Tagebuch

11. Juli 2017

Zitieren wir, weil er nun tot ist, einmal Peter Härtling: „Die Verlage sind als Industriebetriebe ehrlich geworden. Sie verbergen ihre Geschäfte nicht mehr hinter einer kulturellen Fassade. Den Autor drängt diese Ehrlichkeit zunehmend in die Ecke. Seine Individualität ist zweitrangig geworden, er ist ein Zulieferer.“ Seit er das 1975 schrieb, ist es kaum besser geworden. Auch wenn da und dort ein paar tapfere Leute sich selbst ruinieren, um sich und der desinteressierten Welt das Gegenteil zu beweisen. Goethes „Ilmenau“ fällt primär durch seine Länge auf und das sagen schon Leute, die es gern hören möchten. Wir reden nicht von den sieben Rest-Milliarden. Von den elf Härtling-Büchern, die ich besitze, erschienen zehn in der DDR, was weniger für diese spricht als für mein zwischenzeitlich versiegendes Interesse. Im Februar aber nahm ich ihn mir her, weil er über Ottilie Wildermuth geschrieben hatte und ich das auch wollte. Ich tat es, es ist leicht nachzulesen.

10. Juli 2017

Muss man wirklich eine Weile mehr oder minder brav, mehr oder minder intensiv für die Stasi gespitzelt haben, um bis heute die Welt mit Stasiaugen sehen zu können? Oder sah man umgekehrt die Welt ohnehin mit Stasiaugen und fand deshalb nichts weiter dabei, ihr dann zusätzlich den einen oder anderen Dienst zu erweisen? Der Kern dieses Sehens liegt darin, hinter allen Weltphänomenen den Beschluss eines oder mehrerer Politbüros zu erkennen oder auf jeden Fall zu vermuten. Heute hätten solche Politbüros dem Denkschema dieser Humoristen zufolge mehr Macht und Einfluss, als die guten alten Politbüros früher, als die Welt noch in Ordnung war, je hatten. Vermutlich bezahlt Trump persönlich, diesen Denk-Deppen zufolge, die schwarzen Terrorkommandos, um die an Friedlichkeit nie zu übertreffenden Linken zu diffamieren. Humoristen aller Länder, entschleunigt Euch, Wahrnehmungsstörungen können Indikator finalen Geschehen sein. Im Kopf vor allem.

9. Juli 2017

Es fällt mir schwer, das Anzünden von Autos und Fahrrädern sowie Plündern von Supermärkten als revolutionären Kampf gegen den Weltimperialismus zu deuten. Wenn ich die Fressen sehe, die alles kleinreden, verharmlosen oder gar rechtfertigen, dann rutscht mir der Hut ins Genick, den ich selten trage. Immerhin kenne ich nun neue Formen friedlichen Protestes: man hockt sich in Orange auf Bürgersteige und zeigt Ohmm-Yoga gegen G 20. Man befeuchtet Gesicht und Kleidung, bestäubt sich anschließend mit Zementmehl, um als graue Masse im Frankenstein-Monster-Schrittmaß gegen das Reicherwerden der Reichen zu trapsen. Unsereiner hat heute sieben Stunden Wanderung in den noch gar nicht so morschen Knochen, die nicht zittern, aber schmerzen, das habe ich zuvor in 64 Lebensjahren noch nie absolviert. Auf einer Bank in der Sonne trug ich interessierten Zuhörern das Gedicht „Ilmenau“ vor, lang und lehrhaft. Der Sonntag für Restarbeiten vor neuem Wochenbeginn.

8. Juli 2017

Warum zwingen späte Auswüchse eines/des westdeutsch-westlichen Alleinvertretungsanspruches, ich bin als DDR-Kind mit dem Begriff Hallstein-Doktrin indoktriniert worden, immer wieder zu Verteidigungen der DDR wider Willen? Heute ist der 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz, in der Fasanenstraße in (West-)Berlin wird auf besondere Weise gefeiert. Noch vor wenigen Wochen gab es öffentliche Debatten über den Standort dieses Käthe Kollwitz Museums, in das man heute zur Geburtstagsfeier Kuchen mitbringen soll. Bei ARTE aber in 52 Minuten Dokumentation kommt nur das Kölner Museum vor, wo natürlich auch gefeiert wird, die DDR gar nicht. Obwohl doch dort die  Akademie das Andenken pflegte, lange ehe man sich im Westen überhaupt durchringen konnte, die Kollwitz mit einem Museum zu würdigen. Obwohl dort auf dem nach ihr benannten Platz im Prenzlauer Berg, wo sie mehr als fünfzig Jahre wohnte, der Gustav Seitz steht. Ärgerliche Ignoranz.

