Tagebuch

9. November 2017

Weil Iwan Turgenjew am 9. November 1818 geboren wurde, ist heute sein 199. Geburtstag. Wir müssen kein Turbo-Abitur abgelegt haben, um zu ahnen, dass zu seinem 200. Geburtstag in genau einem Jahr wegen des Jubiläums einer missratenen deutschen Revolution und diverser auf dieses Datum fallender so genannter geschichtsträchtiger Tage so ein Russe vielleicht ein wenig vergessen werden könnte, obwohl sein Vorname Iwan ist. Rufen wir also unverbindlich das Turgenjew-Jahr aus, viel Schaden können wir damit kaum anrichten. Am 10. November sind der Österreicher Max Mell und der Schlesier Arnold Zweig geboren, 1882 der eine, 1887 der andere. Einmal hat der Österreicher ein Drama des Schlesiers besprochen, die Kritik stand am 21. Oktober 1919 im „Wiener Mittag“, es ging um Zweigs einst Furore machendes Stück „Ritualmord in Ungarn“ das später den Titel „Die Sendung Semaels“ erhielt. Max Mell bescheinigte hohe künstlerische Qualität.

8. November 2017

Komische Sache das: am 8. November 1947 brachte das Deutsche Schauspielhaus Hamburg die deutsche Erstaufführung von Carl Zuckmayers „Des Teufels General“, knapp ein Jahr nach der Uraufführung in Zürich am 14. Dezember 1946. Und dennoch erwecken sowohl Zuckmayer selbst rückblickend als auch mehrere ihm entweder ahnungslos oder aus unerfindlichen Gründen folgende Autoren den Eindruck, als hätte es die deutsche Erstaufführung in Frankfurt am Main gegeben. Das Gebell der marxistisch-leninistischen Kritik setzte erst nach der ersten Berliner Aufführung ein und noch 1981 lieferte der Westberliner Autor Henning Müller DDR-Lesern eine Brachial-Vernichtung von Autor und Stück, wie sie nur möglich ist, wenn man vom Stück und seinem Text, von näheren und weiteren Zusammenhängen vollkommen absieht. In Zürich spielte den General Harras Gustav Knuth, in Hamburg den Ingenieur Oderbruch der geniale Bernhard Minetti. Hätte ich gern gesehen.

7. November 2017

Mann-o-Mann, das wäre der hundertste Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution gewesen. Also, genau genommen, er ist es immer noch, nur knutschen sich die Oberelche des Warschauer Vertrages aus diesem herrlichen Anlass nicht mehr. Es gibt andere Oberelche. Und ich habe despektierlich in meinem Tagebuch 1997 geblättert, der Leineneinband hat die Farbe von Donald Trumps Haaren, was mir nie peinlich war. Da lese ich, dass ich am 80. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution mit so profanen Dingen befasst war wie der Organisation unseres Schweizurlaubs für 1998, ich musste meine Sperrung von Auslandstelefonaten zeitweise aufheben, um in die Schweiz telefonieren zu können, es war die Zeit, da Söhne einem beträchtliche Telefonrechnungen bescheren konnten, wenn man nicht aufpasste wie der sprichwörtliche Höllen-Hund. Ich buchte eine Wohnung über drei Etagen in Soubey, möglich dank einer Konterrevolution.

6. November 2017

Freiheit ist, wenn Du in Kirchen und Grundschulen so viele abknallen kannst, wie Du magst und bis Dich die Polizei ihrerseits abknallt. America First. Dafür ist heute einer der tollsten Tage, die je von der UNO erfunden wurden: Internationaler Tag für die Verhütung der Ausbeutung der Umwelt in Kriegen und bewaffneten Konflikten. Dummerweise verstecken sich in Kriegen immer wieder Kriegsteilnehmer in Maisfeldern oder hinter Bäumen oder in Urwäldern, weshalb Amerika einst Agent Orange erfand wegen der Entlaubung. Ich habe als Friedensteilnehmer während meiner Zeit in NVA-Uniform eigenäugig gesehen, wie dick Bäume sein können und die Kugeln gehen trotzdem durch. Ist es im Zweifelsfalle aus UNO-Sicht besser, wenn Kugeln gleich Menschen durchbohren, ehe sie Bäume schädigen oder meint die UNO einfach nur, dass kämpfende Truppen nicht einfach die leckeren Pilze aus einem Wald wegfressen dürfen? Und womöglich geschützte Arten zertreten? 

