Tagebuch

23. März 2018

Humor in DDR-Tageszeitungen hatte eine Form in der durchaus vorhandenen Vielfalt von Formen, die auf Leserzuschriften angewiesen war: Kindermund. Der war immer dann am wenigstens lustig, wenn Eltern und Großeltern mit den Sprüchen ihrer Sprösslinge deren Zukunft als, heute müsste man sagen: Einstein 2.0 oder Goethe 3.2, andeuten wollten. Mich erreichte gestern aus Kreisen der Verwandtschaft ersten Grades diese Frage: „Mama, gibt es auch Hustensaft fürs Bein?“ Der drei Jahre alte Schmerzpatient wollte Hilfe, wie er sie kannte. Ich werde diese wunderbare Prägung in meinen Sprachschatz übernehmen. Darunter müssen aber nur die leiden, die näheren Umgang mit mir haben, kein Flächenschaden also. Aus dem Kalender notiere ich mir für kommendes Jahr den 23. März als Gedenktag für den vom Studenten Sand ermordeten Dichter August Kotzebue. Es wird der 200. Todestag sein: Burschenschaften, Obacht! es gibt was zum Ex-Trinken. Nur ein Jahr noch!

22. März 2018

Der Tag des Berliner Bären ist für mich auch Tag der Kriminalitätsopfer, meine beiden Täter freuen sich seit zehn Jahren ihres unbestraften Lebens, ich habe keineswegs alles vergessen. Den Jahrestag des Massakers von Chatyn in Weißrussland dagegen registriere ich berührt: ich stand 1987 am Ort des Geschehens, nie habe ich mich weniger wohl in meiner deutschen Haut gefühlt. Und bekenne das gern auch zum wiederholten Male. Als vor zehn Jahren des 100. Geburtstages von Albrecht Goes gedacht wurde, gab es sehr unterschiedliche Deutungen seines Lebens und Werkes: von „Wo Lektüre zur Wohltat wird“ bis „hoffnungslos anachronistisch“ stand es in den Blättern, die nie die Welt bedeuten. Der S. Fischer Verlag veranstaltete zu Weihnachten 1984 einen Sonderdruck „Für unsere Freunde“ der Goes-Erzählung „Das mit Katz“, fadengeheftet. Mein Exemplar ist aus dem Regal auf den Arbeitstisch gewandert. Direkt unter seine 1958er Hochstift-Rede „Goethes Mutter“.

21. März 2018

Goethes bevorstehender Todestag morgen beschäftigt mich auch, wenn ich keinen Vortrag aus diesem Anlass halte. Ich las zum zweiten Mal nach knapp zehn Jahren ein Büchlein, das Goethes Mutter anlässlich ihres 150. Todestages gewidmet war. Und durchforstete meine immerhin vierzig Druckseiten umfassenden Dateien, die im Vorfeld eines Vortrags entstanden, den ich unter dem Titel „Eine Mutter aus gutem Hause. Catharina Elisabeth Goethe 1731 – 1808“ am 2. September 2008 in der Ilmenauer Stadtbibliothek gegen ein geringes Entgelt hielt. Peter Hacks, der heute 90 Jahre alt würde, ist in meiner Bibliothek nicht üppig vertreten, seine Aufsatz-Sammlung „Die Maßgaben der Kunst“ aber und das Reclam-Buch „Essais“ verleiten mich immer wieder einmal, nach ihnen zu greifen. Eben jetzt interessieren mich seine „Faust-Notizen“ aus dem Jahr 1962, denn in Kürze schaue ich mir wieder einmal einen „Faust I“ an in einem Theater, in dem ich bisher noch nie war.

20. März 2018

Frühlingsanfang mit zehn Grad minus noch kurz vor sieben Uhr, die Treibhausgase sind auch nicht mehr, was sie früher waren. Was werden die Stare denken, die gestern in größeren Scharen auf kahlen Bäumen im Kindergarten saßen, ehe sie in Teilscharen weiter flogen, wohin auch immer? Henrik Ibsen denkt auf alle Fälle nichts dazu, denn er ist seit dem 23. Mai 1906 tot. Heute ist sein 190. Geburtstag und das hat nichts damit zu tun, dass in diesem Jahr sein „Peer Gynt“ zu sehen sein wird in Bad Hersfeld in der Stiftsruine. Das nämlich hat eher damit zu tun, dass Dieter Wedel seinen Job als Intendant dort an den Nagel hängte, damit sein Projekt mit Schiller nicht mehr realisierbar schien. Ich freue mich auf „Peer Gynt“, den Damen der dortigen Presseabteilung schrieb ich das auch, als sie mich von der neuen Lage in Kenntnis setzten. Sie freuten sich zurück, dass ich mich freue und wenn Wolfgang Bosbach noch gesund ist, werde ich ihn zur Premiere sehen, wie immer.

