Tagebuch

5. Dezember 2017

Gestern wäre des 70. Geburtstages von Ursula Krechel zu gedenken gewesen sowie des 85. Todestages von Gustav Meyrink, von dem ich mir eben erst die „Walpurgisnacht“ gönnte, einen Roman, den unsere lieben Bühnen noch nicht beim Kragen erwischt haben. Heute vor 20 Jahren starb Rudolf Bahro, dessen „Wahnsinn mit Methode“ in der Edition Vielfalt Olle & Wolter mir einst zum Sonderpreis von 2,95 bei Wohltat’s in die Hände fiel. Kritik des real existierenden Sozialismus hat sich mangels Gegenstand erledigt. „Himmelwärts“ war eine der letzten Horvath-Premieren zu Lebzeiten des Autors, heute vor 80 Jahren als einmalige Matineevorstellung der Freien Bühne in der Komödie in Wien. Horvath hat bessere Stücke geschrieben als dieses Märchen. Aber auch Goethe hat bessere Stücke geschrieben als „Des Epimenides Erwachen“. Morgen ist schon wieder der Tag, da man ungestraft anderen etwas in die Schuhe schieben darf, die Zeit rast.

4. Dezember 2017

Die Geburtsjahrgänge 1949 bis 1984 waren in verabredeter Vollzähligkeit zum Adventskaffee versammelt, es gab Stollen vom Bäcker nebst Pfefferkuchen vom Bäcker, Rotweinkuchen und Eierlikörkuchen sowie selbstgebackene Plätzchen von den anwesenden drei Hausfrauen, Kaffee aus der Maschine, unfair gehandelt, aus dem Angebot des Supermarktes nach Hause geschleppt. Draußen fiel Adventschnee, der heute früh trotz begonnener Tauprozesse mit Tropfeffekt aufs Fensterbrett noch vom genossenschaftlichen Schneeschieber beiseite gekratzt wurde. Winterdienst im Auftrag der Genossenschaft ist derart wahnwitzig vorbildlich, dass man sich bisweilen etwas Schlamperei wünscht, einfach nur, um dem gestellten Wecker eine realistische Chance zu geben, seines Amtes zu walten. Gegen die Geräuschkulisse des genossenschaftlichen Schneeschiebers aber, wenn die Schneehöhe weniger als fünf Millimeter beträgt, ist Weckerklingeln ein Engelsfurz.

3. Dezember 2017

Wäre ich abergläubisch, dann müsste ich glauben, dass hinfort eine Notiz im Tagebuch reicht, um ein Problem zu lösen, denn kaum sah ich gestern meinen Eintrag im Netz, hob ich ein verdeckend überformatiges Buch mit dem Titel „Deutsche Dramatik in West und Ost“ in die Höhe und fand darunter säuglingsfriedlich „Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot“, Lesezeichen bei Käthe Kollwitz. Das war es, was ich den halben Vormittag suchte und darin fand sich das nicht, weswegen ich es suchte. Im entsprechenden Teil der WELT beschaute ich heute als „Immobilie der Woche“ die Werbung für luxuriöse Villen in Lugano-Castagnola. Diese Anzeige ist schon lange meine Lieblingsanzeige, weil sie zeigt, wo und wie man wohnen könnte, wenn man reich wäre. Preise stehen in diesen Anzeigen erst gar nicht drin, wozu auch. Als wir zuletzt in Montagnola wohnten, sahen wir von unserem Balkon aus Streiflichter mondänen Lebens auf der anderen Straßenseite.

2. Dezember 2017

Ich suche ein Buch und finde es nicht. In einem Haushalt mit mehr als zehntausend Büchern ist das kein schieres Wunder, für Außenstehende sicher besser vorstellbar als für mich selbst. Ich weiß, wie das Buch aussieht, ich weiß, neben welchem Buch es stand, bis ich an dieser Stelle Platz brauchte, das andere Buch steht in sichtbarer Nähe des ursprünglichen Platzes und dieses eine, das ich suche, nicht ahnend, ob darin das steht, was ich eigentlich suche, scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Das passt kurioserweise zu einer Überschrift, die mir im Kopfe geistert, weil morgen Annette Kolb ihren fünfzigsten Todestag hat: „Ein Phänomen des Verschwindens“. Wo immer man sie vermuten müsste, findet sie sich nicht, sie fehlt in Anthologien, sie fehlt in Abhandlungen, in denen sie nach menschlichem Ermessen nicht fehlen dürfte, sie fehlt in jener Gesamtdarstellung der Literatur von Frauen, in der ich wiederholt auf solche Fehlstellen stieß und der SPIEGEL nennt sie Pferdegesicht.

