Tagebuch

14. September 2017

Dies ist der 200. Geburtstag von Theodor Storm. Seine frühe Novelle „Immensee“ gehörte zu den unfassbar zahlreichen Büchern und Büchlein, die ich im Oktober 1971 las. Einen arg lädierten Band mit dem Titel „Die Söhne des Senators“ ließ ich mir später vom Buchbinder der TH Ilmenau, in einer beneidenswerten Wohnung am heutigen Homburger Platz ansässig, in grobes Ganzleinen binden mit Leder-Rückentitel, dergleichen war damals noch eine bezahlbare Dienstleistung. Noch später erwarb ich eine Ausgabe der Nymphenburger Verlagshandlung München, handlich und hell. Aus Heiligenstadt sandten mir freundliche Damen nicht nur diverse „Storm-Blätter“, sondern auch Flyer zum Jubiläum. Und zwar auch solche aus der grauen Stadt am grauen Meer. Die Storm-Häuser haben an Sonntagen nur nachmittags geöffnet, in Heiligenstadt noch ein Stündchen kürzer als in Husum, man könnte es die Ruhe vor dem Storm nennen auf dem Way zum Stormy Monday.

13. September 2017

Der herabgestufte Hurrican Heinz-Herbert wütet über Ilmenau, er biegt die Birken bedenklich, versucht jedoch bis dato vergebens, unsere Balkon-Markise aus der Verankerung zu reißen. Gut, dass die neue Friedhofsbepflanzung für Gehren nicht mehr auf dem Tischchen draußen steht, sie schwebte sonst vielleicht bereits als florale fliegende Roberta am Himmel über Oehrenstock. Am 13. September 1951 gab es die Neueröffnung des Schauspielhauses Düsseldorf, diesmal tatsächlich mit „Die Räuber“ in der Regie von Gustav Gründgens, der auch den Franz Moor spielte. Karl-Heinz Ruppel nannte es eine „Aufführung von konzessionsloser Kühnheit und Konsequenz“, die Amalia spielte übrigens Antje Weisgerber, an der Schauspielschule des Preußischen Staatstheaters Berlin ausgebildet, dessen Chef, Zufall, unter Hermann Göring Gustav Gründgens hieß. Nun will ich den Regentropfen lauschen, die an mein Fenster klopfen. Von wem sie grüßen, ahne ich noch nicht.

12. September 2017

Wer nicht schon in aller Herrgottsfrühe nüchtern zum Blutabnehmen muss wegen der Werte, die weder konservativ noch sonst politisch sind und auch selten hierarchisch geordnet, also etwa der Langzeitwert des Blutzuckers, der sich bei mir seit der letzten Messung rasant verbessert hat, also wer einfach Zeit hat und gern gegen einen Stachel löckt, der kann heute des 98. Todestages von Leonid Andrejew gedenken. Ein gewisser Gorki schrieb ihm anno 1906: „Für mich gibt es keinen Zweifel, dass L. Andrejew zur Zeit der interessanteste Schriftsteller Europas und Amerikas ist, und ich glaube, dass er zugleich der begabteste Schriftsteller der beiden Teile der Welt ist.“ Wir sehen an dieser Formulierung, dass Gorki gleich drei Kontinente mit A vergaß, wenn wir Arktis und Antarktis einrechen, sogar fünf. Klar, dass der große Nationalitätenpolitiker Stalin diesen Gorki, der auch noch anmaßend Maxim hieß statt Minim, nicht besonders leiden mochte. Ich mag ihn sehr.

11. September 2017

Da ist er wieder, dieser Tag, an dem die Kopten ihr neues Jahr beginnen. Was die Kopten am Tag davor tun, weiß ich nicht, immerhin sind sie mir ein Begriff, seit ich als Sammler von Insel-Büchern einst auch eins erwarb, welches „Koptische Stoffe“ hieß, 36 farbige Bildtafeln, es war die Nummer 860. Was ich am Tag davor tat, weiß ich sehr genau. Ich besuchte meine Geburtsstadt, sah dort zunächst in aller Ausführlichkeit das Schlossmuseum mit „Mon plaisir“, Porzellan, Jugendstil und einer aus Gehren engagierten Hofgesellschaft in Kostümen. Die Überraschung des Tages war die Zimmerstraße 6. Als Mensch mit Dienstadresse Zimmerstraße/Ecke Schlossstraße kannte ich das Haus von außen, jetzt pure Überwältigung. Ein Märchen-Grundstück zum Träumen, bis hin zur Ritterstraße, der Hausherr erlaubte uns, von den Apfelbäumen zu pflücken. Danach noch der Spittel, Erinnerungen an manches Gespräch mit Reinhard Specht. Fast fünf Stunden Denkmaltag.