5. November 2017

„Die literarischen Figuren, die diese Bücher bevölkern“, schrieb Karin Hirdina, „haben eine neue Physiognomie. Sie erscheinen gleichgültiger, passiver, kälter, weniger engagiert, kleiner in ihrem Zuschnitt und in ihren Ansprüchen. Warum sie so sind und wie sie dahinter auch sind, davon erzählt Völlger mehr und konsequenter als andere Autoren seiner Generation“. Winfried Völlger, um den es geht, wird heute 70 Jahre alt. „Das Windhahnsyndrom“ war ein ganz starkes Stück der späten DDR-Literatur. Zu bleibendem Ruhm hat es ihm nicht verholfen. Schon die repräsentative „Bestandsaufnahme 3“ des Mitteldeutschen Verlags, in der er hätte vertreten sein müssen, schwieg sich zu ihm aus. Zweimal habe ich 1988 über ihn geschrieben, einmal über ein Buch, das knapp zwanzig Jahre später Franziska Gerstenberg die Gelegenheit gab, Völlger in der ZEIT-Reihe der vergessenen Autoren aufzunehmen. Es war ein Kinderbuch mit dem Titel „Die weiße Katze“.

4. November 2017

Das vierte Mal innerhalb eines Jahres befasse ich mich intensiv mit Carl Zuckmayer, Gegenstand ist „Des Teufels General“. Meine diesbzügliche Datei hat knapp sieben Jahre im Dornröschenschlaf geruht, damals angelegt nach dem Besuch der Dresdner Inszenierung mit Tom Quaas als Harras, Annika Schilling als Pützchen, sie ging 2013 nach Köln. Einer der wenigen Theaterabende, da ich den Text nicht vorher gelesen hatte. Verglichen mit heute allerdings kein Problem, denn ich musste nicht anschließend darüber schreiben, mein Auftritt im Netz startete erst ein halbes Jahr später. Nun nutze ich die Gelegenheit, es teilweise nachzuholen, es gibt einen passenden Anlass und sogar ein paar bescheidene Entdeckungen habe ich noch machen können dafür. Die LITERARISCHE WELT preist heute einen in Deutschland bisher unbekannten späten Roman von Agatha Christie und Hannes Stein erfindet eine „Arbeitsjournal“-Fiktion für Brecht zum Oktober-Revolutionsjubiläum.

3. November 2017

Ich bin ein Klima-Killer. Am Tag des Mannes macht mich das Frühstücksfernsehen öffentlich zum Übeltäter. Denn ich fahre unzählige Male (typisch männliche Übertreibung) im Jahr in diverse Theater, zu Landesgartenschauen, zu den Enkeln, zu deren Urgroßmutter, zu meinen Freunden, in Thermen mit schönen Saunalandschaften, von den Urlauben nicht zu reden. Alles das sind die, wie ich nun weiß, gefährlichen Kurztripps mit ihrem wahnwitzigen Kohlendioxid-Ausstoß. Ich soll doch, sagt der Mann am Mikrophon, lieber drei Wochen am Stück nach Südfrankreich fahren, meinetwegen auch an die Ostsee. Das Problem für mich dabei: In Südfrankreich lässt man die Badehose an in der Sauna, falls man überhaupt dort weiß, was das ist. Und an der Ostsee gibt es einfach zu wenige Theater. Ansonsten ist heute der 75. Todestag von Carl Sternheim, von dem ich im Jahre 2003 acht Stücke am Stück las, das erste hieß „Die Hose“, das letzte „Der Kandidat“.

2. November 2017

An ihrem zwanzigsten Geburtstag starb Hans Erich Nossack. Das ist heute vierzig Jahre her. Nossack ist ziemlich vergessen, selbst der Umstand, dass Christa Wolf in ihrer Margarethen-Phase einmal über ihn schrieb, ist nicht mehr von Bedeutung. Hera Lind dagegen, die damals ganz unantikisch Herlind Wartenberg hieß, hatte 1977 noch ihre komplette Traumfrauen-Superweiber-Karriere vor sich. Sie nutzte ihre erste Schwangerschaft zum Schreiben ihres ersten Romans und fortan schrieb sie immer, wenn sie schwanger war, einen Roman über eine Frau, die Romane schreibt, während sie schwanger ist. Das wurde irgendwann nach dem fünften oder siebenten Versuch zwar ein wenig monoton, aber nur für Kritiker und Verfilmer, nicht für die Milliardenschar ihrer Leserinnen ohne Binnen-I. Hera Lind bewies, dass man vielfache Mutter, vielfache Autorin und außerdem noch Talkshow-Dauergast sein kann. Jetzt ist sie 60, selbst das kann sie ganz locker.

