Tagebuch

14. April 2017

Phantom-Schmerz und Phantom-Trauer: Heute wollte ich „John Gabriel Borkman“ sehen in Meiningen, Gastspiel des Burgtheaters, es war ein promovierter Wurm drin und so muss ich nicht, wie in Kauf genommen, nachreisen, sondern darf höchstselbst am Steuer sitzen. Die kürzeste Strecke braucht 38 Minuten länger als die schnellste Strecke, wäre ich ein Radfahrer, wäre das genau das Vergnügen. Dann könnte ich allerdings auch die Gegend an der fränkischen Saale mit Helm befahren, was ich jedoch nicht tue. Die Zahl der im Kofferraum mitgeführten gekochten und rohen Eier wird an dieser Stelle dem Geheimnisschutz überantwortet. Dies betrifft auch andere dem persönlichen Wohl dienende Gegenstände und Gegenständinnen. Wenn an dieser Stelle kurzzeitig ein gewisses Schweigen eintritt, kann schon jetzt auf sein nahes Ende verwiesen werden. Und die dann folgende Abarbeitung der Defizite. Wer will, mag morgen ein wenig an Robert Musil denken.

13. April 2017

Fragt mich ein Hotelportal, was ich vor 365 Tagen an Ostern gemacht habe. Keine Ahnung, meines Wissens habe ich weder vor 365 noch vor 4444 Tagen irgendetwas an Ostern gemacht. Ich ließ Ostern, wie es ist. Zu Ostern tat ich das eine oder andere, meist das andere. Es gab Jahre, da schleppte ich erste eigene Schritte laufende Kleinstkinder in Richtung in Gras und Busch liegender Leckereien. Es gab Jahre, da verfluchte ich inbrünstig die beschissene Meteorologie des Nordhangs des Thüringer Waldes. An manchen Ostersonnabenden schlüpfte ich in meine weichsohligen grauen Sportschuhe, um am Ilmenauer Osterspaziergang teilzunehmen, die Organisatoren freuten sich für die Statistik über eine Berliner Teilnehmerin. In diesem Jahr werde ich das Weite suchen, welches so nah liegt und deshalb einige ruhige Autobahnkilometer zurücklegen, bis zu einem künstlichen Seengebiet, um ein Vier-Generationen-Happening mitzugestalten. Sachsen, wir kommen morgen.

12. April 2017

Ab und an passiert es: ich bestelle ein Buch, es klingelt das Telefon, eine unbekannte Nummer, am anderen Ende eine freundliche Antiquarin, die mich darauf aufmerksam macht, dass das Bestellte am Buchrücken eine gewisse Verschmutzung aufweist, innen sei aber alles sauber. Ich sage die übliche Phrase: wegen des Inhalts hätte ich das Buch bestellt. Sie darauf: es liegen noch ein paar alte Zeitungsausschnitte drin. Nun kommt das Buch. Die Verschmutzung fällt kaum auf, innen aber liegt Blatt 4 der Sonntagsausgabe 581 von NEUE ZÜRCHER ZEITUNG vom 5. April 1936, eine ganze Seite Max Rychner, „Gespräch am Rhein“, da war Rychner noch Korrespondent in Köln, nachdem er seinen Job bei der KÖLNISCHEN ZEITUNG 1933 verloren hatte. Zwei weitere Artikel aus 1934, leider nicht erkennbar, aus welchem Blatt. Und die erste Auflage, um die es mir ging, von „Zur europäischen Literatur zwischen zwei Weltkriegen“, hat volle 15 mir bisher unbekannte Texte.

11. April 2017

Natürlich hätte ich heute auch über Kurt Vonnegut schreiben können, er ist zehn Jahre tot und Marco Stahlhut, Mitarbeiter der WELT AM SONNTAG, glaubt laut WELT AM SONNTAG vom 15. April 2007, dass Vonnegut lediglich von Außerirdischen entführt wurde. Im Kurznachruf des SPIEGEL stand seinerzeit, nach Vonnegut erkenne man das Alter daran, dass man nicht mehr so gut rückwärts einparken könne. Knappe zehn Jahre früher hatte das Nachrichtenmagazin noch den Titel „Ich denke jeden Tag an Sex“ über einem Interview mit ihm. Da ihn Harry Rowohlt selig übersetzte, gäbe es zusätzlichen Grund. Ich habe mich aber für Erskine Caldwell entschieden, auch wenn sich zu dem in meinem Archiv kein Beitrag aus dem unselig verschiedenen RHEINISCHEN MERKUR findet wie bei Vonnegut. Mit Caldwell starb am 11. April 1987 auch Primo Levi, das aber würden ganz andere Geschichten werden und mein Programm vor Ostern ist noch proppevoll.

