Tagebuch

12. Januar 2020

Früher warnte der eine oder andere C1- bis C4-Professor vor dem Klimawandel. Einer, der eben noch vergeblich um Forschungsgelder für sein Projekt „Der Ameisenbläuling in der Südlausitz“ warb, definierte es flugs um in „Der Ameisenbläuling und der Klimawandel“ und wupp, kam die Stellenbewilligung für einen zusätzlichen Forschungsstudenten mit der Knete gleich mit. Nun sind leider inzwischen 99 Prozent aller Experten Klimawandel-Warner, man kommt also nicht einmal mehr in die Lokalsender am Bodensee mit seinen Warnungen. Deshalb müssen neue Warnfelder eröffnet werden. Das unabhängige Institut für Warnfelderforschung hat bereits erste Testwarner in den öffentlich-rechtlichen Spätprogramm-Bereich entsandt. Man warnt probehalber vor dem Ende der Evolution. Als ich die Ankündigung eines entsprechenden Warners hörte, wusste ich: viel fehlt nicht mehr. Wovor ich nun viel Angst haben soll, kann ich nicht sagen, ich sah den Professor nicht.

11. Januar 2020

Kaum ist die virtuelle Tinte des gestrigen Tagebucheintrags trocken, schon wäre als Ergänzung nachzutragen, dass ein blondiertes Kulturmädchen des MDR vor laufender Kamera von den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts spricht, also den Jahren vor 1933, wie sie sofort erläutert. Man müsste seine Gebühren zurückfordern oder das Mädchen solange Charleston tanzen lassen, bis es, wenn es von den „Roaring Twenties“ hört, sofort Brechdurchfall bekommt. Dann könnte sie gleich testen, wie gut das allabendlich empfohlene Reizdarmmittel wirklich ist. Vor 20 Jahren besuchte ich an einem einzigen elften Januar gleich zwei verschiedene Tiergärten. Erster war der „Dierenpark Wissel“, ich war an diesem Dienstag einziger Besucher und unternahm zwei komplette Rundgänge. Zweiter war „Burgers Zoo“ in Arnhem, überwältigend: echte Seekühe, echte Schlammspringer im Mangrove-Dschungel, eine Kapivara-Mutter mit drei Jungen, alles noch im uralten Jahrtausend!

10. Januar 2020

Georg Restle (Monitor) weiß zwar, wie wenige Reiche in Deutschland wie viel Vermögen besitzen, während im Gegenzug sehr viele Armen sehr wenig ihr Eigen nennen. Was er nicht weiß, ist, wann ein Jahrzehnt beginnt. Ein einfacher Nachholkurs „Unser Dezimalsystem und seine Konsequenzen für das Zählen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk“ wäre vielleicht hilfreich. Schon nächstes Jahr um diese Zeit könnte der Mann, der, anders als ein gewisser Heiland, seine Feinde nicht liebt, erproben, ob er alles verstanden hat mit den 10, den 100 und den 1000. Ich selbst zum Beispiel sprach am 9. Januar 2010 während einer Jahresversammlung der Literarischen Gesellschaft Thüringen LGT mit Wulf Kirsten, der meinen Namen auf der Anwesenheitsliste gesehen hatte und ein Gespräch über meinen Namensvetter begann, den dichtenden Arzt aus Halle mit leider nur einem „l“ im Familiennamen. Niemand von uns glaubte da, ein neues Jahrzehnt habe begonnen.

9. Januar 2020

Die sieben bis dreizehn unverdrossenen Kurt-Tucholsky-Fanclubs mit und ohne Gemeinnützigkeit feiern seit den frühen Morgenstunden den 130. Geburtstag ihres Meisters. Währenddessen verlässt der Ilmenauer Weihnachtsbaum den Markt, was in der Bäckerei meines Vertrauens zu Äußerungen des Bedauerns führt. Es fügt sich, dass Kurt Tucholsky seinen Geburtstag genau zehn Tage nach dem 200. Fontanes hat, womit der Blick auf seine einschlägigen Hinterlassenschaften motiviert genug ist. Seinen 130. Geburtstag hat heute auch ein tschechischer Herr namens Karel Ĉapek, dem ich aus tiefer Verbundenheit und im Rückblick auf manche sehr schöne Lesestunde vor sechs Jahren einen kleinen Text widmete, der unter der Überschrift „Karel Ĉapek, ein Verschwender“ noch immer in meiner Rubrik JAHRESTAGE nachzulesen ist. Öffentlich zu bekennen und zu bedauern habe ich meine Ahnungslosigkeit im Felde schottischer Hochland-Hütehunde-Rassen.

