Tagebuch

14. März 2017

Am 14. März 2015, einen Tag vor seinem 78. Geburtstag, starb Walentin Rasputin. Der SPIEGEL, der knapp 30 Jahre zuvor mit ihm ein ausführliches Interview geführt hatte, widmete ihm immerhin ein paar Nachruf-Zeilen und setzte ein schwarzweißes Jugendbildnis dazu. DDR-Leser und DDR-Kinogänger erinnern sich möglicherweise des Titels „Abschied von Matjora“, heute nennt man dergleichen umstandslos verstörend. Das fast bis zum Ende des vermeintlich sozialistischen Systems gepflegte makellose Bild der Sowjetunion (an das kaum jemand ernsthaft glaubte), bekam schwere Kratzer durch Männer wie Rasputin oder Schukschin. Schon wieder krame ich in meinen alten Sachen und vergesse darüber dennoch nicht Jurek Becker, den Wundertäter von Solothurn, der vor 20 Jahren starb. Wenn in Kürze der 600. Geburtstag von Bruder Klaus zu begehen ist, wird daran zu erinnern sein, dass seine Heiligsprechung lange klemmte wegen der Zahl seiner Wunder.

13. März 2017

Nein, zu meinem Bild der Karoline von Günderrode hat die neue Sonderausstellung im Jenaer Romantikerhaus nichts beigetragen. Ich habe sogar ein paar halbwegs seltsame Sätze von den drei beteiligten Künstlerinnen gelesen, die ihren Werken oft sehr allgemeine Titel gaben, unter denen man sich alles und nichts vorstellen darf. Das Romantikerhaus selbst, in dem einst Fichte einige Jahre wohnte, ist von jeder Sonderausstellung unabhängig wegen seiner Dauerausstellung sehr zu empfehlen. Sehr zu empfehlen ist auch immer noch Wladimir Makanin, der heute 80 Jahre alt wird, weshalb ich in meinen alten Sachen kramte. Ich gehörte zu denen, die in der ihrem unklassischen Finale entgegen stolzierenden DDR gern auch zu aktueller Sowjetliteratur griffen, aus der die Zensur seltsamerweise immer öfter Bücher durchgehen ließ, die sie DDR-Autoren kaum verziehen hätte. Vielleicht aber täuschte dieser Eindruck, denn nebenher gab es genug grässlichen Sowjetmist.

12. März 2017

Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich heute über die jüngste Autorin geschrieben, über die ich je schrieb. Jenny Erpenbeck war fünf Tage alt, als ich Jugendweihe hatte. Ihr Vater John war 25, als er Vater dieser Tochter wurde, ich war 25, als ich Vater meiner Tochter wurde. Mit Vater John hatte ich einen knappen und freundlichen Mail-Wechsel, als ich über seinen Vater Fritz Erpenbeck schrieb. Von Fritz Erpenbeck las ich Krimis, ehe ich Theater-Kritiken von ihm las. Und ich las „Was kann Kunst?“, ehe ich Johns Anthologie „Windvogelviereck“ rezensierte. Von Hedda Zinner las ich erst ziemlich spät etwas. Und seit ich John Erpenbeck über seine Mutter las, interessiert mich der Verdrängungswettkampf der Brecht-Jünger gegen die Andersgläubigen. Ich sah lange mit den Augen der Brecht-Jünger, ohne je Brecht-Jünger gewesen zu sein. Waren die  Brecht-Jünger etwas wie die Gruppe 47 des Ostens hinsichtlich ihrer Verdrängungswirkung? Gruß an Jenny.

11. März 2017

Nun habe ich es mir gekauft, das seit Dienstag auf dem Markt befindliche Sonderheft des SPIEGEL mit dem Titel „Martin Walser, 90. Chronist der deutschen Seele“. Nein, zum Ingenieur der menschlichen Seele haben sie ihn nicht gleich gemacht, den Mann mit den seit Theo Waigel eindrucksvollsten Augenbrauen im gesamtdeutschen Sprachraum, der Jahr für Jahr einen Roman veröffentlicht oder anderes Dickes und sich zwischendurch auch immer prima in den Schlagzeilen hält. Ein solches Hochglanz-Heft haben zu Lebzeiten weder Böll nach Grass bekommen. Ob ihn das entschädigt, wage ich nicht zu behaupten. Irgendwie hat alles auch ziemlich sicher mit Jakob Augstein zu tun, dem leiblichen Sohn, der ein solches 122 Seiten starkes Produkt wohl kaum mit Händen und Füßen verhindern wollte. Es gab Phasen, das las ich Walser morgens, mittags und abends, jetzt erschrecke ich, wie ihm „Altmännerprosa“ um die Ohren gehauen wird. Von Frauen.