10. September 2017

„Boris Djacenko ist ein sympathischer Mensch, sehr lebhaft, sehr redegewandt; er spricht kein reines Deutsch, und sein slawischer Akzent macht seine drolligen Ausdrücke noch aparter. Er muss im Gespräch oft fragen, was dies oder jenes in Deutsch bedeutet“, lesen wir in Brigitte Reimanns Tagebuch am 30. August 1956. Da war Djacenkos Welt noch in Ordnung. Zwei Jahre später wurde die Fortsetzung seines Romans „Herz und Asche“ verboten, Erwin Strittmatter beendete seine enge Freundschaft mit ihm, verdächtigte ihn sogar „feindlicher“ Ansichten. Annette Leo widmete in ihrer Strittmatter-Biografie dem Thema einen längeren Abschnitt, Werner Liersch  nahm sich der Sache schon Jahre früher ausführlich an: Anfang 2003. Der erste Band von „Herz und Asche“ stand im elterlichen Bücherregal, ich hörte im Junglesealter nur merkwürdige Andeutungen darüber, nichts von den sowjetischen Vergewaltigungen 1945. Heute ist Djacenkos 100. Geburtstag. Er starb 1975.

9. September 2017

Im Berliner Admiralspalast, las ich in der BERLINER ZEITUNG, tritt heute Procol Harum auf, 50 Jahre nach Band-Gründung. Vom Anfang ist nur noch Gary Brooker dabei. In meinen CD-Reihen stehen: „A Whiter Shade of Pale“, „A Salty Dog“, „Shine on Brightly“, „Home“ und „Procol’s Ninth“, mehr sind es nie geworden und öfter als diese fünf Scheiben höre ich den 1971 bereits zu Solo-Zwecken ausgeschiedenen Robin Trower, der als Gittarist phasenweise klang wie ein frisch aus dem Grab gestiegener Jimi Hendrix. Yeah! Wir besuchen heute das Herbstfest einer Firma, der wir unsere Türen verdanken und heben uns den Tag des offenen Denkmals für morgen auf. Die neue Broschüre erleichtert uns die Zusammenstellung eines kleinen Besichigungsprogrammes, ich habe alle Programme seit 1993 in einem schon gut gefüllten Karton aufgehoben und kenne aus meinen Zeitungsjahren fast alle Denkmale des Ilm-Kreises, manche von mehreren Besuchen sogar.

8. September 2017

Gestern ihr 208. Todestag, heute der 250. Geburtstag ihres zweiten Gatten August Wilhelm Schlegel, Caroline könnte vergessener sein. Sie war vier Jahre älter als er und von ihm, ich gebe es zu, habe ich, als ich seinen Namen in meinen Arbeitskalender eintrug, auch zuerst wieder Tratsch im Kopf gehabt. Verbunden mit den plötzlich sehr lebendigen Erinnerungen an meine intensiven Bemühungen um den angloamerikanischen „New Criticism“ im letzten Studiendrittel zu Berlin: René Wellek, Austin Warren, Chleanth Brooks, Northrop Frye. Ja, liebe Festgemeinde: Es war nicht nur alles Marx in der DDR, wenngleich ich die genannten Herren natürlich westdeutschen Ausgaben zu entnehmen hatte. Da aber prägte sich mir die verächtliche Darstellung des älteren Schlegel ein. Gestern durfte Bonn sich des ersten Bundestages erinnern, der in einer Turnhalle zusammentrat, heute darf es ein Professor sein, der der jungen Universität gut zu Gesicht stand.

7. September 2017

Vier Jahre lang war er am Meininger Hoftheater, dann ging er nach Berlin, ab 1915 spielte er die Rolle eines freischaffenden Schauspielers: Albert Bassermann. Ich habe meine alten Ihering-Bände aus der unteren Regal-Reihe genommen: „Man hat den Eindruck: die Rolle reizt zuerst das Körpergefühl, und der Körper wieder reizt das Organ.“ So steht es in „Bassermann als Rezitator“. Von Bassermanns Mephisto war Ihering so begeistert, dass man seiner Beschreibung schon des ersten Auftritts folgt, als säße man Parkett Mitte, Reihe sechs. Herrlich. Heute ist Bassermanns 150. Geburtstag, gestorben ist er im Flugzeug am 15. Mai 1952. Mein Lieblingsvideotext meldet: „Sie war die Muse des Jenaer Romantikerkreises. Beide Schlegel-Brüder waren in sie verliebt.“ Wie mans nimmt, einer war sogar mit ihr verheiratet. Die Rede ist von Caroline, die erst Michaelis, dann Böhmer, dann Schlegel, schließlich Schelling hieß und fünf Tage nach ihrem 46. Geburtstag starb.