1. Dezember 2017

Das heutige Geburtstagskind ist 6,6 Kilometer lang und wird 50. Als ich 50 wurde, scheiterten mein Chefredakteur und sein für mich zuständiger Stellvertreter an der unübersteigbar hohen Hürde herauszufinden, wo ich feiere, weshalb sie mir nicht gratulierten. Auch nicht nachträglich. Als verspätetes Geschenk präsentierten sie mir die Entlassung aus meiner Tätigkeit als Redaktionsleiter, weshalb der 1. Dezember 2003 mein allerletzter aktiver Arbeitstag wurde. Ich interviewte den Richter, über dessen Verhandlungen ich bis dahin fast alle meine Gerichtsberichte geschrieben hatte. Meine erste Fahrt durch den San-Bernardino-Straßentunnel im eigenen Auto stand da noch bevor. Sie begann am 30. Oktober 2004 im verregneten Ascona bei 13 Grad, auf Tunnelhöhe waren es nur noch 4 Grad, die leichte Panik wegen der Sommerreifen verflog dennoch, am Tunnelausgang überraschte uns Schweizer Sonnenschein. Und 2018 fahren wir doch wieder: aber zum Matterhorn.

30. November 2017

Der erste deutsche Literatur-Nobelpreisträger war gar kein Literat, sondern ein Historiker und er war ewig der Älteste, der je diesen Preis bekam: Theodor Mommsen. An seinem heutigen 200. Geburtstag werfe ich nur einen kurzen Blick auf meine sechs Bände „Römische Geschichte“, sie stehen über der Tür meines Arbeitszimmers zwischen sieben Bänden „Geschichte des Altertums“ und vier Bänden „Urgeschichte des Christentum“ von Eduard Meyer. Zu allen 17 Bänden greife ich eher selten, die Mommsenstraße in Charlottenburg nutze ich entschieden häufiger. Als Student lief ich fast täglich am Theodor-Mommsen-Denkmal vorbei auf dem Weg zur S-Bahn oder von der S-Bahn. Als Mommsen am 1. November 1903 in Charlottenburg starb, war das noch nicht Berlin. Jetzt ist es der Stadtteil mit den Historiker-Straßen: Niebuhr, Dahlmann, Droysen, Sybel, Gervinus, ich kenne da mittlerweile fast jeden Bordstein mit Vornamen. Und wieder kein Wort über Swift.

29. November 2017

Keine vier Monate ist es her, dass ich hier von Juri Kasakow schrieb, dem Russen, der heute vor 35 Jahren starb im wahrlich nicht hohen Alter von 55 Jahren. Ich bin mit ihm seither nicht weiter gekommen, weil sich andere Namen und Daten in den Vordergrund drängten. Und morgen wird kaum Besseres zu vermelden sein. Ich hätte die Wahl gehabt zwischen Jonathan Swift, Theodor Mommsen und Rudolf Daumann. Schon aus nostalgischen Gründen wäre mir Daumann lieber als die beiden anderen, denn mit Daumanns Indianer-Büchern bin ich, wie man übertreibend gern sagt, aufgewachsen. Erst gestern habe ich den mehrfach eingerissenen Schutzumschlägen von „Tatanka-Yotanka“ und „Der Untergang der Dakota“ ein wenig restaurierend aufgeholfen, an „Die vier Pfeile der Cheyenne“ war weniger zu tun, irgendwo in einer Kiste steckt auch noch „Okapi, das falsche Johnstonpferd“. Die Aufzeichnung des WDR-Klippschliefer-Naturfilms machte mich schliefrig.

28. November 2017

„Hätte er eine Flinte gehabt und ein Kornfeld – er würde erstere in letzteres geworfen haben.“ Die Rede ist vom pensionierten kaiserlichen Leibarzt Thaddäus Flugbeil, den man natürlich nicht kennen muss. Ich aber sammle solche schönen Sätze in meine Schöne-Sätze-Sammlung, weil: wer lange sammelt, lebt lange. Ich meditiere über die wundersame Unbestechlichkeit des Internets in Form seiner Suchmaschinen: ruft man, beispielsweise, eine Seite, die man früher immer regelmäßig aufrief, über zwei Monate hin gar nicht mehr auf, wandert ihr Symbol in der Häufigkeitsanzeige seelenruhig von links oben mittig bis rechts unten außen, die spannende Frage lautet, wann es dann schließlich in die Startseiten-Unsichtbarkeit entschwindet. Heute vor dreißig Jahren starb Wolfgang Liebeneiner, den keine Skrupel anwandelten, Borcherts „Draußen vor der Tür“ 1947 zu inszenieren und dann 1948 auch noch zu verfilmen. Auch „Willi Schwabes Rumpelkammer“ gibt es nicht mehr.

