Tagebuch

16. Juni 2017

Ein unfassbares Dreckhirn namens Thomas Goede hat nicht nur bei den Piraten (was war das denn??) Unterschlupf gefunden, sondern freut sich öffentlich, wenn einer Polizistin in den Kopf geschossen wird. Natürlich distanzieren sich die üblichen Verdächtigen sofort von ihm, natürlich distanzieren sich die ganz Guten sofort von den nicht ganz so Guten, NEUES DEUTSCHLAND aber erläutert, warum der Bundestagskandidat Goede nicht einfach von der Liste gestrichen oder aus der Partei geworfen werden kann. Freude, blöder Götterfunken, Tochter aus Brimborium, wo leben wir? Elfriede Jelineks Stück über Donald Trump wird vorab als Hörspiel vertont. Es soll ungekürzt in drei Folgen mit insgesamt fünf Stunden Dauer gesendet werden. Wen interessieren eigentlich die Ergüsse des Meinungsfließbandes aus Mürzzuschlag? Wie weit ist sie mit ihrer Macron-Trilogie? Oder schreibt sie ein Ballett über Klimawandel, eine Pantomime zum Urknall?

15. Juni 2017

Mitten in der Woche Goethes „Römische Elegien“ in einem Vortrag des Wetzlarers Dr. Wolfgang Keul, der hier schon zu Thomas Manns „Lotte in Weimar“ sprach. Wieder zu Hause die Nachricht, Renate Holland-Moritz sei gestorben. Ich las, dass es das Buch „Die tote Else“ in der DDR nicht hätte geben dürfen, aber doch gab, was also für die DDR spricht, nehme ich an. Alle schreiben wie im Chor von der berühmtesten Film-Kritik, die nur aus einem Satz besteht. Niemand schreibt von „Das Phänomen Mann“, 1959 als Nummer 1 der leider kurzlebigen Reihe „Taschen-Eulenspiegel“ erschienen. Vorn drauf ist eine abstrakte feuerrote Frau a la Picasso, dazu kleine komische Männer, zwei an der Zahl. Heute vor 60 Jahren starb Paul Ilg. Wie kommt man auf ihn? Indem man Uttwil, das Dorf der Dichter und Maler besucht. In der Schweizer Literaturgeschichte ist Ilg ein Name, hier kennt ihn niemand. Zu Uttwil gehören auch Henry van de Velde, Carl Sternheim, René Schickele.

14. Juni 2017

Würde ich mein mit viererlei Medikamenten und einem sehr seltsamen Rhesus-Faktor erfreulich angereichertes Blut spenden, würde es vielleicht dem einen oder anderen Empfänger helfen, ein Leben mit neuen Sorgen zu beginnen. Ich kenne Spender, die nur deshalb spenden, weil sie dort auf jüngere und junge Frauen treffen, einer ist inzwischen so alt, dass er nicht mehr spenden darf, was ihn zu anderen Ereignissen treibt, wo er jüngere und junge Frauen zu sehen hofft. Inzwischen sind fürchterlich viele Frauen jünger als er, die ältesten unter ihnen sind älter als ich. Soweit der Tribut an den Weltblutspendetag. Ansonsten wird Donald Trump heute 71 Jahre alt. Es fiele mir schwer, ihm Gesundheit und ein langes Leben zu wünschen. Anders ist es mit Maria Stuart, die vor 217 Jahren erstmals die Bühne zu Weimar bestieg, man nennt es Uraufführung. Unlängst verkündete Oliver Reese, am Berliner Ensemble seien zu viele Klassiker gespielt worden. Schlimme Drohung.

13. Juni 2017

Achtzehn Tage Juni bleiben noch, um wenigstens etwas von dem nachzuarbeiten, was längst hätte fertig sein sollen. Dabei drängt Neues nach und Seltsames muss Begründung finden. Die Zeiten, da man Fischen predigte, die andächtig lauschten, sind vorbei. Beim Blick in mein Tagebuch von 1997 finde ich Redaktionsalltag vor einem tatsächlich freien Wochenende, mein Wochen-Thema schrieb ich zu Abrissen absichtlicher und unabsichtlicher Art, zu Grundstücken und dem Interesse, das sie weckten zu unterschiedlichen Zeiten, ich ermahnte einen Mitarbeiter, endlich seine längst fällige Kilometerabrechnung fertig zu machen, bei ihm waren die Strecken immer deutlich länger als bei mir und den anderen Kollegen. Mit meinen Eltern ging es um eine Wohnung am Homburger Platz, die nie bezogen wurde. Die vieles erleichtert hätte. In Arnstadt demonstriert man für den Kreissitz, was mich an Kampfzeiten erinnert, in denen dort die Ilmenauer Hochschul-Mafia attackiert wurde.