19. März 2018

Denis Scheck, der schon manches durfte, darf seit einiger Zeit in DIE WELT „Schecks Kanon“ öffentlich machen. Bisweilen musste man meinen, außer amerikanischer und ab und zu englischer Literatur kenne er gar nichts. Konnte sich aber damit trösten: die kennt er wirklich gut. Weil heute der lebende Schriftsteller, der vielleicht am häufigsten für den Nobelpreis ins Gespräch gebracht wurde und ihn nie bekam, Philip Roth, 85 Jahre alt wird, sei Scheck zu ihm zitiert: „Es gibt keinen lebenden Schriftsteller, der sich gleichermaßen der Liebe seiner Kollegen wie seiner Leser so sicher sein kann wie Philip Roth.“ So einer kann es sich sogar leisten, seinen Abschied von der Literatur zu verkünden und damit mehr Aufmerksamkeit überall zu erregen, als 99,99 Prozent aller anderen Autoren weltweit in ihrem gesamten Leben und zusammen genommen. Derweil schreitet draußen die Erderwärmung rasant fort, am Sonnabend war der kälteste 17. März seit Aufzeichnungsbeginn.

18. März 2018

Noch immer minus 6 Grad in der Frühe, etwas mehr Schnee als gestern und ein Himmel, den man wirklich nicht sehen möchte. Lawrence Sterne starb vor exakt 250 Jahren, sein „Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys“ war in der immer noch nicht hoch genug zu lobenden „Bibliothek des 18. Jahrhunderts“ der Verlagsgruppe Kiepenheuer 1989 einer der letzten Bände. In meinem Regal steht daneben die „Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“, gekoppelt mit dem Fragment „Tagebuch für Eliza“ zum Reclamband 728. Darin auch jenes Vorwort, das Anselm Schlösser für seine Sammlung „Englische Essays aus drei Jahrhunderten“ auswählte, damit Sterne vertreten sei. Es enthält eine sehr hübsche Typologie der Reisenden, von denen es seiner Meinung nach in dieser Reihenfolge einfältige, müßige, neugierige, verlogene, hochmütige, eitle und verdrießliche gibt und schließlich auch die empfindsamen, zu denen er bescheiden sich selbst zählt. Sterne als Trendsetter.

17. März 2018

Ohne meine gestrige Vorarbeit am zugeschneiten Auto wäre ich heute glatt zu spät nach Gotha gekommen. So war wenigstens die Frontscheibe trotz minus acht Grad halbwegs frei, der Rest in überschaubarer Zeit freigefegt, freigekratzt. Das letzte Stück ab Autobahnabfahrt gestaltete sich in beide Richtungen zum leisen Horrortrip, Schnee wehte über die Fahrbahn und die begleitenden Verkehrsnachrichten wussten von vielen unpassierbaren Straßen wegen querstehender Lkw. Ich kam tatsächlich in der Parkstraße an, Tagungsort im ehemaligen Schlachthof. Bis zur Mittagspause waren Gesprächsrunde auf dem Podium und Vorstandsberichte abgehakt, nach dem Brätel lebhafte Diskussion, schließlich ein paar Wahlen mit Stimmzettel, zwei Beschlüsse, ein Dringlichkeitsantrag, auch Journalisten achten auf Geschäftsordnung. Aus keiner Kurve getragen, keinen entgegen kommenden Rückspiegel weggesenst, müde in Ilmenau zurück, ein Samstag, es gibt solche eben.

16. März 2018

Die Menge der sichtbaren Titel des Hauses ist gegenüber ursprünglich 138 auf aktuell 62 gesenkt, dictum Ilmenau verabschiedet sich damit keineswegs von sprudelnden Einnahmequellen, sondern von Büchern, die mit ihren Nachfragewerten unter der Zahl von Schwarzstorch-Nistpaaren am Lindenberg liegen. Der Reprint-Umsatz wird wohl allgemein überschätzt, zumal die entsprechenden Häuser ja eine Zeit wie Fliegenpilze aus dem Boden schossen. Ich bin gestern öfter als in anderen Jahren gefragt worden, ob ich zur Buchmesse fahre, was ich verneinen musste, gleichzeitig die dreiste Behauptung aufstellend, bei vollständigem Übergang der gesamten Wohnungsbelegschaft in den Rentenbezug dies wohl ins Auge fassen zu wollen. Heute vor 80 Jahren sprang Egon Friedell in Wien aus dem Fenster seiner Wohnung im dritten Stock, der Verhaftung durch die SA zu entgehen. Gestern vor 75 Jahren starb in Wien Karl Schönherr eines natürlichen Todes. Ich mag beide sehr.