7. Juli 2017

Ringo, der zweite Rest-Beatle, wird heute 77 Jahre alt, was schön für ihn ist. Meine Augen bleiben trocken, ich war nie Beatles-Fan. Und besitze bis heute keine einzige Scheibe von ihnen. Von den Bee Gees allerdings auch nicht, und von den Beach Boys erst recht nicht, dafür aber 39 von den Stones, 29 von The Allman Brothers Band und 27 von Deep Purple. Vielleicht besäße ich Beatles, wenn deren Platten bei 2001 nicht immer so teuer gewesen wären, den Laden in der Kantstraße sah ich 1989 noch als DDR-Bürger bei meinem ersten Gang in den Westen, nicht ahnend, dass später die Kantstraße mein steter Anlaufpunkt sein würde. Das Medienmagazin JOURNALIST lieferte mir gestern eine Weltkarte frei Haus, auf der die Abstufungen an Pressefreiheit farbig gemacht sind. Es gibt verblüffend wenig Weiß (Good situation) und Gelb (Satisfactory situation), dafür viel Rot (Difficult situation) und Schwarz (Very serious situation). Wir hier mitten im weißen Kleinbereich.

6. Juli 2017

Pandas aller Länder, vereinigt euch! Unsereiner muss da nicht irgendwo kramen, um die Suppe zwischen all den Haaren zu finden, die da nun wieder gefunden werden, weil die Menschenrechte nicht ausreichend zur Sprache kamen. Wenn ich die Wahl hätte zwischen dem Verkauf von neun Büchern in neun Monaten und dem Export eines gedruckten Mount Everest für eine Milliarde gelbliche Leser, würde ich den Mount Everest sofort verkümmeln, selbst wenn ich im Gegenzug gebrauchte westdeutsche Mao-Bibeln in mein Kopfkissen nähen müsste. Soweit zur kleinen Politik. Mein alter Plüschpanda, ausgestopft noch mit echter sozialistischer Holzwolle, fristet gut verpackt im Keller sein finales Dasein, die Kinder hatten eigene Plüschtiere, die Enkel entwickeln vielleicht eine Westberliner Holzwolle-Allergie. Daniil Granin ist tot, dem nun Superlative nachschleichen. Der Hamburger Weltökonom Helmut Schmidt hat ihn spät westkompatibel gemacht, nicht zu spät.

5. Juli 2017

Als Fredi Lerch vor Jahren in der WOZ Klara Obermüllers sechsbändige Werkausgabe von Walter Matthias Diggelmann besprach, zitierte er die Herausgeberin auch mit diesen Sätzen: „Seine Mutter, die ihn um viele Jahre überlebt hat, hat sich ihm noch im Jahr seiner schweren Krankheit verweigert. Sie hat ihn nie besucht. Von seinem Tod hat sie schließlich durchs Fernsehen erfahren.“ Klara Obermüller (77) war Diggelmanns Frau und hat mit ihm ein Buch über eine Reise durch die DDR verfasst, das in der DDR nie veröffentlicht wurde, obwohl es, wie im Westen zu lesen, ein  beschönigendes Bild der DDR zeigte. Offenbar war es aber nicht beschönigend genug. Heute wäre Diggelmann 90 Jahre alt geworden, wenn ihn nicht sein Krebsleiden schon 1979 hätte sterben lassen. Auf Klara Obermüller bin ich längst neugierig geworden, es hätte der Guttenberg-Affäre nicht bedurft, sie war erste Präsidentin der Gesellschaft Schweiz-DDR. Was es so alles gab einst!

4. Juli 2017

Dem staubfreien Literaturkalender des Aufbau-Verlages für 1990 entnehme ich, dass heute vor 40 Jahren Vladimir Nabokov starb. Das ist natürlich Blödsinn, war aber dennoch ein Fortschritt, denn 1988 und 1989 gab es den Nabokov dort noch gar nicht am 4. Juli. Tatsächlich starb der russische Amerikaner, der in Montreux lebte, wo ich seiner gedachte, als ich 2010 von unserem Domizil in Leysin her zum Genfer See rollte, am 2. Juli 1977, dem 100. Geburtstag von Hermann Hesse. Den ich, auch das noch prahlerisch in die Netzwelt zu setzen, zweimal für je eine Woche in Montagnola besuchte, 2001 und 2011. Ich stellte mich seinerzeit nicht neben Hesses Schreibmaschine, sondern fotografierte sie einfach selbst. Immerhin las ich heute als Morgenlektüre das zweiaktige Versdrama „Der Tod“ von Nabokov und bereue es nicht. Und werde zu später Stunde „Berlin, ein Stadtführer“ nachschieben aus dem Jahr 1925. Das ist kurz genug als Reminiszenz ans Berliner Wochenende.