10. April 2017

Ostermarkt in Langewiesen, kein ganz gleichartiger Ersatz für das Pelto-Bad, aber immerhin: Man traf Menschen, die man lange nicht sah, die man kaum wiedererkannte oder sofort, obwohl ihnen das, mit Verlaub, Alter ein klein wenig im Gesicht geschnitzelt hatte. Im Rathaus Ostereier, in den Seitengassen dies und jenes, vor allem jenes. Auf dem Heimweg noch ein lecker Eisbecher auf dem Ehrenberg, wo ein Copy-Shop eine gastronomische Nebenlinie betreibt. Gutes Sonntagsgefühl nach mehr als 6000 Wörtern an dreieinhalb Tagen, da wäre wohl selbst Jack London mit sich zufrieden gewesen. Heute das Montagsgefühl. Das Gefühl, ein wenig Druck sei weg. Lektüre in der Grauzone zwischen Pflicht und etwas Vergnügen. Nach Olaf Trunschke gesucht im Regal, Fundstück „Das Menschen-Museum“, octopus 1990. Erinnerung unangenehm, DDR-Feuilletons wollten nichts mehr zu DDR-Literatur wegen der weiten Welt, ich stieg in die Beletage des Lokaljournalismus.

9. April 2017

Nun, woran denken wir? Nein, daran nicht. Und das hat einen einfachen Grund. Im Kalender steht: Erste Kritik von „Minna von Barnhelm“. Tatsächlich: Vor haargenau 250 Jahren, am 9. April 1767, erschien in der „Berlinischen privilegirten Zeitung“ (kein Schreibfehler) die erste Rezension der gedruckten Fassung, die wiederum zur Ostermesse bei Voß erschienen war. „Die Wirkung des Stücks ist, dass es oft zum Lachen, weit öfter zum Lächeln und nicht selten zu Thränen bewegt.“ Schrieb Anonymus, ein damals sehr fleißiger Kritikus. Und schon am 14. Mai zog dieselbe Zeitung den seither unausrottbar gewordenen Vergleich des Majors Tellheim mit dem ruhmreichen Ewald von Kleist. Ich las das Werk pflichtgemäß in der Schule im fernen Jahr 1968, ohne sofort unheilbar an Minna-Allergie zu erkranken. Wenn es wo gespielt wird, gehe ich hin, und bin stets froh, dass Lessing keiner ist, dessen Dramen modern, während seine Romane allerorts auf Bühnen hampeln.

8. April 2017

Gegendarstellung: Es trifft nicht zu, dass ich gestern meinen neunten „Don Carlos“ sah. Richtig ist, dass es der zehnte war. Es trifft nicht zu, dass ich Thalia auf DVD sah. Richtig ist, dass es auf dem Bildschirm bei ARTE war, auf DVD sah ich Memmingen. Sollte ich eine solche Falschbehauptung erneut in Umlauf bringen, droht mir als Strafe der Besuch von einmal „Meister und Margerita“ in Rudolstadt, vorher müsste ich mir zwei Stunden lang bei grünem Tee von zahlreichen früheren „Meister und Margerita“-Inszenierungen berichten lassen. Ich beauftrage zwei einst arbeitslose Werkstoff-Wissenschaftler im Vorruhestand: einen Don-Carlos-Zähler bauen, der im Bedarfsfall auch als Kabale-und-Liebe-Zähler eingesetzt werden kann. Zum Zählen des Sprechtheater-Publikums in Arnstadt reichen nach wie vor wenige Hände und noch weniger Füße. Weil morgen der 100. Geburtstag von Johannes Bobrowski ist, schreibe ich heute zum 120. von Max Rychner.

7. April 2017

Heute sehe ich meinen neunten „Don Carlos“ seit 2005, ich musste das Archiv bemühen, denn fünf der neun Inszenierungen liegen vor der Zeit, da mir dieser Netzauftritt zur Verfügung steht. Die beiden ersten bot Meiningen, es folgten Coburg und Weimar. Nach Weimar musste ich zweimal, weil die erste Aufführung abgebrochen wurde wegen plötzlichen Ausfalls einer Darstellerin. In Dresden sah ich die hochgelobte und tatsächlich hervorragende Inszenierung von Roger Vontobel, die dann auch zum Theatertreffen geladen wurde, es folgten Potsdam und Berlin, zwischendurch noch, leider nur auf DVD, das Thalia in Hamburg. Jetzt gastiert das Theater der Altmark Stendal in Arnstadt. Meine eigenen Carlos-Notizen umfassen inzwischen mehr als 110 Druckseiten, was wenig bedeuten soll. Meinen Theater-April beschließe ich mit Rainer Werner Fassbinder und mit Tennessee Williams, das Burgtheater-Gastspiel Karfreitag in Meiningen war leider nur eine Fiktion.

