Tagebuch

10. Mai 2018

Zum Himmel bin ich nicht aufgefahren, der Bollerwagen mit lauwarmem Bier war auch noch nie meine ganz starke Übung, ich habe einfach zum Zeitpunkt X die Frage, ob wir nach dem Essen ein wenig spazieren gehen, dahingehend beantwortet, dass es besser wäre, vor dem Essen zu gehen, dann könnte ich nach dem Essen meine wohlverdiente Ruhe genießen wie immer an Mon- bis Sonntagen. Die wohlverdiente Ruhe fand fast pünktlich statt, nur das Essen, das verteilte sich auf einen Hauptgang am Großen Teich und einen Nachtisch in dem nicht mehr ganz neuen neuen Café am Technologie-Terminal, der früher nur Hauptbahnhof hieß. Wir verspeisten Eisportionen, die für vierköpfige Familien ausreichend gewesen wären. Zu Hause genossen wir später den wunderbaren Starkregen mit den wunderbaren Hagelkörnern, die leider nicht groß genug waren, um vernünftige Versicherungsschäden an all den schönen Autos zu verursachen in unserer Straße. Nur Autowäsche.

9. Mai 2018

Noch kann ich, es ist Schillers Todestag, vom Meister etwas lesen. Denn mit dem anno 1902 in zwei Auflagen erschienenen Heft „Goethe und Ilmenau“ von Paul Pasig bin ich zur Hälfte fertig und muss nun erst einmal meine liebe Hausärztin Christine aufsuchen, die mich in gewissen Abständen zu sehen wünscht. Wir reden bisweilen eher über das Theater als über meine momentan eher nicht erwähnenswerten Wehwehchen, insbesondere aber reden wir über den jeweilig neuen jeweilig gleich unfähigen Gesundheitsminister und seine jeweils fehlgeleiteten Reformen. Den Urologen unter meinen Schulfreunden habe ich noch nicht aufgesucht bisher, ich weiß aber, dass er der Gruppe der bestverdienenden Mediziner angehört, was ich ihm gönne. Wo doch selbst ein Wieland einst einem Bertuch die Einnahmen leise neidete und ein Schiller dem Körner berichtete, dass Herder und Bertuch einander hassen. Schon haben wir Schiller berufen: Auf zur Stadtlinie!

8. Mai 2018

Nicht nur die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer in Deutschland, auch die Kluft zwischen prominent und „Wer ist das denn?“. Prominente sitzen tagelang in jedem Morgen-, Mittags- und Nachmittags-Magazin, in jeder Talkshow des Abends und der Nacht, wenn sie eine neue CD, einen neuen Krimi oder eine neue Schmuckkollektion zu verklickern haben, im ZEIT-Magazin dürfen sie von ihrem Traum erzählen oder was sie rettete, zwei wunderbaren Marketing-Formaten mit High-End-Anspruch. Heute gedenken wir Richard von Weizsäckers, der auf die irre Idee kam, vierzig Jahre nach Kriegsende das Kriegsende Befreiung zu nennen. Gestern sahen wir einen erschütternden Film, der zeigte, dass erst 51 Jahre nach Kriegsende die bis heute ungesühnten Euthanasie-Verbrechen in einer (west-)deutschen Heil- und Pflegeanstalt während der Nazizeit ins Blickfeld gerieten. Gut, dass wir hier die Stasi hatten, sonst kämen wir auf ganz falsche Gedanken.

7. Mai 2018

Mit Charlotte Schiller trete ich in den 97. Geburtstag meines Vaters ein. Sein 98. wird der 80. von Volker Braun werden. Wenn es so weit ist, sind meine ersten sieben Renten vernascht und ich muss mich nicht wundern, dass die Galionsfiguren der Lyrikwelle der DDR, die wie vieles Nachahmung ähnlichen Geschehens in der Sowjetunion war, nun in die Generation Rollator hineinwachsen. Doch hätten wir nur Lyrikwellen nachgeahmt, wäre vielleicht manches erträglicher geworden. Leider gefiel unseren Vorhut-Männern auch manches andere, die Lyrik dafür gerade gar nicht. Als Volker Braun sechs Jahre alt wurde, hatte mein Vater noch zwei Tage bis zu seiner Gefangennahme. Zum Einsatz in Schlesien war es nicht mehr gekommen. Mutti Langer, von der ich nie erfahren habe, wer sie war, hat zu ihrem und seinem Geburtstag Kuchen gebacken, einen Brief an Gerda schrieb er am 7. Mai 1945 nicht. An seinem Grab standen wir gestern, die Blumen in der Schale haben sich erholt.

6. Mai 2018

Weder war das alljährliche Groß-Familientreffen besonders anstrengend noch gar sonst negativ. Das Wetter herrlich, der Weg von Dörnfeld nach Pennewitz gut befestigt und einen im Bau befindlichen Spielplatz passierend, der Friedhof sah wohl lange keine solch überfallartige Volksversammlung fast aller Altersgruppen. Dennoch war ich heute platt wie ein gewalzter Wattwurm im Schlick, mehr als zwei Kapitel in zwei verschiedenen Goethe-Büchern auch bei guter Absicht nicht zu bewältigen. Also: Neue Woche, neues Glück, heute nur Regeneration und ein Kölner Tatort am Abend. Die aus Weißenstadt mitgebrachte Scheurebe aus Randersacker macht sich gut, den Blauen Silvaner lassen wir folgen, der gelbe Muskateller darf neben seinen Kollegen aus der Wachau noch etwas ruhen. Ich habe gelernt, dass eine größere Zahl großer schwarzroter Ameisen Dreijährige soweit beunruhigen können, dass Opas Arm herhalten muss, um die Gefahrenzone sicher im Hochsitz zu passieren.

5. Mai 2018

Für 15,80 Euro erwarb ich heute sehr zeitig diverse Zeitungen, die ich sonst an einem Sonnabend nicht kaufe. Die ich sonst kaufe, kommen noch hinzu. Und alles nur wegen olle Karl. Olle Karl hat heute seinen 200. Geburtstag und er hätte sich wahrscheinlich einen Zwerchfellriss gelacht, wäre er Zeuge des eifrigen Medientreibens um ihn geworden. Dicke fette Beilagen, Sonderseiten, im Radio Berichte direkt aus der Hauptstadt der Bewegung, aus Trier, wo es einen Original-China-Nischel zu  enthüllen gilt. Sogar die Kirche dorten feiert ihn, denn er ist dort getauft worden, seine spätere Frau Jenny ist dort getauft worden und das mit dem Opium fürs Volk, das ist ihm halt rausgerutscht, das kommt in den besten evangelischen Familien vor. Die Katholiken haben dagegen gar längst ihren eigenen Marx, der sich bei seinem Namensvetter sogar die Buchtitel borgt, wenn es den Verkauf zu fördern verspricht. Und ich, einst durchsuchte ich alle (!!) 43 Bände nach dem Wort „Fortschritt“.

4. Mai 2018

„Es war ein stummer Abschied. Kein Redner sprach, kein Freund rief dem Toten ein Wort des Gedenkens nach, nur eine leise Musik hatte die Gestapo erlaubt.“ So erinnert sich Maud von Ossietzky. „Am frühen Nachmittag, kurz nach 15 Uhr, es war der 4. Mai 1938, hörte das Röcheln auf, es trat eine tiefe, tiefe Stille ein. Carl v. Ossietzky war seinen Leidensweg zu Ende gegangen.“ Liest man 80 Jahre später vom Geschehen um Dr. Kurt Wannow, der sich wegen Untreue und Unterschlagung vor Gericht zu verantworten hatte, ist man sprachlos. Die Zeugenaussage des betrogenen Friedensnobelpreisträgers vom 25. Februar 1938 offenbart auch eigene Gutgläubigkeit. Der vorgebliche Rechtsanwalt hatte ein Fünftel des Preisgelds als Honorar kassiert, außerdem auch den großen Rest dem schwerstkranken Klienten vorenthalten. In dessen letzter Buchbestellung bei Calvary & Co. vom 9. März 38 findet sich der Chesterton-Krimi: „The Wisdom of Father Brown“.

3. Mai 2018

Je weiter die DDR in der Geschichte verschwindet, umso unbeschwerter behaupten selbst linke Blätter ungeprüft und ahnungslos Unfug, NEUES DEUTSCHLAND lässt heute nicht nur die Nachricht, in Paris hätten am 1. Mai 1000 Vermummte sich eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert, wie eine gute Nachricht aussehen, das Blatt kolportiert auch die Falschbehauptung, die Leipziger Universalbibliothek des Reclam-Verlages habe Wolfgang Leonhard nicht gedruckt. Hat sie aber, wenn auch erst 1990, als man schon zwei Bände für 10 Mark zu verkaufen wagte. Längst ist Reclam Leipzig ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Ich las eben ein seit meiner Würzburgreise auf dem Wartestapel liegendes Goethe-Buch zu Ende, Titel: „Ihr glücklichen Augen …“, Untertitel „Goethe und Franken“. Immer wieder verblüfft, welche Kuriosa übermotivierter Lokalpatriotismus hervorbringt, mit Gewinn las ich dennoch, wie Kleinigkeiten munter sehr wichtig gemacht werden.

2. Mai 2018

Zu den wirklich widerlichen Dingen im Leben gehört das Warten auf Post oder Anrufe, die avisiert wurden, aber dann doch nicht erscheinen. Es gilt dabei grundsätzlich Murphys Gesetz: das Telefon klingelt binnen 24 Stunden genau dann, wenn man im Keller, an der Mülltonne oder auf dem Klo ist. Neuerdings gibt es Dienste, die kündigen ihre Sendung für die Zeit zwischen 12.47 und 13.47 Uhr an. Warum eigentlich keine Sekundenangabe? Die Shakespeare Company Berlin macht mich auf den beginnenden Vorverkauf aufmerksam und da ich „Verlorene Liebesmühe!“ noch nie sah in erinnerlichen Zeiten, das Ausrufezeichen dabei sehr wohl registriere, bin ich mehr als pflichtgemäß neugierig. Heute reise ich ausnahmsweise ganz allein nach Coburg, um mir einen pakistanischen Amerikaner anzuschauen, der momentan so was von angesagt ist, dass ich ihn mir tatsächlich um ein Haar verkniffen hätte. Noch dreimal schlafen, dann hat Marx Geburtstag: Jauchzet, frohlocket!

1. Mai 2018

Ohne Kampf und Feier nach Hause, Tankstelle in Gefrees von Wohnmobilen blockiert. Heimtour über  A 9 und A 4 fast auf den Kilometer wie die Hintour. Erste Neugier-Recherche Goethe auf dem Ochsenkopf, die Tafel war oben zu sehen, auch eine für Alexander von Humboldt, der fünf Jahre Oberbergmeister des Fichtelgebirges war. Meine erste Vermutung richtig, Böhmen das eigentliche Reiseziel. Und Urfreund Knebel dabei. Die uferlose Goethe-Literatur hat natürlich auch zu diesen Spezialthemen mehr als nur einen Titel, um einen werde ich meine eigenen Bestände ergänzen. In der Post die neue Spielzeit des Deutschen Nationaltheaters Weimar, der Anrufbeantworter leer. Die E-Mails müssen warten. Am Frühstückstisch memorierten wir Demonstrationserfahrungen: Warten auf dem Stellplatz, sozialstrukturelle Reihung: Intelligenz marschierte hinten, Kampfgruppen des Proletariats mampften schon an ihrer Erstwurst, als die Hochschule die Ehrentribüne grüßen durfte.

30. April 2018

Nachtrag: Ein kompletter Thermen-Tag nach vormittäglicher Einkaufsrunde in Brauerei, Destillerie und Feinkost: neun Biersorten, ein feiner Heidelbeer aus Sack’s Destille, drei feine Weiße aus dem Weingut Martin Göbel in Randersacker, darunter, hier selten genug: Gelber Muskateller. Sehr windig, aber wir konnten bis zum Abend draußen liegen. Später überall kleinere und größere Walpurgisfeuer. Weißenstadt hat die Saunen nach Handwerken genannt und gestaltet: Bergwerk, Bäckerei, Brauerei, Holzwerkstatt, Fischerhütte, angenehme Regularien, Thermalwasser-Aufguss ohne Zusatzaroma kannten wir alle noch nicht, auch Zucker-Peeling nicht. Alles überall gelb vom Extrem-Pollenflug dieser Tage. Wir lassen etliche Sachen gleich im Kofferraum für morgen. Die gesamte Gegend hat so viel zu bieten, dass wir unsere nächste Tour schon im Plan haben. Prospekte sind gebunkert, das schönste heißt „Direktvermarkter im Fichtelgebirge“, es riecht nach Zukunft.

29. April 2018

Nachtrag: Nach erstem Probegenuss der Saunen der Siebenquell-Therme gestern Erkundungsfahrt in die Umgebung heute, Ziel Ochsenkopf. Wir sehen die Eger-Quelle auf dem Weg von Weißenstadt nach Bischofsgrün, den Namen Kolbenheyer auf einem der Steine dort kenne nur ich, darf deshalb sogleich eine kleine Volksrede über ihn halten. Auffahrt mit der Schwebebahn lustig und preiswert. Lustig, weil wir drei Seniorenkarten und eine für Erwachsene lösen dürfen. Versorgungskultur mit DDR-Memory-Feeling oben. Immerhin wissen wir jetzt, wo das war, wonach Opa Reinhold vor fast  60 Jahren seine Antenne nicht ausrichten durfte, zu sozialistischer Korrekturarbeit aber niemanden auf sein Dach ließ. Umrundung des Sees zu Fuß mit Besichtigung der preiswürdig als Denkmal gestalteten Überreste des Granitwerks von Erhard Ackermann und der 14 Stelen zum Stundenbuch Eugen Gomringers. Nirgends Sexismus. Abends erneut Gasthof zum Deutschen Haus, Genüsse pur.


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