3. Juli 2017

Dem „buchclub 65“ danke ich das erste Werk von Joochen Laabs in meinen Regalen, es trägt den imposanten Titel „Das Grashaus oder Die Aufteilung von 35.000 Frauen auf zwei Mann“. Später habe ich mich mit ihm so intensiv beschäftigt, dass ich noch heute staune über die Menge gefüllter Seiten mit Schreibmaschine und sogar Kugelschreiber, mehrfarbig. Ich legte eine Bibliographie an und sammelte Besprechungen. Fand es erst jetzt wieder lustig, dass Laabs bei seinem Beginn als Lyriker („Eine Straßenbahn für Nofretete“, seltenes Stück heute) in „Auftakt 63“ fast unmittelbar auf ein Foto folgt, das Bernd Jentzsch im vertrauten Umgang mit Wolf Biermann zeigt. Mit wem Laabs verheiratet ist, weiß ich erst neuerdings. Zum 80. Geburtstag grabe ich Texte aus meinem berüchtigten Schaffen als Doppelrezensent aus. Seinen 76. Geburtstag feiert heute Wilfried F. Schoeller, dem ich besonders herzlich gratuliere, obwohl und weil wir uns erst vorgestern sprachen.

2. Juli 2017

Nachtrag: Spätes Frühstück in der Florastraße nach langer Feier, Koffer im Hauptbahnhof deponiert inklusive zweier Biere aus Teneriffa, die meiner Sammlung noch fehlten, Uwe und Tina, die Unermüdlichen, flogen mit ihnen, weil sie die seltene Eigenschaft haben, immer an mich zu denken und meine Marotte. Charlottenburg natürlich. Echte alte Ostberliner in Pankow haben noch nie von den Straßen gehört, in denen sich unser Westberliner Leben abspielt. War da was mit Mauer? Am Freitag das Erlebnis, mit einem ICE sechs Minuten Verfrühung zu haben, heute nur Pünktlichkeit auf die Minute. Auch zwölf zweisprachige Ansagen, dass der Zug in Leipzig geteilt wird, helfen nicht, einige Deppen sitzen dennoch falsch und es fahren tatsächlich Menschen nach Eisenach. Das Fußball-Ergebnis aus der App. Der Computer bleibt aus. Erst morgen Leben in der Variante „Ewig grüßt das Murmeltier“. Keine augenfeindliche Lektüre von Tagebuch-Langzeilern in Kleinstschrift.

1. Juli 2017

Nachtrag: „Macbeth“ abgesoffen, der unmittelbar nachfolgende „Faust“ ebenfalls, die Karten verwandeln sich in Gutscheine für eine spätere Vorstellung, was unpraktisch ist, denn so oft sind wir nun doch wieder nicht in Berlin, dass es gerade passt. Immerhin: ein ausgiebiges Abendessen in Pankow. Selten kam eine Tageskarte so oft zum Einsatz wie heute. Zwischen Halleschem Tor und Schlesischem Tor Ersatzverkehr, dann die Hochzeitsfeier mit vielen Unbekannten und etlichen Bekannten, echten Pastorentöchtern, aktuellen und ehemaligen Verlegern und Autoren, Fernseh- und Rundfunkmenschen, Töchtern, die wir als kleine Mädchen kennen, einer Enkelin, die Opa und Luise die Blumen streute und dann wieder zurück ins Körbchen sammelte, Live-Musik, Feuerwerk vor der Eastside-Gallery, Geräusch-Kulisse der Ersatz-Love-Parade. Für das Geld, das wir in Ilmenau einem Taxi-Fahrer für zweieinhalb Kilometer zahlen, fährt man einmal rund um Berlin.

30. Juni 2017

Mit den kleinen Staaten und ihren Dichtern ist das so eine Sache. Die kleine DDR liebte ihre so sehr, dass sie sie beobachten ließ, damit sie nicht etwa in einem schwachen Moment stolpern und dann keiner in der Nähe ist, der sie wieder hoch zerrt. Dann aber kippte der Klassenfeind die vielen Bücher der geliebten Dichter in große Löcher und es gab nie genug Pastoren, sie wieder heraus zu schaufeln. Seither hängen manche Humoristen-Mundwinkel im übertragenen Sinne auf Fotos bis auf die männlichen Brustwarzen und des Jammerns ist kein Ende. Unsereiner befindet sich heute im Osten Berlins, wohin es ihn selten verschlägt, es sei denn, er wird in den Osten eingeladen, um an größeren Festlichkeiten teilzunehmen. Gemeinsam mit drei weiteren Fest-Teilnehmern werfe ich heute neugierige Blicke mit offenen Ohren auf einen gewissen „Macbeth“, welchen ich lange nicht und nun am laufenden Meter sehe. Auf eine leichte Schweigezeit folgen unweigerlich Nachträge.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround