Tagebuch

9. Mai 2017

Irrwitz: es geht wieder, wenn auch auf Umwegen und mit seltsamen Kleineffekten. Damit alles noch schöner werde, hat mein hiesiger Notdienst seine Geschäftstätigkeit eingestellt, ich muss nun auf die Suche gehen. Derweil las ich immerhin ein schönes altes Stück aus dem Jahr 1923, schiebe meine Betrachtung dazu aber in den September. Mit ruhigeren Nerven hätte ich heute an Hanna Klose-Greger gedacht, von der ich in jungen Jahren so schöne Schinken las wie „Inka, Sohn der Sonne“, „Lard, der Etrusker“, „Kommst du wieder, Federschlange?“, „Die Stadt der Elefanten“ oder „Insel der heiligen Stiere“. Das waren meist Prisma-Bücher, die meine Eltern sammelten und oft direkt vom Verlag geliefert bekamen. Das war sicher der einzige DDR-Verlag, der so etwas tat für gute Kunden, ein privater eben. Besonders ärgerlich: meine „Macbeth“-Kritik war am Samstag vor dem Essen fertig und steht nun heute drei Tage später erst in THEATERGÄNGE. Tut mir leid.

8. Mai 2017

Dass er noch lebt, gilt als ziemlich sicher, auch wenn es seit mehr als einem halben Jahrhundert kein aktuelles Foto mehr von ihm gibt: Thomas Pynchon wird heute 80 Jahre. So voll mein Archiv zu ihm, so leer mein Kopf, er war bisher nie mein Mann. Dass er nicht mehr lebt, ist definitiv sicher: Elmer Rice starb am Tag der Befreiung 1967, mit seinem sicher berühmtesten Stück „Die Rechenmaschine“ eröffnete der Aufbau-Verlag ein Jahr nach seinem Tod seine Zusammenstellung „Amerikanische Dramen aus fünf Jahrzehnten“. Wäre gut spielbar heute, es gibt leider kein Begleit-Stück von Elfriede Jelinek dazu, was gegen Neuinszenierungen spricht. Auch dies schreibe ich noch unabhängig von aller raschen Aussicht, es auch ins Netz stellen zu können. Muss ich Erleichterung bekunden angesichts gestriger Wahlergebnisse? Ein Präsident, der Philosophie studierte, liegt mir  eher, als einer der Miss-Wahlen veranstaltete. Vom Geld versteht er auch was, das ist eine Basis.

7. Mai 2017

Unerwünschte Phänomene: ich kann nicht auf meiner Seite arbeiten, es nennt sich Internal Server Error. So steht meine Theaterkritik seit mehr als 30 Stunden, Tagebuch geht natürlich ebensowenig wie Fehlerkorrigieren. Am Sonntag sind die potentiellen Helfer nicht erreichbar. Ich hätte vielleicht ein paar Zeilen zu Władysław St. Reymont geschrieben, weil der am heutigen 96. Geburtstag meines Vaters seinen 150. hätte. Das ZEIT-Literatur-Lexikon kennt ihn schon nicht mehr, obwohl er 1924 den Nobelpreis für Literatur bekam für „Die Bauern“. Viel kenne ich auch nicht von ihm, aber immerhin. Fertig ist ein weiterer längerer Text seit Donnerstag, der nur noch auf die Korrektur wartet. Das nervt. Und lähmt. Am Morgen noch Frühstück im Kreis der Großfamilie, schon in vier Wochen sehen wir uns fast alle wieder, weil wir eine Hochzeit feiern. Bis Anfang Juli wartet ein kleinportioniges Reiseprogramm mit insgesamt acht verschiedenen Zielen, dann folgt Sommerruhe.

6. Mai 2017

Zu den Betriebsgeheimnissen meines, ha, Schaffens gehört der Umstand, dass ein ziemlich hoher Prozentsatz erster Sätze mir unter der Dusche einfällt und dennoch bin ich noch nie, wenn die Säge klemmte, zur Unzeit in meine Kabine geklettert. Deswegen kann aus mir auch nie ein wirklich bedeutender Schöpfer werden, denn ich setze mir bekannte und in ihrer Wirksamkeit von mir selbst getestete Stimulanzien nicht zielgerichtet ein. An Schiller mit seinen faulen Äpfeln in der Schublade will ich gar nicht denken. Im Theater esse ich, wenn es Pausen und Brezeln gibt, gern eine Brezel. In Meiningen erwischte ich gestern eine gefüllte, was mich kurz aus der geistigen Bahn warf, denn mit einer Füllung rechnete ich nicht. Der Blick auf einen fotografierenden Kollegen warf mich ins Gleichgewicht zurück. Als ich spät zu Hause eintrudelte, sprach im „Literarischen Quartett“ eben Claus Peymann mit Thea Dorn. Ich bin heute Familienmensch und Stausee-Freund in einer Person.