12. Juni 2017

Man kann den Titel eines Films im Kopf behalten, muss aber nicht, auch wenn die Regisseurin Hermine Huntgeburth heißt und damit einen wahrlich einprägsamen Namen führt. Ludwig Christoph Heinrich Hölty dichtete einst „Üb immer Treu und Redlichkeit“, keineswegs war da von Schwarm die Rede. Zurück aus Berlin, wohin es uns erst Ende des Monats wieder zieht, lesen wir dies und jenes, was uns am Verfasser zweifeln ließe, wenn da noch zu zweifeln wäre. Der ICE 1730 war schneller in Erfurt als der Fahrplan vorsah, wir erreichten ein Maximum von 228 kmh. Meine Video-Rede scheint gut angekommen beim Klassentreffen, nur meine Zuordnung des Schneiders zu seiner Religionsgemeinschaft war falsch, dergleichen Fehler geschehen und sind verkraftbar, wenn auch nur noch im Text, nicht mehr in der Rede selbst korrigierbar. Früher hieß es, Fehler dürfe man wohl im „Eulenspiegel“ machen, nicht aber in der „Tribüne“, so ändern sich die Zeiten schleichend.

11. Juni 2017

Nachtrag: Bis zur Osterinsel werden wir es in diesem Leben wohl nicht bringen, dafür kennen wir nun die Pfaueninsel inklusive einiger der dort lebenden Pfauen. Der „Sommernachtstraum“ geriet beinahe in Gefahr, weil gleich zwei S-Bahnlinien, die ich bis Priesterweg benutzen kann, wegen Weichen- und Signalstörung unregelmäßigen Verkehr meldeten. Unregelmäßigen Verkehr gab es heute wegen eines Radrennens, das die Auffahrt auf die Heerstraße eine lange Weile lahmlegte. Dafür dann der Kindergeburtstag in Alt-Gatow für die Kinder ein tolles Erlebnis. Sie beteiligten sich begeistert an der Schatzsuche und brauchten kaum Aufsicht. Einwärts nach Charlottenburg Busausfall und Stau, wir sahen in der Wilmi dann den ersten „Rewe to go“ unseres Daseins von innen zwecks Ergänzung des abendlichen Nahrungsangebotes, Sonntagsöffnungszeit bis 22 Uhr. Festausklang mit Bier von Ambrosetti, El Coto aus „Mitte Meer“ und Fleisch vom Balkon-Grill.

10. Juni 2017

Gleich zwei aus der früher auskömmlicheren Branche der Kunstschreiberei haben heute ihren 150. Geburtstag. Der eine ist Ernst Heilborn, der andere Julius Meier-Graefe. Den einen nenne ich aus zwei Gründen zuerst: weil ich eben seine Kritik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ las, zu jener berühmten Inszenierung von 1905, mit der Max Reinhardt seinen besonderen Shakespeare-Stil kreierte, und weil ich heute einen „Sommernachtstraum“ sehe. Meier-Graefe hatte es mehr mit der Malerei, mit der ich es im Rahmen meines bescheidenen Laientums zwar auch habe, nie aber über sie schreibend. Immerhin finden sich einige Lesezeichen in einem Buch mit dem seltsamen Titel „Über die Schönheit hässlicher Bilder“. In einem anderen Buch fand ich einen Satz, der mich verlegen macht: „Der Meister des Humors ist daher im Grunde nichts anderes als ein lachender Philosoph.“ Müsste da nicht „lachender Diplom-Ingenieur“ stehen? Morgen schweige ich still.

9. Juni 2017

Fast jeden Abend steht jetzt ein neuer Direktor oder Professor im Fernsehstudio und erklärt den jeweiligen Moderatoren und den überraschten Zuschauern, dass es im Nahen Osten zwischen Iran und Saudi-Arabien um die Vorherrschaft geht und dass die Türkei auch ein Faktor sein will. Mein bescheidener Verstand kommt leider nicht mit. Was wäre denn eine Vorherrschaft? Hat sie derzeit keiner oder nur der Falsche? Kassiert der mit Vorherrschaft dann Brückenzoll und der andere nicht? Dürfen die Vorherrscher eine Frau mehr heiraten als die Nachherrscher und was machen die, die nur Faktor sind, also vermutlich auf Platz drei liegen oder das Treppchen knapp verfehlt haben? Am neunten Juni denke ich traditionell an den 9. Juni 1976 und an den 9. Juni 1955, die dazu gehörigen Persönlichkeiten sind Angehörige der herkömmlichen Geschlechter, mit einer stoße ich an, mit einem würde ich anstoßen, wenn er greifbar wäre. Bleibt das Telefon, Festnetz oder Locker-Netz.