8. Januar 2020

Ich besitze ein Duschgel, dessen Rückseite den Vermerk enthält: „Nicht zum Verzehr geeignet.“ Vermutlich sind Veganer der Idee verfallen, vegane Duschgele auf selbst gebackene Dinkelbrote zu streichen, weshalb sie nunmehr gewarnt werden müssen. Denn nur in den USA kann man mit einer Sammelklage gegen vegane Duschgele Millionär werden, falls deren Verzehr zu Erektionsstörungen oder Vaginaltrockenheit geführt hat. Die USA sind zwar unser Bruderland, von dem wir seit 75 Jahren siegen lernen, bisweilen aber übersehen wir wichtige Amerikaner derart gründlich, dass uns nur bleibt, in der selig dahingeschiedenen DDR nach Trost zu suchen. Dort wurde das bis heute einzige deutschsprachige Buch der überragenden Journalistin Dorothy Thompson gedruckt, der Westen kaufte die Lizenz und doch kennt die deutschsprachige WIKIPEDIA-Seite für sie bis heute nicht einmal die schlichte Tatsache, dass überhaupt etwas von ihr je auf Deutsch gedruckt wurde.

7. Januar 2020

Als ich noch meine Tradition der Januarreisen pflegte, mit einer Ausnahme führten mich alle nach Holland oder Belgien, die Ausnahme hieß Grafschaft Bentheim, war gleich die erste dieser Touren und lag auch in der Nähe meiner späteren Favoriten, war zweimal am 7. Januar Abreisetag. 2000, kurz nach der Nicht-Jahrtausendwende, ging es nach Heideheuvel in der Provinz Veluwe, 2005 in den Parc Sandur in der Provinz Drenthe. Dort bezog ich das Haus 179 mit zwei Etagen ganz allein, einem Schlafzimmer oben, einem unten. Gleich am Anreisetag besuchte mich ein Jungschwan auf der Terrasse, ich hatte Sonnenschein und Wasserblick, denn alle Häuser lagen an Grachten. Da die Januarreisen immer genau eine Woche dauerten, war beide Male am 14. die Abreise. 2007 endete mit der zehnten und letzten Tour in die Provinz Gelderland meine Alleinreisezeit, nach 2009 in Volendam dauerte es bis 2017, ehe ein Tagesausflug nach Maastricht abermals nach Holland führte.

6. Januar 2020

Deutsche Nachrichtensprache: Die Demonstranten in Iran sind mit Bussen nach Teheran gekarrt worden. Hätte die Süddeutsche Zeitung, als ich mit meinen Kollegen im Linienbus am 8. März 1996 zur Protestkundgebung vor ihrem Verlagsgebäude fuhr, unbequem und leidlich frierend, es gut gefunden, unsere Teilnahme am bis dahin längsten Pressestreik der deutschen Nachkriegsgeschichte so zu beschreiben? Heute vielleicht. Die Zeiten sind anders. Und wir natürlich auch. Die gestern begonnene Abrüstung der Weihnachtsdekoration wird heute zum erfolgreichen Ende geführt. Unser klimafreundlicher Weihnachtsbaum liegt wieder in seiner Kiste auf dem Rollschrank im Keller, der klimaschonende Schwibbogen mit CO2-neutralen Elektrokerzen auch, alle Zipfelmützenträger, alle Elche dito, alle Baumkugeln, alles weg. Nachdem ich die ersten fünf Einträge in dieses Tagebuch 2020 im falschen Seitenlayout schrieb, zieht nun wieder und beruhigend die alte Ordnung ein.

5. Januar 2020

Der erste Sonntag des neuen Jahres. Es liegt etwas Schnee auf den Autos, nicht viel. Im Treppenhaus eine Pudelmütze, die offenbar niemand vermisst. Ich entdecke eine am zweiten Dezember 2017 begonnene Annette-Kolb-Datei auf meinem Rechner mit einigen Leerzeichen und einer begonnenen Literaturliste. Das ist mehr als ausbaufähig. Ich tausche den alten gegen den neuen Schreibtischkalender, der neue Presseausweis und die neue Pressekarte im Auto sind bereits zu Neujahr installiert. In der Post das Protokoll der 86er Fontane-Konferenz, die ich ewig suchte im Netz, jetzt habe ich sogar ein fast neu wirkendes Exemplar. Der Druck in Schreibmaschinenschrift liest sich flott, wenn die Sprache der Beiträge sich befleißigt, ihrem Gegenstand nachzueifern. Deutsche Nachrichten-Logik: für die neue schwarz-grüne Koalition Österreichs mussten die Grünen allerlei schlucken. Koalitionen sind immer Schluckbündnisse.

