Tagebuch

7. Oktober 2017

Im Theater Hof gibt es heute eine Premiere von „Dantons Tod“, im Mainfranken Theater Würzburg gibt es auch eine Premiere: „Cosi fan tutte“. Wir sind weder bei der einen noch bei der anderen, wohl aber in Würzburg. Daselbst werden wir uns eine Stadtführung „Unterwegs mit dem Schorsch“ antun und dann auch noch ein wenig individuell umherschleichen, ehe wir dann fränkischen Wein verkosten fahren. Wann immer wir an Würzburg vorbeifuhren, das geschah in beiden Richtungen sehr oft, sahen wir, dass das Schild mit dem Sperrhinweis für die B 19 noch immer stand. Vielleicht stand das sogar schon, als 1800 Heinrich von Kleist seine geheimnisvolle Reise nach Würzburg absolvierte, die zu den beliebtesten Spezialthemen der allgemeinen Kleistologie gehört. Mal sehen, ob der Schorsch was von Max Dauthendey sagt, der ja auch sehr eng mit Würzburg verbunden war. Erst kürzlich las ich etliche seiner Briefe, die Hermann Gerstner 1958 erstmals veröffentlichte.

6. Oktober 2017

Immerhin: Mein ältestes Archivstück zum neuen Nobelpreisträger für Literatur trägt das Datum vom 24. November 2000. Da aber gerade Great Britain noch auf diversen Stapeln der Sortierung harrt, kann ich zu Kazuo Ishiguro keine verbindlichen Aussagen machen, meine ausgedruckten und ausgeschnittenen Bestände in Summe betreffend. Sicher weiß ich: Ich besitze weder ein Buch von ihm, noch habe ich je eine Zeile von ihm gelesen. Vielleicht sehe ich ja nun bald mal einen seiner Romane auf dem Spielplan eines unserer Theater, dann gehe ich selbstverständlich nicht hin. Da die so genannten Experten überrascht waren, aber nicht unzufrieden, will auch ich nicht unzufrieden sein. Überrascht war ich gestern bereits früher: Als mir der Busfahrer der Stadtlinie nur einen Euro abkassierte statt der 1,30, die es sonst kostet. Es war Ein-Euro-Tag, von dem sogar morgens im Radio gesprochen wurde, nur höre ich leider morgens kein Radio. Was hätte ich fahren können!

5. Oktober 2017

Einen Tipp gebe ich nicht ab, ich werde brav am Fernseher sitzen und warten. Das Schöne in diesem Jahr ist, dass der Verlag, der „Nobelpreis 2017“ auf seine hoffentlich reichlich vorhandenen Preisträger-Exemplare kleben kann, noch ein paar Tage Zeit hat, nicht von der Jury in Stockholm komplett auf dem linken Fuß erwischt wird. Keinen Nobelpreis hat in ihrem 90 Jahre währenden Leben Magda Szabó gewonnen. Noch kurz vor Mitternacht fanden sich gestern bei GOOGLE keinerlei deutschsprachige Treffer auf der ersten Seite zu ihrem heutigen 100. Geburtstag. Das muss etwas verwundern, selbst das ZEIT-Literaturlexikon kennt ihren Namen, wo es sonst die Namen  wichtiger ungarischer Autoren und Autorinnen nicht kennt. Das ist die übliche Ignoranz, kombiniert mit der bekanntlich erwartbaren Ahnungslosigkeit. Die deutschsprachigen Experten für Ungarn saßen und sitzen eher in Österreich. Wir ahnen, welchen Wurzeln das noch immer entwächst.

4. Oktober 2017

Verrückt: Heute vor genau zwanzig Jahren saß ich, während die Familie unterwegs war zu diversen Einkäufen und Arbeit an einem Computer, den wir selbst noch nicht hatten, über einem Jagdbuch aus dem Escher-Verlag. Ich hatte mit dem Verleger telefoniert, er erzählte mir von einer Sammlerin aus Coburg, in der ich eventuell eine Abnehmerin für meine recht ansehnliche Postkartensammlung finden könnte, wir sprachen von meinen Bierreisen und es wurde die vage Idee geboren, ein Bier-Buch zu machen. Daraus wäre damals vielleicht sogar etwas geworden, wenn ich nur Zeit gehabt hätte neben den 60-Stunden-Wochen mit ihren Wochenend- und Feiertagsdiensten in und außerhalb der Redaktion, all ihren Abendterminen. Noch heute schwärme ich bei passenden und unpassenden Gelegenheiten von der unfassbaren Freundlichkeit vieler fränkischer Brauer, die ich besuchte, die mich in ihre Lagerhallen, Keller und Kontore führten, mir alte Etiketten schenkten. Und ihre Biere.

