesfolge führen kann. Die einzige bisher bekannte Therapie besteht im hastigen Verspeisen von vier bis acht Doppel-Whoppern pro Mahlzeit bei gleichzeitigem Schlucken von drei Litern Coke. Die Fusion von Lucky Strike mit Camel führt dazu, dass das Rauchen bei Atemwegsbeschwerden wieder als alternativmedizinische Methode gelten soll. Da das Bundesverfassungsgericht die NPD schon wieder nicht verboten hat, obwohl weit und breit kein V-Mann mehr zum Einsatz kam, die sitzen jetzt alle bei der AfD, darf vorübergehend am Bundesverfassungsgericht gezweifelt werden. Zweifel gelten nur in Diktaturen als das System destabilisierend, Zweifel an ehelicher Treue definieren demnach Ehe indirekt als eine Diktatur.

16. Januar 2017

„Was DDR-typisch war, galt mir immer als zweitrangig: die Mauer schuf Provinzialismen. Einer davon ist der Glaube, im Mittelpunkt der Welt zu stehen und Eigenart und Identität in wenigen Jahren hervorbringen zu können.“ So Uwe Grüning am 14. Oktober 1990 im SONNTAG. Weil er heute 75 wird, habe ich einen alten Lokal-Text ausgebuddelt und einen Blick auf das winzige Autogramm vom 6. Oktober 2000 geworfen, das er mir in „Moorrauch“ kritzelte. Wegen des ganz speziellen Superlativs: ich sah gestern den miserabelsten, in Spiel und Dialog grauenhaftesten WDR-Tatort, seit die Türken vor Wien vertrieben wurden. Sollte der Drehbuchautor, der vermutlich zu wenig DDR-Kinderhörspiele studiert hat, seine vorrangige Aufgabe darin gesehen haben, Anne Will eine Diskussionsgrundlage zu liefern, dann hat er wohl seine Stellenbeschreibung vorher nicht gelesen. Vor lauter Verzweiflung aß ich die letzten neun Weihnachtsplätzchen hintereinander weg.

15. Januar 2017

Günther Rühle nennt ihn ohne Umschweife den wichtigsten Theaterkritiker der Epoche von 1917 bis 1933 für Berlin und das ganze Reich. Er starb am 15. Januar 1977 in Berlin. Warum gerade seine Besprechung der „Antigone“ des Sophokles aus dem Berliner Börsen-Courier vom 10. April 1921 weder in die große dreibändige noch in die ihr folgende einbändige Auswahl seiner Kritiken aufgenommen wurde, erschließt sich mir noch immer nicht. Ich suche stets bei Herbert Ihering, ob ich Einschlägiges finde, wenn ich mich auf einen Theatergang vorbereite, freilich nie nur bei ihm. Die gestrige „Antigone“ in Coburg, Regie Konstanze Lauterbach, war geradezu wohltuend nach der Schlammschlacht in Weimar Anfang Dezember. Und sie war nicht nur wohltuend, sondern auch überzeugend. Obwohl mich die Einführung der Schauspieldramaturgin Carola von Gradulewski beinahe verstimmte, die ich nur hörte, weil wir rascher in Coburg waren, als wir hoffen durften.

14. Januar 2017

Herrje, Ina Deter wird heute 70. Nix mehr mit kurzem Lederröcklein, oder doch? Neue Männer braucht das Land auch keine mehr. Sind genug alte da. Anais Nin starb in Los Angeles vor vierzig Jahren. Keine Ahnung, warum die Knaur-Bestseller „Die verborgenen Früchte“ und „Das Delta der Venus“ sie seinerzeit schon 1976 gestorben sehen wollten. Ich grabe heute eine alte kleine Nicht-Kritik aus und stelle sie in die ALTEN SACHEN, sie erschien am 13. Januar 1989 zuerst in der Tageszeitung TRIBÜNE. Nur sechs Wochen nach mir veröffentlichte ein Literatouristiker seine Nicht-Kritik zum Spektrum-Bändchen. Sie klebt auf dem Archiv-Blatt unter meiner, sonst hätte ich das kaum erwähnt. Damals musste er sich noch nicht diverser Neidergruppen erwehren, die ihm sein Rentnerleben vergällen. Wenn der Schnee uns nicht den Spaß verdirbt, eröffnen wir an diesem Sonnabend unser Theaterjahr 2017 mit einer „Antigone“. Also, lieber Schnee, reiß dich zusammen.


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