4. Januar 2020

Natürlich jährt sich heute nicht der 60. Todestag von Albert Camus, wie die „Literarische Welt“ munter behauptet, sondern heute vor 60 Jahren starb Camus. Es gab eine Zeit, da las ich drei Camus-Biographien parallel. Das ist ein höchst interessantes Verfahren, wenn man die nötige Zeit hat. Wenn die plötzlich fehlt, bleiben drei Lesezeichen in drei Büchern. Von 18 mitgebrachten Flaschen treten nur vier die Rückreise nach Hause an. Unsere Vermieterin freut sich, dass wir wiederkommen wollen. Nach dem dritten Essen im „Deutschen Haus“ gestern haben wir uns auch dort schon vorangemeldet. Das angekündigte Schneetreiben auf dem Heimweg treibt nicht. Unsere Nachbarin mit dem Briefkastenschlüssel kommt erst morgen, so fehlt heute die Fernsehzeitung, die vorigen Sonnabend im Kasten lag, als wir schon weg waren. An der Tankstelle nur eine statt drei Zeitungen, die vom Donnerstag hole aus der Stadt.

3. Januar 2020

Ohne Sauna wurde es heute Schrittzähler-Platz 10 in der ewigen Schrittzähler-Bestenliste des älteren Herren, der in diesem Jahr seinen 67. Geburtstag bei leidlicher Gesundheit feiern möchte. Das vorausgesagte Wetter fragte sich: Was sind Voraussagen? Die dritte Umrundung des Sees nahm ich tapfer in Angriff. Wir hatten eben über die Abwesenheit von Schwänen ein paar vom Winde nicht ganz verwehte Worte gesprochen, als wir in Höhe der Surfschule zwei Schwäne sahen. In Ermangelung eines Tagebuches aus dem Jahr 1995 kann ich unsere zweite Reise nach Gran Dorado Port Zelande an der niederländischen Nordsee nur anhand alter Fotos rekapitulieren: wir waren alle ein Vierteljahrhundert jünger, erst drei der heute vier Kinder im Erwachsenenalter gehörten zu uns und waren noch nicht im Erwachsenenalter. Wir böllerten noch in der Silvesternacht und fuhren erst am 6. Januar nach Hause. Wie wir morgen schon.

2. Januar 2020

Nachdem gestern Rüdiger Safranski 75 Jahre alt wurde, bringt es heute Ernst Barlach auf 150. Da sollte eigentlich mein Text zu „Der tote Tag“ erscheinen, weil er zum 100. Jahrestag Ende November nicht einmal angefangen war. Aber der Fontane ging vor. Heute erwischen wir in der Siebenquell-Therme sogar einen Aufguss, wenn auch nur durch ein Versehen. Denn der Aufguss-Ort wechselte und wir waren wie Swinegel im Märchen schon da, als alle gehetzt kamen, die das erst erfuhren, als es schon losgehen sollte. Zusatzstrafe für alle Filzmützen: es gab „Purple Rain“ (Prince) und „Nothing else matter“ (Metallica) als Begleitmusik, Labsal nach allem Entspannungsgedudel. Der Mann im „Sons of Anarchy“-Bademantel, krumm wie ein Fleischerhaken und weißbärtig, ahnte nicht, was ihm entging, vielleicht aber entging ihm ja nichts. Man kann auch an der Sauna-Bar Aperol-Spritz trinken, nur gibt es keine Nüsse.

1. Januar 2020

Unter Feinschmeckern gibt es bereits vor dem Silvester-Essen im „Deutschen Haus“ etwas noblen Kaviar auf Champagner-Gelee plus Kracker mit Butter. Am reservierten Tisch dann das bereits aus dem Vorjahr vertraute See-Süppla plus für mich ein kleines Schweins-Züngerl, welches von hoher Zartheit ist. Heute begeben wir uns nach ausführlicher Nachtruhe auf die zweite Seeumrundung, die Biber-Bisse an den Uferbäumen sind immer noch frisch, die Nager selbst halten sich natürlich versteckt. Nett ist ein Hund im Tragetuch, den sein Herrchen wie ein Beutel-Baby vor sich herträgt, der Hund mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, die Vorderpfoten heraushängend. Zahlreiche andere Hunde müssen zu Fuß gehen, zwei kleine hängen im Revers und haben große Knopfaugen. Abermals ins „Deutsche Haus“ am Abend, diesmal für mich die Leberklößle-Suppe und das kleine Wei’städtner Lendchen. Klein, fein.


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