Tagebuch

5. August 2017

Heute geht in Berlin die Alfred-Döblin-Woche los und rechtzeitig davor hat die lustige Beilage „Literatur“ des SPIEGEL die noch lustigere Idee gehabt, einen Anti-Kanon zu publizieren: „Wir haben uns erlaubt, ein paar deutsche Klassiker auszusortieren.“ Unter den Aussortierten, sonst stünde das nicht hier, ist auch Alfred Döblin mit seinem „Berlin Alexanderplatz“. „Gut angestaubt“ nennt ihn Juliane Liebert, wer auch immer das ist. In Berlin gibt es offenbar auch noch Ellen Brombacher, einst Ober-Blauhemdin der Hauptstadt der DDR, sie keilte jetzt im Zentralorgan gegen Michael Brie. Ellen hat im Februar ihren 70. Geburtstag gefeiert, Brie ist sieben Jahre jünger, ich sehe ihn noch vor mir, wie er aus der großen Sowjetunion kommend, daselbst studiert habend, vor uns gleichaltrigen Philosophie-Eleven saß und referierte. Klein kamen wir uns vor, winzig. Ich weiß nicht, ob später Schwalben schwiegen, wenn er predigte: die Reform des Unreformierbaren.

4. August 2017

Ernst Bloch war neben Adorno so etwas wie der Bedorno, beide zusammen erfanden eigens für westdeutsche Krypto-Marxisten eine Philosophie-Sprache, deren höchstes Kriterium ihre schwere Verständlichkeit, ihr komplizierter Satzbau und ihre Reduktion des Marxes auf seine wenigstens annähernd ebenso schwer verständlichen Frühschriften war. Alles natürlich wegen des Hegels. Ich scheiterte einst kläglich an des Bloches Schriften zu Hegel, bei rororo erschienen, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, ich warf das Buch in die Ecke. Später las ich Bloch über den Fortschritt und das war kurz und zwar nicht knackig, aber immerhin nachzuvollziehen. Bloch starb nun, während ich noch studierte, nämlich heute vor vierzig Jahren am Geburtstag von Louis Vuitton, der später in den Tag des Champagners umgewandelt wurde, weil man Taschen nicht trinken kann. Ich stoße an auf alle, die illegale Links legen auf fremde Websites in sakraler Ahnungslosigkeit, Prost, Jungs.

3. August 2017

Dieser Tage empfindet Johann Wolfgang von B., polizeilich gemeldet in der Schillerstraße in R., Autor von „Faust III“, den er aus titelrechtlichen Gründen „Der Rentnerlehrling“ nennen musste, ein unabweisliches Bedürfnis, Quark zu quirlen. Offenbar reicht es ihm nicht länger, die Welt mit Nachrichten über gefahrene Radkilometer, Besuche in Dorfgaststätten, im heimischen Kino oder in Kyritz an der Knatter zu traktieren, wo er gegen Ende des österreichisch-türkischen Krieges mit 1-A-Solo-Fagottisten Prosa-Performances zelebriert hatte und nun gerührtes Wiedersehen mit sich selbst feiert. Seine Fotogalerie folgt dem westsächsisch-ostthüringischen Gestaltungsprinzip „Oma vor Eiffelturm“, der Eiffelturm sieht meist gar nicht so schlecht aus. Wladimir Tendrjakow, der am 3. August 1984 starb, hat aus nämlichem Grund das tragische Pech, die herrliche Karriere des diplomierten Geheimrats nur noch aus liegender Position verfolgen zu können. Traurig, traurig.

2. August 2017

Es ist immer neu erfrischend, wenn in einzelnen akut wahrnehmungsgestörten Hirnrinden einige Synapsen noch halbwegs aneinander kleben, so dass dann bei Nennung des Namens Goethe dem inneren Auge die Pawlowsche Hunde-Birne aufleuchtet und der Ersatz-Wuffi „Eckermann!“ bellt. Als seinerzeit Erich Loest aus Mittweida sich seinen Buchtitel „Die Stasi war mein Eckermann“ gönnte, war mein Umkehrgedanke: Dann warst Du ja der Goethe der Stasi. Wie komme ich auf Mittweida? Das hat Eckermann nicht verdient, von kruden Assoziationstigern derart missbraucht zu werden, die in einem immer engeren Kreis immer weiteren Mumpitz in die Welt setzen. Irgendwas muss in Mittweida einst im Trinkwasser gewesen sein. Isabel Allende wird heute 75 Jahre alt, die vor knapp 20 Jahren bekannte: „Wer mir was Anregendes ins Ohr flüstert, kann mit mir machen, was er will.“ Ich denke an Klaus Laabs, Jolie, der 1986 gegen den Strom das „Geisterhaus“ verriss.

