Tagebuch

3. September 2019

Eine neue Ausstellung gibt es auch im Stift Dürnstein: „Entdeckung des Wertvollen“. Wir fuhren zuerst durch Oberloiben und Unterloiben, hielten am Denkmal für die Schlacht bei Loiben im Jahr 1805, ein Radfahrer blieb auch gleich neben uns stehen und studierte die Gedenktafel. Wir schauten kurz zur Vinothek der Domäne Wachau, zahlten für die Ausstellung wieder Senioren-Preis, noch immer etwas gewöhnungsbedürftig, aber es läppert sich in ein paar Tagen doch etwas zusammen, was man spart. Aus der Domäne nahmen wir nur Grünen Veltliner mit, Muskateller aus Dürnstein und aus St. Michael, wohin wir wieder mit dem Bus fuhren, drei verschiedene Sorten, darunter auch ein Frühroter, den kaum noch ein Winzer im Angebot hat. Kuriosität: der Busfahrer ließ uns auf der Rücktour kostenlos mitfahren. Bei Bayer lernten wir ein Paar aus Krems und Wagram kennen, die schon in Arnstadt waren, es dort wenig toll fanden. Wir sprachen vom Ilmenauer Rektor in Krems.

2. September 2019

Sechs Stunden und eine Minute brauchten wir bis hierher, Stau sahen wir auf der Gegenfahrbahn, den allerdings endlos. Der 125. Geburtstag von Joseph Roth ist verregnet, dank Wetter-App sind wir gut darauf vorbereitet und fahren heute wie in jedem Jahr zur Schallaburg. Die 2019er Ausstellung heißt „Der Hände Werk“, der Titel hat nicht nur uns zunächst etwas irritiert, dann aber sahen wir, was dem Titel an Stoff abgerungen wurde. Handabdrücke zum Beispiel: Alfred Kubin, Karl Kraus, Marie von Ebner-Eschenbach, Gestisches, Handwerkliches. Audioguide wie in den vergangenen Jahren unverzichtbar. Ein Bild zeigte uns den heiligen Homobonus, Patron der Stadt Cremona und der Schneider. Die ersten Sammelstücke Gelber Muskateller sind beisammen, gekauft gestern in der Vinothek Thal und im Bauernladen, der sonntags geöffnet hat, heute in der Vinothek Fohringer und in Spitz. Erkenntnis nach nur zwei Heurigen-Tagen: die Achtel-Preise haben deutlich angezogen.

1. September 2019

Neun Stunden brauchten wir von der Keplerstraße bis zum Novotel in Breslau am 1. September 2004. Es war unsere allererste Polenreise, wir passierten das grauenhafteste Stück Autobahn, das wir je sahen mit unzähligen Klein-Baustellen in vollkommen unterschiedlichen Phasen, zum Teil waren Männer mit Spaten zugange. Selbst die Buckelpiste, auf der wir 1995 nach Swinemünde zur Fähre gen Bornholm reisten, Urzustand Adolf Hitler, war geradezu mustergültig, verglichen mit dieser schlesischen Strecke. Vor Ort dann positive Überraschung nach positiver Überraschung, wir bewohnten das Zimmer 140. Warum waren wir eigentlich, als es visafreien Verkehr mit der DDR gab, nie in Polen, auch in der CSSR nie, nur einmal zu Fuß? Heute legen wir 620 Kilometer zurück, die Ferienwohnung „Mariandl“ zu erreichen. Wir haben vorab den Heurigenkalender studiert, wissen, wer in diesem Jahr für uns geöffnet hat. Einer unserer Lieblinge fehlt 2019 durchgehend.

31. August 2019

Wieder ein August zu Ende, vor zehn Jahren sahen wir den kleinen Zoo in Gossau, wo ich mir die kindliche Freude gönnte, ein kleines Zebra und einen riesige Yak-Büffel zu berühren. Wann war es, da meine Hand auf dem Rücken eines Tapirs lag, eines Zwergflusspferdes? Man muss Glück haben: einmal erwischte ich sogar ein Kapivara, das schnöde oft einfach Wasserschwein genannt wird. Erst kürzlich in Neuruppin sah ich nur nach langem Suchen das Kapivara im Schatten eines Zaunes, weit weg von den Besuchern. Bürger voller Migrationshintergrund betrachteten sehr erstaunt die Maras, oder war das in Berlin? Mit den Zoos geht es mir mittlerweile wie mit den Saunalandschaften: wo welcher Aufguss mich erfreut hatte, lässt sich nicht mehr klar sagen. Man merkt sich nur die Fälle, wo man nach Einfall osteuropäischer Badehosenträger auf keinen Fall wieder kommen wird. Die Osteuropäer können auch Belgier sein. Nun noch etwas Vorfreude auf morgen: nach Süden geht’s.