5. Mai 2017

Nur noch ein Jahr schlafen, dann haben wir ihn: den zweihundertsten Geburtstag von Karl Marx. Jetzt rennen schon alle Ahnungslosen in den Film über den jungen Marx und die feinen Feuilletons erläutern uns, wer das war, dieser junge Marx. Unsereinen kann das kaum erschüttern, denn wir haben diesen Bartträger nicht nur mit der Muttermilch eingesogen, teilweise gar statt Muttermilch. Inzwischen ist den Ahnungslosesten unter den Ahnungslosen, die diesmal nicht an der Abwesenheit von ARD und ZDF, sondern an deren Anwesenheit gelitten haben, klar, dass Karl einer war, der etwas konnte, was in dreitausend Jahren überschaubarer und geschriebener Geschichte nicht sehr viele konnten. Er konnte sogar richtig gut schreiben, denken sowieso. Und ein Jude war er auch noch. Da kam einiges zusammen. Von Shakespeare hielt er übrigens viel, wenngleich ihm dessen Darstellung des Geldes wichtiger war als anderes. Ich sehe heute „Macbeth“. Nicht wegen Marx.

4. Mai 2017

Entgegen anders lautenden Überzeugungen ist WIKIPEDIA kein Nachrichten-Magazin zur Verbreitung von frischen Personal-Daten. Es ist, was in manchen Gegenden überraschen wird, so etwas wie ein Westsender seligen Andenkens. Wenn zum Beispiel der keineswegs unberühmte Regisseur Andrzej Wajda den Roman „Das gelobte Land“ des polnischen Nobelpreisträgers für Literatur des Jahres 1924 (Reymont) 1974 in Polen verfilmt, dann kommt der Film allein wegen der Berühmtheit von Wajda auch nach Deutschland. Das DDR-Fernsehen sendet ihn am 2. September 1976, das ZDF folgt schon wenig mehr als ein Vierteljahr später nach: am 13. Dezember 1976. Preisfrage, welche der beiden deutschen Erstausstrahlungen nennt WIKIPEDIA zuerst? Richtig! Ansonsten läuft das Leben in alter Fließgeschwindigkeit. Ich sehe vom Esszimmer-Fenster aus kleinen Starenvölkern beim Abendmahl zu, am Hang gegenüber müssen leckere Sachen liegen.

3. Mai 2017

Wer auf sich hält, rollt heute seinen kleinen Gebetsteppich aus, wirft sich auf seine Knie und verbeugt sich in Richtung der Pressefreiheitsstatue. Falls deren Standort nicht genau bekannt ist auf jedem Teppich: ich kenne ihn leider auch nicht, bin schon zu lange raus aus dem Tages-, Wochen- und Monatsgeschäft. Zu meiner Schande muss ich auch gestehen, dass ich mich nicht zurücksehne. Gern erinnere ich mich an die Zeiten, da diverse Hochwohlgeboren auf mich zu eilten, wenn ich selbst oder persönlich irgendwo erschien, um meine verehrte Hand zu drücken, zu schütteln und so ähnlich. Denn im Schnellkurs hatten alle gelernt: Stelle dich gut mit der Presse, das kann nie schaden. Auf dem Höhepunkt meiner unfreiwillig beendeten Karriere dachten alle, ich sei ihr persönlicher Fanblock, was mir immer zu guten Informationen verhalf und ihnen dann zu der eher herben Enttäuschung, dass ich es doch nicht war. Ich bin mein eigener Fanblock schlimmstenfalls.

2. Mai 2017

Wäre ein Hedgefond auf den Cayman-Inseln oder auch nur ein Anwaltskonsortium mit Recht auf Eigenbedarfsklage aus dem nahen Saarland Eigentümer meiner Wohnung, hätte ich bei einem kurzfristigen Handwerkerbedarf vermutlich die so genannte Arschkarte gezogen. So aber melde ich mich kurz nach Büroöffnung bei der stets freundlichen Leiterin des Teams „Pörlitzer Höhe“ meiner Wohnungsbaugenossenschaft, die mich an den zuständigen Wohnungswirt weiterreicht, der mit dem zuständigen Elektriker Verbindung aufnimmt, obwohl der sich gerade auf einer Baustelle befindet und wenig später bekomme ich den Rückruf mit dem Termin, wann der mir bekannte, stets freundliche Elektriker meinen Sicherungskasten unter die Lupe nehmen wird. Kommunismus ist das nicht, da musste man Handwerkern bekanntlich einen Urlaubsplatz am Balaton bieten, ehe sie nach dem Begehr des Kunden fragten, es ist Service. Mitten in der Service-Wüste Deutschland.