3. Oktober 2017

Vor haargenau fünf Jahren vertraute ich hier auf meiner damals noch ganz und gar blutjungen Seite dem weltweiten Web einen Text zu Jean Anouilh an, weil der da haargenau 25 Jahre tot war. Der Text wurde gelesen, als gäbe es danach nie wieder Texte im weltweiten Web, was mich bis heute freut. Wegen der inzwischen vergangenen Jahre wäre heute etwas zum 30. Todestag fällig, mal schauen, ob mir was entfleucht. In der Festhalle Ilmenau lauschte ich gestern den Vorabend-Reden und verspeiste anschließend zwei Würstchen, ein trockenes Brötchen, zwei Schnittchen, ein halbes Ei, danach noch vier kleine und trockene Kuchenstückchen, die ich mit einer kleinen Flasche Mineralwasser herunterspülte. Ich winkte mehr Leuten zu als ich die Hand gab, einigen Leuten wich ich geschickt aus, einige Leute wichen vermutlich auch mir aus. Wir führten keinerlei Dialoge über Radfahrer, thematisierten auch keine anderen Fortbewegungsmittel. Zu Hause Korrekturen.

2. Oktober 2017

„Jetzt rufen sich die Pirole das Neueste zu. Das Neueste heißt auch bei ihnen: Es bleibt alles beim alten, und manchmal nennen sie ihre Namen.“ Das steht in dem kleinen Text „Juli-Morgen“, den Brigitte Böttcher für den Band „Bestandsaufnahme. Literarische Steckbriefe“ des Mitteldeutschen Verlages auswählte, der 1976 auch Helga Schütz vorstellte. Da hatte sie schon drei Bücher und drei Preise hinter sich, drei Kinder hatte sie auch. Heute ist ihr 80. Geburtstag. Die SÄCHSISCHE ZEITUNG verrät aus diesem Anlass: „Das Biologenlatein beherrscht Helga Schütz bis heute, wenn sie in ihrem Babelsberger Waldgarten mit den Kiefern spricht.“ Seit Peter Wohlleben wissen wir, dass Bäume ein geheimes Leben führen, was ich als blutarmer Laie nicht weiß: In welcher Klasse der Baumschule eine Kiefer Biologenlatein lernt. Antworten sie auch oder nicken sie nur mit den Ästen? Ein paar Rezensionen zu „Die Kirschendiebin“ habe ich schon archiviert, das Buch nicht.

1. Oktober 2017

Auch der größte Blödsinn wird nicht dadurch kleiner, dass man ihn in gewissen Abständen aus seinem Radfahrer-Pansen hervorwürgt und wiederkäut, das sollte sich selbst unter Möchte-Gern-Humoristen an der Saale hellem Strande herumsprechen. Wenn einem schon nichts Gescheites mehr einfällt im angegriffenen Alter, sollte man das nicht auch noch einer desinteressierten Öffentlichkeit alleweil unter Beweis stellen. Ich bin es leid, Zielscheibe eines Wirrkopfes zu sein, dem das Ende der DDR sein Selbstwertgefühl, vor allem aber seine Wichtigkeit entzog und der jetzt nur noch in ostalgischen Parallelwelten verkehrt, von früher zehrt, Leuten von früher nachweint. Der offenbar unverdient oft in den Westen reisen durfte, als 16 Millionen Bewohner des gelobten Landes das nicht durften und bis heute darüber Verwirrspiele spinnt. Natürlich ist es deprimierend, wenn man nur noch in Grundschulklassen und Dorfbibliotheken lesen darf. Was geht es mich an?

30. September 2017

In einer kleinen Stadt in Litauen gab es gestern eine Tagung zum 160. Geburtstag von Hermann Sudermann. Bei mir gibt es heute aus nämlichem Anlass eine kleine Erwägung zu Sudermanns Einakter „Fritzchen“. Beinahe hätte ich mir sein Broschürchen „Verrohung in der Theaterkritik“ aus dem Jahr 1902 mit einer handschriftlichen Widmung von ihm gekauft, dachte mir dann aber, ein Exemplar ohne Widmung und deutlich preiswerter tut es auch. Zumal ich ja mit den sechs Bänden seiner Dramen halbwegs gut bestückt bin. Des Protokolles wegen erwähnen wir die Uraufführung von „Minna von Barnhelm“ vor 250 Jahren und den 80. Geburtstag von Jurek Becker. Der Tag des deutschen Butterbrotes war bereits gestern, wir begingen ihn chinesisch mit süßsaurer Soße. Das alljährliche Klassentreffen findet heute an exklusivem Ort statt, von wo wir mangels öffentlichen Nahverkehrs im Kollektivtaxi nach Hause fahren müssen wegen der satt explodierten Taxipreise.