8. Juni 2017

Man kann outdoor richtig schreiben, muss aber nicht. Wichtig sind die Reflexionen, die man daran knüpft. Spart man zwei bis drei o in einer Zeile, hat man schon Platz für ein ganz kleines Wort, das sonst vielleicht hätte wegbleiben müssen. Wer eine Winckelmann-Biografie schreiben wollte, sollte sich nun aber mächtig ins Zeug legen, denn heute in genau einem Jahr ist der 250. Todestag. Und, was noch viel schlimmer ist, am 9. Dezember dieses Jahres geht bereits der 300. Geburtstag voran. Als möglicher Titel kommt „Tod in Triest“ in Frage, auch wenn es den schon mindestens zweimal gab. Ob der Verlag Männerschwarm ein Broschürchen herausbringt? Winckelmann jedenfalls hat die griechische Antike erklärt, ohne je in Griechenland gewesen zu sein, was Goethe toll fand, der auch nie in Griechenland war. So waren sie früher eben. Heute reist jeder überall hin und wenn er dann dort war, sagt er auch nicht mehr als die, die nicht dort waren. Wie die Fernsehexperten oft.

7. Juni 2017

Hemingway und andere nannten sie Dotty und auf manchen Bildern sieht sie ein bisschen aus wie Giulietta Masina, auf jeden Fall war sie klein, sehr klein, für die Zulassung zu einer Fahrschule in manchen Ländern geradezu untermaßig. Umso größer, wenn man den vielfältigen Überlieferungen trauen kann, war ihr Mundwerk, eine Kombination, die gar nicht so selten ist, bei kleinen Männern soll der Ehrgeiz, mangelnde Länge durch anderweitige Größe auszugleichen und unsichtbar zu machen, fast ein Syndrom sein. Also: vor 50 Jahren starb in einem Hotel Dorothy Parker, von der es überall heißt, sie solle eine gefürchtete Literatur- und Theaterkritikerin gewesen sein, deren wenige Kurzgeschichten einen Stil geprägt haben sollen, deren Gedichte jetzt erstmals auf Deutsch und Englisch komplett erschienen sind, was hiesigen Kritikern gute Gelegenheit gibt, Kritikvermeidung durch Anekdotenverbreitung zu treiben. Dorothy Parker war eine große amerikanische Säuferin.

6. Juni 2017

Zwei Wochen mit drei Reisen folgt nun eine Woche mit einer Reise. Weil D-Day-Gedenktag ist, ein Blick auf unsere Fotos vom 26. Mai, Neuville-en-Condroz. Wir kennen auch Margraten, wir kennen Colleville-sur-Mer und Hamm in der Nachbarschaft von Sandweiler. Und viele mehr, die aber nicht mit dem 6. Juni 1944 und seinen Folgen so verbunden sind wie diese. Ein Anruf aus Leipzig von der Deutschen Nationalbibliothek wegen der Pflicht-Exemplare des dictum-Verlages. Eine Suche nach Theater-Kritiken von Ernst Heilborn. Vergnügliche Lektüre einer amerikanischen Alkoholikerinnen-Karriere. In der Intensität seit Irmgard Keun nichts mehr gelesen. Man kann sich seine Pressekarte fürs Theater neuerdings auch selbst ausdrucken, mein erster Versuch brachte ein Riesenformat, zweiter Versuch gelang. Im Juni noch zwei Shakespeare, ein Nestroy, ein Schiller. Das Shakespeare-Projekt kommt so doch noch zu einem Ende vor Beginn der neuen Spielzeit.

5. Juni 2017

Vor 50 Jahren begann der so genannte Sechs-Tage-Krieg, mir vor allem deshalb in Erinnerung, weil mein späterer Freund und Verleger Escher damals in unserer achten Klasse der einzige war, der kein Problem damit hatte, seine Sympathien mit Israel offen zu bekunden, was in der DDR, sagen wir es freundlich, eher unüblich war. Heute wären wir für die welthistorische Anregung mehr als dankbar, wenn sich seither eingebürgert hätte, dass Kriege nun noch maximal sechs Tage dauern dürfen, wenn sie schon vom Zaun gebrochen werden zwischen und innerhalb von Ländern. Es sind ohnehin seltsame Zäune, von denen man Kriege brechen kann. Das seltsame Volk der Briten sprach sich am 5. Juni 1975 mit 67,2 Prozent für den Verbleib des Königreichs in der EU aus. Daran hatten sie jahrelang zu schleppen, erst jetzt blüht ihnen Zukunft. Per Brief-Post kündigt mir das Schauspiel Stuttgart nicht weniger als fünf Premieren für die Spielzeit 2017/18 „nach dem Roman von“ an, toll.


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