1. August 2017

Christian August Vulpius, Bruder von Christiane, Schwager Goethes, vermeldet am 7. Januar 1806 den Tod seiner Schwester Ernestine an den Arzt Nikolaus Meyer: „Sie ist nun das neunte meiner verstorbenen Geschwister … Wir dürfen es dem Geheimen Rat noch nicht sagen …“. Sechs Tage später schreibt Schillers Witwe Charlotte an Friedrich von Stein: „Die Schwester der Vulpius ist gestorben; der arme Mann hat so geweint! Dies schmerzt mich, dass seine Tränen um solche Gegenstände fließen müssen.“ Ich habe, so könnte man das deuten, meinen Goethe-Monat August eingeläutet und auch im Tagebuch 2012 geblättert. Da gedachte ich des sechzigsten Geburtstages meines Schulfreundes und späteren Verlegers Reinhard Escher, es wurde gar ein Gedenkartikel von mir gedruckt, was ich ohne das Tagebuch nicht mehr gewusst hätte. Ein Gewitter weckte mich um 5 Uhr, was selten geschieht, es goss wie aus Kannen. Der Arbeitstisch voller Goethe, Goethe, Goethe.

31. Juli 2017

In einem Interview mit sich selbst verriet der Schweizer Arzt und Schriftsteller Walter Vogt: „Ich selbst verstehe mein Werk überhaupt nicht. Das möchte ich wörtlich verstanden wissen. Ich bin immer wieder erstaunt, was andere da lesen, wo ich bloß geschrieben habe.“ Engagement hielt er für möglich und wichtig: „Es jedoch zu fordern und zu verlangen, ist a) nackter Terror und b) unverhüllter Schwachsinn.“ Womit wir bei einem Montagsthema wären, bei dem wir gar nicht sein wollen. Noch spüren wir den ersten und sehr späten Sonnenbrand des Jahres, noch fragen wir uns, warum Frauenfußball so grausam aussehen muss. Die beiden Blumentöpfe von ALDI waren auch eine halbe Stunde nach Ladenöffnung noch ohne Kampf zu ergattern, es folgt später ein hoffentlich ebenso kampfloser Gang zu zwei neuen Craft-Beer-Sorten. Endlich sind sie in Mode gekommen. Walter Vogt wäre heute 90 Jahre alt geworden, wenn ihn nicht der Herztod schon 1988 ereilt hätte.

30. Juli 2017

So nah wiederum liegt das Gute in diesem Fall nicht, das man nicht dennoch in die Ferne schweifen dürfte. Dennoch: Neugier zahlt sich angelegentlich auch aus. Wir hatten, großes Pionierehrenwort, nie, nie und nochmals nie von Bad Colberg gehört, ehe uns nicht Freunde auf die Existenz einer so genannten Terrassen-Therme aufmerksam machten. Nun waren wir da, der Ort selbst hatte 2012 laut WIKIPEDIA 116 Einwohner und war einst, als Humoristen alleweil nach Solothurn fuhren, Lektorinnen für Schweizer Literatur dagegen das erst im November durften, wenn ihr Visum für Mai bereits abgelaufen war, wie von Ingeborg Quaas berichtet, Sperrgebiet, nichts als Sperrgebiet. Tummelort für Erholungssuchende aus dem Ministerium des Inneren der DDR, 500 Meter in die eine, 800 in die andere Richtung war Klassenfeindesland. Jetzt ist es schön dort, sehr schön. Man erlebt Apfel-Minze-Aufguss mit einem Saunameister und vier Mann, gedrängte Leere sozusagen.

29. Juli 2017

Was kann man dagegen tun, wenn einem im Erinnerungsvermögen das DDR-Grundstudium im ML (Marxismus-Leninismus) in drei Teile zerfällt und trotzdem eins fehlt von den dreien, in die es tatsächlich zerfiel, auch wenn man es nicht hinwarf? Läuft man zum Arzt und fragt, ob es so losgeht oder gar schon losgegangen ist, also jener Zustand, von dem wir als Kinder sagten, er ende damit, dass man mit dem Vogelbauer Milch holen geht? Der herzlichen Einladung, heute mit Freunden die „Carmen“ der Bregenzer Festspiele zu sehen, sind wir nicht gefolgt, das Schaupröbchen im Zweiten Deutschen Fernsehen reichte uns Opernmuffeln. Wir bewegen uns stattdessen im engeren Bereich des nahen Erholens. Vor allem erholen wir uns von der Nachricht, die NEUES DEUTSCHLAND dieser Tage verbreitete: 58 Prozent aller Bewohner Sachsen-Anhalts rühren keinen Alkohol an. Wenn das um sich greift! Wir rühren ihn übrigens auch nicht an, wir trinken ihn nur genießerisch.