29. September 2017

Innerhalb von elf Jahren ist der WIKIPEDIA-Eintrag für Walther Rathenau von knapp vier auf knappe dreizehn Seiten gewachsen, zum Ausgleich hat der ARD-Videotext heute nicht einmal seinen 150. Geburtstag. Dort fehlt allerdings auch der 50. Todestag von Carson McCullers. Sie starb am 29. September 1967 nach 47 Tagen im Koma am Vormittag um 9.30 Uhr. Ich habe eben „Der Marsch“ gelesen, im März 1967 zuerst erschienen in der Zeitschrift Redbook. Sechs deutsche Niederlagen in sechs Cup-Spielen einer Runde hatten wir vermutlich zuletzt, als die Türken ohne Ball vor Wien standen. Entwickelt hat sich vor allem der FC Bayern. Früher flog der Trainer nach einer Heimniederlage gegen Rostock, heute muss der Trainer vorher nach Paris, ehe ihm der Stuhl vor die Tür gestellt wird. Ja, die Säbener Straße. Der Playboy-Erfinder lässt sich neben Marilyn Monroe beerdigen: was werden die sich wohl unten flüstern? Scheiß-Amerika, fucking Bullshit?

28. September 2017

Danke, lieber Wähler! Hätten wir je erfahren, was für eine dreckige Männer-Lache eine ehemalige Bundes-Arbeitsministerin haben kann, wenn sie Fraktionsführerin einer etwas kleineren Partei geworden ist? Die Gleichstellung schreitet rasend voran. Es fehlt nur noch, dass sich dicke Frauen öffentlich am nicht vorhandenen Sack kratzen. „Ab morgen kriegen sie vor die Fresse!“ Sagt die Andrea vom linken Flügel. Fehlt eigentlich nur noch der Friedens-Nobelpreis für Erdogan. Und was sagt Carsten vom rechten Flügel? Die Freunde des anderen Amerika denken heute kurz an Elmer Rice, der am 28. September 1892 in New York geboren wurde. Ich schon am 8. Mai, als sich sein Todestag zum 50. Male jährte. Was bin ich doch für ein schlimmer Gedenker. Darüber hinaus ist heute in exakt einem Jahr mein erster Tag als Rentner, denn am 27. September 2018 laufen meine 7 Bonus-Monate an Wartezeit aus. Ich will nicht sagen, dass ich mich freue, das nun wirklich nicht.

27. September 2017

„Sie sind da“ titelt der SPIEGEL 39a, den die Magaziner aus Hamburg außer der Reihe auf den Markt schmeißen, was in die Kalkulation der nächsten Preissteigerung von 4,90 derzeit auf bald 5 glatt einfließen dürfte. Ich werde dann launig erzählen, wie ich mich an die 5 noch gut erinnere, allerdings an die 5 Mark und wie fett die Hefte damals alle waren. Nun gut, auch die Preise für die Moaß Bier in München waren in Mark-Zeiten kleiner als heute in Euro-Zeiten und ich werde wohl sterben, ohne je auf diesem Oktoberfest eine Moaß gsuffa zu haben. Die da sind, wen überrascht es, sind Gauland und Co. Klassenkämpfer sehen bereits im Gau vor dem Land ein schlimmes Omen. Wann hatten wir zuletzt Gaue, Gauzentren und eine Ostmark, die keine Währung war? Hermann Hesse schrieb im Februar 1909 an den Verleger Albert Langen: „Und ein Ende soll es nun nehmen, denn es ist nicht gut, lange bei Unerfreulichem zu verweilen.“ Schlimmer Hermann, du schlimmer.

26. September 2017

Die Diskussion, was geschieht, wenn Jamaika nicht zustande kommt und die SPD ihr Böckchen nicht ablegt, ist im Gange. Die dann unvermeidliche Neuwahl wird für Angela Merkel das beste Wahlkampfargument liefern, das sich denken lässt: die anderen drücken sich vor Verantwortung. Stinkstiefel Horst in München wird sich mühen, nach der 40-Prozent-Hürde auch die 30 Prozent nach unten hin zu knacken, die AfD in Ilmenau nicht nur einen Kandidaten aufstellen, den niemand je sah oder kannte, sondern einen, von dem es nicht einmal ein Foto gibt, der wird auf Anhieb 44 Prozent der Erststimmen ergattern. In meinem Wahllokal Ziolkowski-Straße wird die Kandidatin der Linken ihren üblichen Sieg einfahren, dicht gefolgt von dem Mann ohne Gesicht. Nun aber wieder zum Spaß des Lebens. Beinahe hätte ich eine Notiz zu Marina Zwetajewa verfasst, nur weil mein Literaturkalender zu doof ist, julianischen und gregorianischen Kalender zu unterscheiden.


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