15. März 2018

Ein Geheimnis, das keins mehr ist, kann man dann auch förmlich lüften: Mein Buch Nummer 9, ISBN 978-3-95618-138-2, ist käuflich zu erwerben, der Web-Shop des Verlages (www.dictum-verlag.de) zeigt es an, der Titel ist „Wie es mir gefällt. 33 Shakespeare-Kritiken“, das kostet den lesenden Endverbraucher bescheidene 19,50 Euro. Es war als Gabe des Verlages zu meinem 65. Geburtstag gedacht, ich hielt auch tatsächlich das erste Exemplar am 23. Februar in den Händen, danach gab es diese und jene kleine und mittlere Schwierigkeit. Als mithelfender Ehegatte der Verlegerin habe ich zu später Stunde ein wenig erste Ordnung in das Angebot gebracht, wer nur wissen will, was da eigentlich so alles im Angebot ist, hat es nun wesentlich leichter als noch bis gestern. Die augenblicklich noch nicht sichtbaren, aber vorhandenen Titel folgen in Kürze. An den Zeitungen mit den Buchmesse-Beilagen schleppte ich schwer am Morgen, das Archiv wartet nun.

14. März 2018

Die Teilnehmer am Internationalen Karl-Marx-Jahr 2018 können sich heute bereits einweinen am 135. Todestag des großen Bartträgers. Leicht brandige Gerüche aus dem Treppenhaus ließen mich zwar nicht an Selbstentzündung meiner alten Parteitagsbroschüren im Keller denken, eine leichte Neugier aber konnte ich nicht unterdrücken. Schaffende des Bauhandwerks waren dabei, eine in ihrer aus tiefen DDR-Zeiten überlieferten Form nicht mehr benötigte Stahltür mit schweren Hebeln im Keller ersatzlos zu entfernen und den Eingang zu vermauern. Dieser Raum hatte immer zwei Zugänge, hinfort nur noch den zweiten von hinten. Passend zum näher rückenden Frühling fallen draußen einige Kleinflocken und ich denke darüber nach, ob gendergerechte Nationalhymnen das große Thema einer übersättigten Welt werden könnten. Als Mann frage ich mich nun schon, ob der Stück-Titel „Arzt am Scheideweg“ von George Bernard Shaw nicht alle Penisträger diskriminiert.

13. März 2018

Eine rettende Idee, zwei längere Telefonate führten mich gestern noch auf die Spur. Jetzt habe ich eine Datei in die weite Welt des hohen Nordens gesandt, von der ich begründet annehme, sie führe zu dem Resultat, das ich schon vor fast drei Wochen eigentlich hätte in den Händen halten wollen. Es gibt eine winzige kleine Ärgerlichkeit immer noch darin, die ich aber großzügig dem Phänomen Lehrgeld zuordne und entschlossen ignorieren werde. Immerhin sind auf Wegen und Umwegen bis zu zwei besorgte Anfragen bei mir eingetrudelt, ob denn alles in Ordnung sei, vor allem aber nichts passiert. Ich gehöre zu den Menschen, die sich selbst mehr und stärker unter Druck setzen, als sie es von außen zuließen. Unter den Psychologen für ältere Kinder wie mich sind einige, die ermahnende Worte an mich richten würden, wenn sie wüssten, dass es mich gibt. Lernpotential ist keineswegs erschöpft in mir, nur mit dem Änderungspotential hapert es ein wenig, es gibt Fachvokabeln dafür.

12. März 2018

Nachtrag: Erstmals in 65 Lebensjahren war ich in der Kranichfelder Straße in Erfurt, wo es ein sehr großes Gebäude gibt mit einem Wachtdienst-Mann links, der sich extrem freundlich und gut gelaunt für nicht zuständig erklärt, und einer Anmeldung, deren einer Schalter eben nicht besetzt ist. Einen Termin haben wir am PC generiert, weshalb wir tatsächlich bevorzugt bedient werden, die Warte-Nummer 161 bekommen und schon vor unserer eigentlichen Zeit im zuständigen Zimmer Nummer 2 sitzen. Wir haben nicht alle Unterlagen bei uns, die wir hätten bei uns haben sollen, weshalb wir am Donnerstag einen Nachhole-Termin nutzen müssen. Immerhin weiß ich jetzt, dass meine Netto-Rente nicht gar so gruselig ist, wie ich vermuten musste, und wenn nach den sieben Bonusmonaten für Jahrgang 1953 Ende Oktober die erste BfA-Kohle rüberwächst, bin ich sogar schon Nutznießer der Rentenerhöhung vom Juli. Brave alte Bundesrepublik Deutschland. Was haben alle gegen dich?


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