28. Juli 2017

Manche behaupten, dass Clemens Brentano, als er am 28. Juli 1842 starb, schon längst tot war, genauer nämlich, seit er sich ans Krankenlager der Anna Katharina Emmerick setzte und ihr vermutlich so ähnlich wie es heute Alexander Kluge tut, mit seinen Fragen nach dem Leiden des Herrn suggerierte, was sie antworten solle. Der ALLGEMEINE ANZEIGER suggeriert, dass es in Rudolstadt nur einen wirklich bedeutenden Schriftsteller gibt: Jörg F. Nowack, dem regelmäßig viel Platz gewidmet wird. Unter den anderen bedeutenden Schriftstellern Rudolstadts, deren Ruhm einst bis in die Schweiz und zum ZDF drang, wird das wenig Begeisterung auslösen. So ist eben das Leben: ungerecht, bis die Balken vom vielen Sich-Biegen krumm bleiben. Der Kulturkalender der BERLINER ZEITUNG erinnerte gestern an den japanischen Film „Onibaba“, ich erinnerte mich gleich mit. Dunkel jedenfalls. Das ruhmreiche Buch „Die Eule im Kino“ war leider nicht hilfreich.

27. Juli 2017

Zum wiederholten Male ist mein Ing-DiBa-Konto gesperrt, was mich wie immer nur mäßig beunruhigt, da ich weder eins habe noch jemals eins hatte. Früher hätte ich gedacht, die Ganoven lernen irgendwann aus der Dummheit ihrer Masche. Aber warum sollen ausgerechnet Ganoven lernfähig sein, wenn es der Rest der Menschheit auch nicht ist. Mich würde auch eine Warnung vor Radtouren bei Sauwetter nicht beunruhigen, denn schon bei schönem Wetter besteige ich kein Rad. Selbiges tat ich zuletzt im holländischen Nationalpark Hooge Veluwe, dort allerdings mit mittlerem Genuss, was mich jedoch nicht zum Wiederholungstäter macht. Heute muss ich nicht zum Bäcker, weil der Bäcker Jahresurlaub macht, ich muss nur meine Zeitungen holen, die nie Jahresurlaub machen. Ich fühle mit allen Schwimmbadbetreibern, auch die Sonnencréme-Wirtschaft leidet über das Maß hinaus, das sie wie alle Wirtschaft verdient, die nicht von einem Politbüro geleitet wird.

26. Juli 2017

„Überdies: Das Denken ist manchen Menschen ein leidenschaftliches Bedürfnis. Das aber bedeutet: Sie denken auch dann, wenn ihre Gedanken keine handgreiflichen Ergebnisse haben, und auch dann, wenn ihre Gedanken ins Unendliche oder ins Nichts führen. Praktischen Nutzen haben sie also meistens nicht.“ Das schrieb in seinen „Aufzeichnungen“ der Ungar Milán Füst, der vor genau fünfzig Jahren starb. Sein Roman „Die Geschichte meiner Frau“ erschien in der DDR in mehreren Auflagen, im Westen nicht ganz so oft, dafür aber 2007 noch einmal in alter Übersetzung mit neuem Nachwort (von Peter Nadas) bei Eichborn. Meine erste und einzige maschinenschriftliche Auslassung über ihn datiert vom 6. August 1981, immerhin zwei Seiten, ich nutzte damals noch das Farbband mit den zwei Farbspuren, rot war für die Zitate. Die Freunde des größten deutschen Country Open Air am Bergsee Ratscher (ich nicht) zittern wegen des Sauwetters, ich fühle mit.

25. Juli 2017

In einigen Gegenden ist heute Hagelfeiertag und ich erinnere mich sofort, wie die Versicherung mit der Auszahlung unseres Hagelschadens am ziemlich neuen Auto uns einen ziemlich schönen Urlaub finanzierte, während die diversen Dellen unser Gefährt noch lange malerisch zierten. Dies war kein Versicherungsbetrug, sondern folgte auf Nachfrage dem Ratschlag des Schadensgutachters selbst, den die Versicherung beauftragt hatte. „Jakobi klar und rein, wird das Christfest kalt und frostig sein.“ Soweit der positive Fall. Was aber, wenn Jakobi trübe und beschissen? Ich will nicht eigens das Reimlexikon bemühen, zumal meine meteorologischen Präferenzen für das Christfest sich in engen Grenzen bewegen. Hauptsache keinerlei Schneeverwehungen zwischen Langewiesen und Gehren. Zu Würzburg wird heute des 150. Geburtstages von Max Dauthendey gedacht, dem ich vor reichlich elf Jahren erstmals intensivere Aufmerksamkeit angedeihen ließ, bis heute ohne alle Reue.


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