27. November 2017

Ist das vorstellbar: ein dicker alter Jimi Hendrix, in irgendeiner Royal Albert Hall anlässlich seines heutigen 75. Geburtstages in ein Tribute-Concert verwickelt als sein eigener Stargast, vielleicht kommt von links irgendwann Joe Bonamassa dazu oder Bonnie Raitt von rechts, hinten könnte sich Warren Haynes zurück halten, ehe sich der Scheinwerfer auf ihn richtet, Jimi auf einem Stühlchen wie zuletzt Johnny Winter mit seinen dünnen tätowierten Ärmchen, aber immer noch höllenschnell? Jimi noch einmal mit den Zähnen an den Saiten, ein kleines Feuerchen auf dem Steg? So absurd ist die Vorstellung gar nicht: einige sind alt geworden: Muddy Waters und B. B. King und John Lee Hooker und der Blues ist nicht viel weniger monoton als das heutige Fuchtel-Gesinge, nur eben, für uns, einfach geiler. Heute ein Termin beim Augenarzt: als wir ihn glücklich vereinbarten, lebte John F. Kennedy noch, oder war es Richard Nixon. Jedenfalls war noch Ice Age, nirgends Klimawandel.

26. November 2017

Befasse dich mit einem Unbekannten wie Efraim Frisch, der heute vor 75 Jahren im Schweizer Exil in Ascona starb und du stellst fest, was du schon wusstest: Das Leben ist nie so einfach, wie es der Einfachheit halber sein sollte. Beinahe wäre der Frisch in Wien Rabbiner geworden. Dann aber hat er Christian Morgenstern, genau dem, den Ur-Antisemiten Paul de Lagarde nahe gebracht und der Morgenstern war dafür dankbar. Unter denen, deren vermeintliche Kernkompetenz die deutsch-jüdische Literatur war, dokumentiert in mehr oder minder dicken Wälzern, kennt die Hälfte den Namen Frisch gar nicht. Max schon, aber nicht Efraim. Auch denen, die ihre ebenso vermeintliche Kernkompetenz in der Geschichte des deutschen Theaters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehen, dokumentiert in überwiegend dicken Wälzern, ist Efraim Frisch unbekannt, er war ja nur Dramaturg unter Max Reinhardt und inszenierte sogar selbst. Kann man wissen, muss aber nicht.

25. November 2017

Um dies noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt zu haben, liebe alte SPD: Man verliert nicht seine Glaubwürdigkeit, wenn man aufhört, die gleiche Sülze unter beliebig veränderten Bedingungen mit der gleichen Remoulade schmackhaft zu machen. Man gewinnt im Gegenteil: Lernfähigkeit ist im Politik-Geschäft fast so wichtig wie so genannte Grundwerte. Also Lernfähigkeit ist sogar ein sehr grundlegender Grundwert. Die Kommunisten haben einst die bösen Sozialdemokraten als „Arzt am Krankenbett des Kapitalismus“ zu verunglimpfen versucht. Der kranke Kapitalismus war, wie wir erfahren durften, gesünder als der gesunde Sozialismus. Nur weil die doofen Liberalen als Partei der Wirtschaft zu doof sind zu verstehen, dass Wirtschaft Stabilität liebt und nicht Unsicherheit und Hängepartien, muss doch von Würselen aus nicht die angeblich so erfolgreiche SPD-Politik in Frage gestellt werden. Ging es um Ziele oder ging es nur um Ergebnis-Handel vor den Wahlen?

24. November 2017

Ein Apotheker, den es später für ein paar Jahre in den Thüringer Landtag verschlug, sagte mir bei Gelegenheit einer Nachfrage gern, welches Medikament in welchem Fall mir und welches nur dem Apotheker hilft. Wir feixten dann beide halbwegs fröhlich. Solche Auskünfte bekomme ich in meiner jetzigen Stamm-Apotheke nicht, dafür werde ich Zeuge potentiell unendlich langer und extrem detaillierter Beratungsgespräche, werde sogar in Geheimnisse des Apothekerinnen-Lebens eingeweiht und führe dann selbst auch längere Reden über den Nutzen zuckerfreier Hustenbonbons in Theatern, weil Husten eine gerade in Theatern sehr ansteckende Sache ist, anders als in Bussen der Stadtlinie, in denen ich stets munter huste, ohne dass es mir jemand nachtut. In sehr jungen Jahren lernte ich für dies Verhalten das Wort Allelomimetik kennen, lese nun zu meinem Entsetzen, dies sei eine Verhaltensnachahmungsart bei Tieren: zwei Laufenten pflegen sich stets gleichzeitig.


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