30. August 2019

Um meine Urlaubsvertretung in der kommenden Woche hinreichend zu Wort kommen zu lassen, ist Arbeit nötig. Noch gestern wurde ein Text fertig, der morgen in die Korrektur geht, heute nicht weniger als zehn Seiten, auf deren Basis noch geschrieben wird, was danach in die Korrektur geht. Umso netter, dass ich meine abschließende Bemerkung unter 1008 Buchseiten schreiben konnte: über Ernst Beutler. Lange habe ich an diesem Buch gelesen, immer nur bei Bedarf, irgendwann mit dem Ehrgeiz, nun auch systematisch voranzukommen, immer mit dem leichten Ärger, nie zu wissen, von wann welcher Beitrag war. Wenn ich tausend Buchseiten fülle, müssen doch auch zwei Seiten für die Editionsgeschichte Platz haben: Wann was kam, wann was ging, ausgesondert wurde. Fromme Wünsche. In den alten Zeitungen, die heute in den Papiermüll wanderten, war ein Beitrag über eine SPD-Feier mit der Bundestagsabgeordneten Petra Heß, seit 10 Jahren gar nicht mehr drin.

29. August 2019

Abschied und Ankunft 2009: um 10 Uhr verlassen wir unsere Wohnung in Schruns, dürfen unser Auto stehen lassen, weil wir uns das Stadtmuseum noch anschauen wollen. Was Zeitschinden sein sollte, gewann Eigenwert, wir bleiben anderthalb Stunden und sind dann trotzdem viel zu früh in Urnäsch, Kanton Appenzell-Außerrhoden, immerhin unsere vierzehnte Schweiz-Reise seit 1996, Tagesausflüge nicht gezählt. Wir mussten warten, bis die Rezeption 15 Uhr öffnete, 78 Kilometer sind eben selbst hier keine Entfernung. Unsere Wohnung hat den hübschen Namen Flöckli 141. Flöckli ist eine Ziege und als kinderfreundliches Symbol gedacht, alles ist supermodern, alles aus Tannenholz. Zur abendlichen Informationsveranstaltung sahen wir, weshalb kinderfreundliche Symbolik wichtig ist, es wimmelte von sehr kleinen Kindern. Ich las immerhin noch in „Schillers Briefe in zwei Bänden“. 10 Jahre später, heute, bin ich final bei 1000 Seiten „Essays um Goethe“.

28. August 2019

Auch an Goethes 270. Geburtstag ein Rückblick: mit dem Satz: Goethe war nie in Gotland, ich schon. Am 28. August 1999 verließen wir die Insel, hatten auf dem Weg nach Malmö in Lund einen sehr schönen Halt, sahen Malmö auch noch ganz kurz. In Trelleborg blieb Zeit, die rekonstruierte Wikinger-Burg zu sehen und etwas wie ein Stadtfest zu erleben. Für die Fähre buchte ich spät eine Viererkabine nach, am Sonntag rollten wir schon vor sechs Uhr vom Schiff, waren kurz vor halb neun am S-Bahnhof Hohen Neuendorf, wo 25 Prozent der Familie Richtung Tempelhof fuhren. Um 12.01 Uhr orderten wir am McDrive-Schalter in Ilmenau die Mittagsmahlzeit, die wir vertilgten, bevor wir den Kofferraum ausräumten. Heute Kurzbesuch in Gehren, die Pflegestufe ist erteilt, wir werden uns um alles Weitere nun in Ruhe kümmern können. Theoretisch gäbe es sogar Zuschuss für einen Wohnungsumbau, den wir aber gar nicht brauchen. Nun Korrekturlesen an „Goethe 1819“.

27. August 2019

Vor der Erfindung des Selfie-Stabs gab es bereits den guten alten Selbstauslöser: mit Strippe, ohne Strippe. In meinem Fotografen-Leben kam dieses Verfahren nie zur Anwendung. Deshalb fehle ich auf meinen Fotos mit netter Regelmäßigkeit und wenn ich mal drauf bin, fehlt diejenige, die mich belichtete oder halt derjenige, was auch vorkam. Die Abschiedsfotos von Bork Havn, 27. August 1994, zeigen je fünf der Anwesenden, konstant die Frauen und die Kinder, wechselnd der Gatte. Ganz und gar menschenfrei ist mein Abschiedsfoto vom dänischen Bier. Genau 20 Flaschen stehen nebeneinander in Reihe ohne Glied, es gibt etliche solche Fotos meiner Sammelleidenschaft. Die Bierflaschen wanderten damals wie später meist ohne Etiketten in den Glascontainer. Ein Foto zeigt ein Schild: Hier wohnt der Bernsteinschleifer. Ein Bernsteinmosaik von damals hängt jetzt noch in meinem Arbeitszimmer. Vor 50 Jahren starb Erika Mann, die mehr als Schwester und Tochter war.