1. November 2017

In Fischers gelbleinener Bibliothek zeitgenössischer Romane war „Das letzte Glück“ der zehnte Band des dritten Jahrgangs. Hinten warb der Verlag für die bereits achte Auflage von „Der Weg des Thomas Truck“, zuerst 1902 erschienen und 1988 im Rostocker Hinstorff Verlag noch DDR-Lesern mit einem Nachwort von Andreas Zecher als Korrektiv gegen einseitige Deutungen von Heinrich Manns „Der Untertan“ ans Herz gelegt. Heute ist der 150. Geburtstag von Felix Hollaender, den Kompendien zur deutsch-jüdischen Literatur entweder gar nicht kennen (Willi Jasper, Hans J. Schütz) oder unter einem falschen Geburtsdatum behandeln. Hollaender war auch Theatermann und in seinen letzten Lebensjahren ein wichtiger Kritiker fürs 8-Uhr-Abendblatt. Dass sein Geburtstag auf den Uraufführungstag von „Othello“ (1604) und „Der Sturm“ (1611) fiel, mag er gewusst haben, seine Kritiken-Sammlung „Lebendiges Theater“ kommt dennoch fast ohne Shakespeare aus.

31. Oktober 2017

Wenn ich noch daran denke, wie die Zeitungen der Funke-Mediengrupe, die damals noch nicht die Funke-Mediengruppe war, es muss zu Anfang des Jahrhunderts gewesen sein, streng inquisitorisch fragten, warum mit Blick auf Luther nichts geschehe in Thüringen und heute ist die Luther-Dekade offiziell schon wieder zu Ende, dann müsste ich glatt ein wenig in „Sein und Zeit“ blättern. So aber bin ich einfach nur aufgeschreckt: Die Kohlendioxid-Werte in unserer Atmosphäre sind so hoch wie zuletzt vor vier bis fünf Millionen Jahren. Und ich weiß nicht einmal, wer damals Bundeskanzlerin war. Wir sahen gestern in Oberpörlitz nach einem Fackelzug noch eine Weile mit eiskalten Füßen zu, wie Treibhausgas in die Luft entwich aus einem brennenden Holzstapel und maskierte Kinder die Reste ihrer Fackeln in die Flammen warfen, es gab Bratwurst und Glühwein, wir mieden beides wegen des versteckten Zuckers. Zu Hause dann im Fernsehen „Wilde Schweiz“, gleich drei Folgen.

30. Oktober 2017

Es ist Welt-Spartag. Früher gingen fotogene Kinder an diesem Tag zur Sparkasse und ließen sich von Pressefotografen dabei belichten, wie sie ihre Sparbüchse leerten für ihr erstes tolles Sparbuch. Heute kann man eigentlich nur noch den Spartag sparen oder gleich mit Einkäufen reich werden. Wenn man sechzehn Mercedes 600 SL kauft zum Beispiel, bekommt man einen geschenkt. Von dem Geschenk kann man sich dann schon die Bodenplatte seines neuen Hauses gießen lassen und wenn man die gesparten Darlehenszinsen aus den günstigen Krediten in offene Schiffsfonds gut anlegt, braucht man gar nicht mehr zu arbeiten. Unter den Geburtstagskindern des Tages finden sich ein Georg und ein Friedrich. Der Georg ertrank 1912 in der Havel und ist bis heute berühmt. Der Friedrich ist nie berühmt gewesen, kam dafür aber 1892 in Ilmenau zur Welt. Dort begann er schon als Kind, sich für (Sommer-)Theater zu interessieren und schrieb etwas später „Der blaue Strohhut“.

29. Oktober 2017

Es ist Welt-Schlaganfalltag. An diesem Tag sind aber auch andere Dinge wichtig. Etwa: wie oft  ein Kuschelgast aus dem schmalen aufblasbaren Gästebett rollt, ehe er sich entschließt, das Lager zu wechseln. Man kann entspannte Flüstergespräche über den Elch Rudolf führen, mit dem der aus dem Vorjahr bekannte Weihnachtsmann auf Achse ist, der aber auch zu Fuß unterwegs sein kann, man beobachtet ihn dann von einem Hocker aus durchs Fenster. Im Kinderland kann man, wenn man Glück hat, gleich zwei Stempel bekommen, einen auf die Hand und einen auf den Arm. Von der Putenoberkeule kann man essen, muss aber nicht, ein Vanillejoghurt schmeckt an manchen Tagen besser als ein Heichelheimer Kloß. Und dann ist da noch der Sturm. Die großen Bäume lässt er stehen, aber die kleinen Äste an den großen Bäumen, an denen noch Blätter sind, die schüttelt er ab. Wie viele auch immer auf dem Bürgersteig liegen, es sind trotzdem noch ganz, ganz viele dran.


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