1. Mai 2017

Um 10.15 Uhr drucke ich mir den WIKIPEDIA-Eintrag für Regula Venske aus und sehe auf Seite 3 der PDF-Fassung: zuletzt am 1. Mai 2017 um 9.38 Uhr geändert. Ja, da schau her, wenn das keine Aktualität ist. Um ehrlich zu sein, ich denke beim Namen Regula immer an Schweizerinnen, die ein Müsli erfunden haben oder ein autogenes Southern Walking. Und nun ist da eine Regula die neue PEN-Vorsitzende nach dem Motto: Josef heißt jetzt Regula. Mein umgehend befragtes Archiv zeigt Dürre: Ein Auszug aus dem Lexikon deutscher Krimi-Autoren, ausgedruckt wegen einer Rezension in einem Kritik-Portal, beides im März 2007, sonst: Fehlstelle. Regula ist die Schwester von Henning, den ich aus dem Radio kenne von früher, von sehr viel früher. Ob es Wechsel in der PEN-Schatzmeisterei gegeben hat, vermeldete der evangelische Pressedienst nicht, wir wissen es zu würdigen. Ansonsten begehen wir heute den National-Feiertag der Marshall-Inseln, was sonst?

30. April 2017

Der Tag mit den Kürbissen ist heute nicht. Der gehört in die Gesamtmasse des kulturellen Export-Überschusses der Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn wir also, Gedankenexperiment, auf all diesen „Sex in the City“ und „The Big Bang Theory“ Schutzzölle legen und dafür sagen würden: Trumpy, alte Knatternase, jetzt aber rasch all unsere Berg-, Tal, Tier- und Puppendoktor-Serien gekauft, dann Frank Castorf an den Broadway berufen und dort ausschließlich alte sowjetische Revolutionsstücke inszenieren lassen, dann wäre das eine irgendwie ausgeglichenere Welt. Aber wir importieren selbst Gedenk- und Welttage. Welttag des Jazz ist heute und wer hat den erfunden? Nicht die Schweizer. Und dann ist da noch der Tag der gewaltfreien Erziehung. Wir dürfen unsere Kinder nicht mehr übers Knie legen, USA-Kinder dürfen mit Papas Pumpgun die kleine Schwester erschießen, alles zusammen heißt Recht auf Gewaltfreiheit. In Ingolstadt ist heute Walpurgis-Nacht.

29. April 2017

Lese ich an seinem heutigen 75. Geburtstag, warum mich seinerzeit John Erpenbeck und sein „Was kann Kunst? Gedanken zu einem Sündenfall“ so faszinierten, dann finde ich Randnotizen neben vielen Ausrufezeichen immer da, wo bisher Ungesagtes auffiel. Das war eine Menge. Immer wieder ergötzten mich Seitenhiebe auf Säulenheilige der DDR-Theorie wie Wilhelm Girnus, Erhard John, Moissej Kagan, ich hatte mich mit all ihren Ergüssen bekannt gemacht in meiner Studentenzeit. Ein Kopf, dieser Erpenbeck! Wenn er nicht im Januar 2013 schon gestorben wäre, könnte heute auch Bernd Heimberger seinen 75. Geburtstag feiern. Niemand hat zu DDR-Zeiten mehr Redaktionen mit seinen Artikeln, Kritiken, Würdigungen zu runden Jubiläen beliefert als er. Was immer man zwischen Neubrandenburg und Suhl aufschlug, ein Heimberger fehlte selten. Nach 1989 wollte er die Welt noch von allen Streichungen unterrichten, die ihm widerfuhren, es interessierte nicht mehr.

28. April 2017

Weil vor genau 60 Jahren der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet wurde, nutze ich die Gelegenheit, eine meiner bisher verschwiegensten DDR-Sünden kryptoöffentlich zu enthüllen: der DTSB war so ziemlich die einzige Massenorganisation meines Arbeiter- und Bauernstaates, der ich nie angehörte, Ich war Pionier, FDJ, GST, DSF, FDGB, Kulturbund, Urania, SED (ha, erwischt, dreieinhalb meiner 64 Lebensjahre!), war Mitglied in der Konsum-Genossenschaft. Nur DTSB nie. Dennoch denke ich ziemlich oft, wenn ich in der Weimarer Straße von der Goethepassage via Lieblingsbäcker die Fahrbahn überquere, dass hier früher die DTSB-Baracke stand, Kreisvorstand hauptamtlich. Wegen des heutigen Welttags für Sicherheit am Arbeitsplatz gedenke ich voller Rührung der legendären Arbeitsschutzbelehrungen in der Bibliothek der Technischen Hochschule Ilmenau. Wäre ich ohne sie von Leitern gestürzt, hätte mir Bleistifte ins Auge gestoßen? Denkbar.


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