26. August 2019

Die Ontologie des Seienden, ich gebe es zu, interessiert mich mit zunehmendem Alter immer weniger. In welchem Punkt Jaspers Heidegger widerlegte und wo Nicolai Hartmann ungeschlagen blieb, regt mich weder an noch auf. Dafür irritiert mich auf dem Weg zur Sonntagszeitung plötzlich ein in meine Nase steigender Pellkartoffelgeruch, der aus dem Gully zu kommen scheint. Etwa so roch es, wenn früher, ganz früher, der Kartoffeldämpfer neben drei Schweinekoben bei meinem Opa Reinhold im Betrieb war. Ich beobachtete alles rund um die Schweine stets aus sicherer Distanz. Der Film zum Klassentreffen am Freitag zeigte auch Kühe, die durch die Straßen getrieben wurden. Und mir fiel dabei ein: es gab verschiedene LPG-Typen damals, bei Typ I wurden die Kühe am Morgen versammelt und am Abend wieder zu ihren Besitzern zurück gebracht. Kluge Kühe gingen den Rest des Weges allein, eine dumme verirrte sich in unseren Hof. Ich traute mich nicht vorbei.

25. August 2019

Mein Gedächtnis-Frischhalte-Kalender meldet mir für heutigen Sonntag den 275. Geburtstag von Johann Gottfried Herder. Als ich mir den Tag mit orangenem Textmarker Ende vorigen Jahres für August 2019 kenntlich machte, hatte ich die tapfere Hoffnung, wenigstens mein abgebrochenes Kleinepos zu Herder und Shakespeare vollenden zu können zum Jubiläum, doch: Pustekuchen. Die Herren Keller und Fontane nebst anderen standen mit ihren Stiften neben meiner Rechnung, um mir einen Strich hindurch zu machen. Immerhin: am Morgen las ich heute zwei schmale Bücher zu Ende, eines von Rudolf Koester über Joseph Roth, eines von Fritz Ernst über mehrere schreibende Männer, darunter über den Spanier Azorin, eigentlich José Martínez Ruiz, von dem ich bis dato weniger als nichts wusste. Ich buche es unter Lernprozesse im fortgeschrittenen Alter. Der rein physischen Aufmunterung widme ich gleich eine Reise in den Großraum Erfurt, Wetter ist günstig.

24. August 2019

Die traurigere Nachricht: aus den ursprünglich 17 Toten in meiner Rede gestern sind 19 geworden, zwei konnte ich noch rechtzeitig neu aufnehmen. 45 Schüler, ein Lehrer, es wären mehr gekommen, doch manche arbeiten noch, sogar als Fernfahrer. Einer hatte seinen 67. Geburtstag und zwei seiner Gäste wären mit ihm an einem anderen Tag auch zu uns gekommen. Glückwunsch für ihn natürlich: Dieter. Der immer Dicker genannt wurde, obwohl er nie dick war. Nach meiner Rede noch ein wunderschöner Bildbeitrag mit schwarzweißen Filmaufnahmen aus den 50er Jahren, dann eine Fotoserie mit unseren Schuleinführungsfotos, die Mädchen alle mit weißen Kniestrümpfen, die Zuckertüten nicht selten sogar größer als das Kind. Ans Gehrener Porzellanwerk hätte ich nicht mehr gedacht, nach den Bildern kamen Erinnerungen an die Patenbrigade: ich musste bei den Feiern zu Weihnachten immer Gedichte vortragen auf der Bühne. Meine Rede geht heute ins Netz.

23. August 2019

Blick ins Tagebuch von 2009: am 22. August kamen wir verspätet in Schruns in Vorarlberg an, eine Baustelle ohne Baugeschehen, dafür aber mit nur einer freien Spur, führte zur Verzögerung. Unsere Ferienwohnung empfing uns mit zwei Zimmern und einem großen Balkon, seltsamem Gestank im Treppenhaus, der zum Glück in der Wohnung nicht mehr wahrnehmbar war. Am Abend verlor Bayern in Mainz. Am 23. August suchte ich die Hemingway-Gedächtnispunkte auf, wir benutzten die nahe Seilbahn, die uns auf knapp 1900 Meter brachte. Wir lieben Panorama-Terrassen, es muss gar nicht immer der halbe Liter Wein oben sein, es geht auch Apfelstrudel. Damals las ich Schiller um all mein Leben. Weil wir am 1. September 1959 unseren ersten Schultag hatten, feiern wir im Bestand der drei Klassen, die 1967 acht Schuljahre hinter sich hatten, 60 Jahre Schuleinführung, es geht um 17 Uhr los, weshalb ich die weite Welt heute komplett ignoriere: no Donald, no Boris. No!


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