10. März 2017

Titus Müller, Jahrgang 1977, lese ich im Kulturkalender der BERLINER ZEITUNG, widmet sich in seinen Romanen zeithistorischen Themen. Manchmal suche er sie im 20. Jahrhundert, manchmal im Mittelalter. Einer dieser Romane (Plural) behandelt den 17. Juni 1953 in der DDR und trägt den, Achtung, Stefan Heym in Deinem Grab: Umdrehen!!, sauoriginellen Titel „Der Tag X“. So hieß am 19. Juni 2016 auch ein Artikel von Thomas Gutschker in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG, der kein Roman war. Gut, dass wenigstens die Theater noch vernünftig arbeiten: Dresden entdeckt den bisher unbekannten Dramatiker Joseph Roth mit seinem herrlichen Stück „Hiob“, Felix Klare brilliert in „Ehen in Philippsburg“, einem lange für einen Roman gehaltenen Werk von Martin Walser, der leider für Bühnen nichts geschrieben hat. Weimar kündigt für die Spielzeit 2017/18 schon jetzt Lessings Roman „Nathan der Weise“ an, Regie Hasko Weber.

9. März 2017

Nur weil der Begriff Service-Wüste Deutschland aus dem Gebrauch kam, heißt das nicht, dass das zugrunde liegende Phänomen verschwand. Nehmen wir den Saftladen DHL, der irgendwie zur Deutschen Post gehört. Versuche, mit denen Kontakt zu bekommen, um eine einfache Frage zu klären: Wahnsinn. Irgendwann eine radebrechende Dame am Telefon, welchen Hintergrundes auch immer, sie versteht nicht, man versteht sie nicht. Immerhin findet sie heraus, was man selbst schon herausfand: der DHL-Fahrer hat angeblich um 12.51 Uhr niemanden angetroffen. Niemand bin ich und es passiert zum zweiten Mal in Folge. Der Kerl scheint zu faul zu klingeln und zu warten, bis sich jemand meldet, er legt seine Benachrichtigung in den Briefkasten, 24 Stunden später darf ich einen Kilometer laufen, um die Sendung zu holen. Warum bringt DPD sogar fremde Pakete bis zur Wohnungstür und fragt vorher, ob ich sie annehme? Kurz vor DHL, denen Mühe ein Fremdwort ist.

8. März 2017

Dem Vernehmen nach starb er an den Spätfolgen einer Vergiftung mit Agent Orange, jenem Mittel, das die Amerikaner, als sie die Freiheit noch in Vietnam verteidigten, dort einsetzten, um von oben bessere Sicht auf die sonst von den Blättern des Urwaldes verborgenen Viet Cong zu gewinnen und ihre Napalm-Bomben besser platzieren zu können. Harry Thürk also, den sie im Westen, als sie da endlich bemerkt hatten, dass es den tatsächlich gab, den Konsalik des Ostens nannten, wäre heute vielleicht 90 geworden, wenn er nicht mit diesem Gift in Kontakt gekommen wäre. In meinem Bücherbestand steht fast nichts von ihm, weil fast alles von ihm im Bücherbestand meines Vaters steht, zum Teil von mir besorgt und geschenkt. Ich las in sehr jungen Jahren sehr viele dicke Bücher von Harry Thürk, später keine mehr. Ich freue mich mittelprächtig, dass ich ein frühes Buch von ihm selbst besitze, das Wikipedia nicht kennt, dazu gut passend „Su-su von der Himmelsbrücke“.

7. März 2017

Wir waren schon Papst, warum sollten wir nicht auch Alpenrand sein können. Für den ist heute ergiebiger Schneefall angesagt, bei uns schneit es. Noch muss der Winterreifen warten, bis er in sein Sommerquartier umsiedeln kann. Harald Gerlach hat leider nicht bis zu seinem heutigen 77. Geburtstag gewartet, obwohl er ihn sicher gern erlebt hätte. Ich verdanke ihm nicht nur manch Lesererlebnis als solches, sondern auch die Hinlenkung auf andere, die schrieben. Auf Ludvik Holberg etwa, den Dänen, dem Gerlach sein „Held Ulysses“ nachempfand. Oder auf Christian Dietrich Grabbe, von dem sich Gerlach gleich den kompletten Titel entlieh: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Beide Stücke stehen dummerweise in einem Buch des Jahrgangs 1990, aus dem gleich wagenladungsweise Müllkippen versorgt wurden, als der DDR-Leser sich endlich allem zuwenden durfte, was ihm bis dato versagt war. Manch Humorist leidet noch heute schwer darunter. 