6. September 2017

Was in der Goethe-Chronik als wahrscheinliches Datum der Niederschrift genannt wird, verwandelt sich im öffentlich-rechtlichen Video-Text in eine fixe Tatsache: Am 6. September 1780 schrieb Goethe mit seinem Wanderbleistift „Über allen Gefilden ist Ruh“ an die Bretterwand des später zum Brandopfer gewordenen Häuschens auf dem Kickelhahn. Die Gefilde wandelten sich bald in  Gipfel, die Ruh blieb, erst im Faust war sie hin. Im Gedenken an dieses historische Datum spielte Jimi Hendrix am 6. September 1970 auf der Insel Fehmarn sein letztes öffentliches Konzert vor seinem Hinscheiden. So verbreitet es jedenfalls die Fake News Agency FNA, die in Baltimore von frustrierten Religionswissenschaftlern betrieben wird. Nach Fehmarn schickte später der Ilm-Kreis Ferienkinder. Am 6. September 1951 eröffnete das neue Berliner Schiller-Theater seine Pforten mit „Wilhelm Tell“, keineswegs mit „Die Räuber“, wie der oben genannter Videotext dreist behauptet.

5. September 2017

Als ich einst im Mai, nein, es war seltsamerweise immer im Herbst oder Winter, gen Suhl zu reisen hatte, weil der Chefredakteur und sein Stellvertreter die Lokalchefs sehen wollten, war ich neben Georg Schmidt der einzige männliche Redaktionsleiter, alle anderen waren mehr oder minder nette Damen. Jetzt, sehe ich gestern im Jubelblatt, hat eine einzelne Dame die Minderheitenrolle inne, alle anderen Redaktionen haben Männer an der Spitze. Nennt man das eine Entwicklung oder ist es  schon Rückschritt? In der Chefredaktion selbst hat es nie Frauen gegeben, außer der Sekretärin natürlich, deren Stimme klingt noch immer, nach mittlerweile fast vierzehn Jahren, vollkommen vertraut. Nur die kleine Vertraulichkeit alter Zeiten, die ist natürlich weg. Wie viele Jubiläums-Selbstfeiern wird es noch geben, ehe der letzte Leser seine beleuchtete Lesehilfe hat sinken lassen für immer? Ob ich irgendwann einmal von meinen Zeitungsjahren schreibe? Oder lieber nicht?

4. September 2017

Eigentlich wollte ich hier einen scherzhaften Zusammenhang zwischen dem Ableben von George Simenon und der ersten Montagsdemonstration am 4. September 1989 herstellen. Nun aber habe ich die Beilage zum 65-jährigen Jubiläum von FREIES WORT durchblättert und siehe, auf Seite 46 gibt es ein riesiges Foto mit mir in der Mitte. Es ist eine Variation des Bildes, das mir 1996 den Ruf eines Streikführers einbrachte mit mittelfristigen Folgen für meinen weiteren Berufsweg. Unter den Meilensteinen der Zeitungsentwicklung fehlt wieder die Expansion nach Arnstadt, ich schreibe es purer Vergesslichkeit zu, denn Bosheit gegen den Leiter der dortigen Redaktion, gegen mich also, sollte es nach so vielen Jahren nicht mehr sein dürfen. Obwohl man nie etwas ausschließen sollte. Indirekt bin ich auch mit der seinerzeit von mir ohne Rücksprache mit der damaligen Chefredaktion installierten „Lokalspitze“, die ich nie so nannte, dem täglichen „Brief an Müller“, präsent. Nun ja.

3. September 2017

9.15 Uhr saßen wir tatsächlich im Auto, alles passte in den Kofferraum. Wir tankten in Melk für 1,17 Euro den Liter, vier Cent mehr als zu Beginn der Woche, zu Hause in Ilmenau dann für den Wochenstart für 1,38 Euro. Die Wartezeit bei der Einreise vor Passau nur fünfzehn Minuten, vor einer Woche war im Radio von anderthalb Stunden die Rede, wir sahen den endlosen Rückstau auf der Gegenspur. Rumänien scheint sich an diesem Sonntag komplett auf unserer Autobahn bewegt zu haben, nicht alle pausierten auf dem Rastplatz Jura. Sehr viel Regen auf den ersten Kilometern, viele Baustellen, dennoch waren wir 16 Uhr wieder zu Hause. Nötig etliche Gänge in den Keller, zwei Fahrten nach oben. Nichts Wichtiges in der Post, fast alle Mails mussten nur gelöscht werden, ein mich sonst sehr interessierender Weinkatalog landet umgehend im Altpapier. Im Briefwechsel von Theodor Storm und Gottfried Keller muss ich morgen nur noch ein paar Fußnoten nachlesen.


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