6. April 2017

Vierzehn Druckseiten, der Druck freilich im gesamten Band sehr großzügig, umfasst Stephan Hermlins Gedicht „Stalin“ in seinem 1952 veröffentlichten Band „Der Flug der Taube“. Wer auf der Suche ist, den zu Lebzeiten in der Rolle als Grandseigneur der DDR-Literatur fast aufgehenden Hermlin final zu diskreditieren, muss nicht auf die Enthüllungen zurückgreifen, die Karl Corino mit ziemlich heißer Nadel zum Buch gebläht hat, Hermlins Lebenslügen betreffend. Längst wissen wir, dass andere Berühmtheiten mindestens ebenso polierten und umdeuteten, verschwiegen oder hinzu dichteten wie Hermlin. Wer einst seine Unterschrift unter eine Huldigung an Hitler setzte als ein deutscher Schriftsteller, ist längst mehr als rehabilitiert, wenn er nur halbwegs gute Literatur machte. Selbst bekennende Faschisten bekommen längst wieder viel Feuilleton-Platz, wenn sie nur die richtigen Namen haben. Vor 20 Jahren starb Hermlin, eine der Todesursachen: Verbitterung.

5. April 2017

Am 2. April vorigen Jahres erschien die ohnehin längst von acht auf sechs Seiten eingedampfte LITERARISCHE WELT erstmals mit einer ganzseitigen Anzeige, der Schritt hin zur Vier-Seiten-Variante hatte seinen ersten Probelauf. Ich weiß nicht, wer in der Chefetage die prickelnde Idee hatte, endlich mal am alten Zopf der Willy-Haas-Gründung herumzuschnippeln, wieder und wieder gibt es nach langen Zeiten der Konstanz und Kontinuität nun sehr alberne Neuerungen oder getarnte Einsparungen, es macht längst keinen Spaß mehr. Nebenwirkungen meines aktuellen Archivierens, die auf keinem Beipackzettel verzeichnet sind. Hätte ich mich zeitnah geärgert, wäre alles längst vergessen. In der Post gestern die offizielle Einladung zu einer Berliner Hochzeit, die inoffizielle hatten wir bereits. Zwei Hochzeiten in diesem Jahr, eine vor, eine nach unsrem 41. Ehejubiläum. Hätten wir uns Gedanken gemacht, wie man so lange durchhält, wären wir wohl längst geschieden.

4. April 2017

Heute wäre ein guter Tag für Donald Trump, per Dekret mit Mundwinkelhängen die Unterschrift der USA unter dem Vertrag über das Verbot von Landminen aus dem Jahr 1998 zurückzunehmen. Dummerweise hat niemand diesen Vertrag bisher unterschrieben in den USA und Präsidenten hat es ein paar gegeben in den fast 20 Jahren seither. Darunter sogar einen, der den Friedensnobelpreis schon erhielt, als er noch gar nicht wusste, wo die Hutablage im Oval Office ist. Wenn Trump tatsächlich immer genau das Gegenteil von dem tun will, was sein Vorgänger tat, dann kann er sehr viel Gutes bewirken, denn Obama hat mehr nicht getan als getan. Und wichtige Verträge, die bisher niemand ratifizieren wollte, gibt es sicher nicht nur im Felde der Waffen-Ächtung. Wie man eine Landmine vergräbt und tarnt, habe ich noch gelernt in meiner Friedenstruppe NVA, ein U-Bahn-Bömbchen hätte ich nach meinem unvollendeten Sprenglehrgang wohl auch in die Luft bekommen.

3. April 2017

Am 24. März 1952, seinem 25. Geburtstag, hielt es Martin Walser nicht für nötig, die Geburt seiner ersten Tochter Franziska am Vortag im Tagebuch zu vermelden. Am 3. April 1957, zehn Tage nach seinem 30. Geburtstag und elf Tage nach dem fünften Geburtstag von Franziska, brachte Käthe die zweite Tochter zur Welt, wieder fast ein punktgenaues Geburtstagsgeschenk für den werdenden Großmeister. „Johanna, das ist noch fremd, hat sich noch nicht mit dem Kind verbunden.“ Steht nun im Tagebuch. Heute ist also Johanna Walsers 60. Geburtstag und es wird in diesem Walser-Jahr auch noch den 50. Geburtstag von Theresia geben, der jüngsten der vier Töchter. Wenn der gute alte Martin also sonst nichts weiter vollbracht hätte als diese vier, dazu noch diesen Jakob, dann hätte er der Welt mehr hinterlassen als viele und das sogar rein quantitativ. Ohne Johanna Walser besäße ich keinerlei Bücher aus der Collection S. Fischer, so aber sind es drei: 2326, 2349, 2370.


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