6. März 2017

Wie es ist, wenn jemand 88 Jahre alt wird, kann ich aus nächster Nähe beurteilen. Es gibt Dinge, die noch sehr gut gehen, es gibt Dinge, die überhaupt nicht mehr gehen wollen. Es gibt Abschiede in Serie. „Vertrackte Affären“ heißt das Buch von Günter Kunert, das gerade erst in meinem Regal gelandet ist, ein Geburtstagsgeschenk für mich. Hätte ich darüber Buch geführt, an wie vielen Geburtstagen seit 1990 ich mir Kunert-Bücher schenken ließ oder selbst schenkte, das gäbe sicher eine ansehnliche Reihe. Mit dem Lesen bin ich nicht mehr nachgekommen und das macht mir mehr schlechtes Gewissen als der Umstand, dass ich von einer heißen Volker-Weidermann-Liste der 50 Romane, die einen SPIEGEL-Kanon der „Bücher unserer Zeit“ bilden seit Oktober 2016, exakt 50 nicht gelesen habe. So bin ich halt ein hoffnungsloser Fall, Vergangenheiten verfallen und solchen hochkomischen Autoren, die mehr als 80 Bücher schrieben, aber nur einen einsamen Roman dabei.

5. März 2017

Es gibt Tage, da hauen einem zwei, drei nebenhin gesprochene Sätze für Stunden die Füße weg unterm Hintern, was eben noch im Kopf war, ist weg, dafür geistert allerlei darin herum, das noch weiter weg führt. Man nennt dies einen Scheißtag und könnte ihn noch am ehesten ertragen, wenn es keine Pflichten gäbe. Die aber gibt es, ob jemand darauf Rücksicht nimmt oder nicht. Immerhin: der tiefe Sinn von „zur Tagesordnung übergehen“ offenbart sich als Weg aus einem in Unordnung gebrachten Tag, nicht als Schritt vom Höhenflug zum Tiefflug oder von der Ausnahme zur Regel. In China ist dies der Lei-Feng-Tag, von dem nicht bekannt ist, ob er absichtlich auf den Todestag von Stalin gelegt wurde. Lei Feng war selbstlos und bescheiden, sagt die Heldensage. Stramme Diktaturen lieben solche Vorbildfiguren, man könnte sie Ikonen der Mangelwirtschaft nennen. Leider mag auch liberaler Reichtum den Typus, sein Lei-Feng-Tag heißt „Tag des Ehrenamtes“.

4. März 2017

Hätte Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ nichts weiter bewirkt als die herrliche Beschreibung des Leipziger Theaterskandals vom 9. März 1930 von Alfred Polgar, mir wäre das fast schon genug. Ich werde in diesem Leben kein Opern-Freund mehr, so warm mir das sterbebegleitende Singen auf Musikbühnen auch immer wieder ans Herz gelegt wird. Bei diesem Brecht ist die Lage ein wenig anders, ein wenig. Wobei es schon sehr interessant ist, dass die mit Abstand erfolgreichste Inszenierung zu Lebzeiten der Autoren, jene im gemieteten Theater am Kurfürstendamm 1931/32, mit Schauspielern besetzt war. Den Alabama-Song höre ich öfter als jeden anderen Brecht-Song, weil ich ihn in der Fassung der Doors höre mit Jim Morrison am Mikrofon. Weil heute der erste richtig warme Frühlingstag sein soll mit winterreifenfeindlichen Temperaturen, dazu der Tag der Grammatik, begebe ich mich in Optiker-Fänge für eine neue Brille.

3. März 2017

Vor mir liegt Bernd Mahls Buch über die „Urfaust“-Inszenierung des Berliner Ensembles 1952/53, 1986 erschienen als Band 1 der Schriftenreihe der Goethe-Gesellschaft Stuttgart. Ein Dokument des kaum noch fassbaren alltäglichen kulturpolitischen Wahnsinns der jungen DDR, der seit 1950 unter dem Schlagwort des Formalismus so weit ging, „eine direkte Unterstützung der Kriegspolitik des amerikanischen Imperialismus“ zu unterstellen, wo Brecht und Egon Monk versuchten, der frühen Gestalt der Goetheschen Faust-Dichtung Bühnenwirkung zu verschaffen, zuerst in Potsdam, dann in Berlin. Die Aufführung musste bald abgesetzt werden, noch die obersten Brechtianer der DDR sahen sich viele Jahre veranlasst, diesen „Urfaust“ totzuschweigen oder als besonders heißen Brei zu umschleichen. In Meiningen gestern ein „Urfaust“ zum Staunen in den Kammerspielen. Das Wasser auf der Spielfläche war nicht durch ein undichtes Dach gekommen, es spielte eifrig mit.


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