Tagebuch

28. Februar 2020

Nachtrag: Finstere Okkupanten besetzen zum letzten Frühstück dieser Kurzreise unseren Tisch 52. Was nicht gegen die Regeln verstößt, wohl aber meine Morgenlaune dämpft. Neue Erkenntnis dieser Reise: Frauen wühlen signifikant häufiger als Männer im Obstsalat, bis sie haben, was sie wollen. Frauen wühlen auch signifikant häufiger in Asia-Nudeln mit Garnelen, bis sie acht Garnelen auf dem Teller haben und kaum Nudeln. Neue Erkenntnis weiterhin: In der Salinenstraße sind keine Spuren von und zu Fontane zu erkennen, ich muss zu Hause überprüfen, ob meine Vermutungen zutreffend sind. Zu Hause bleibt Zeit für einige restliche Notizen zu Tennessee Williams, ich fahre sehr gut vorbereitet gen Meiningen und habe dort in der ersten Reihe des zweiten Parketts einen sehr guten Platz. An der Garderobe muss ich erstmals nach langen Meiningen-Jahren meine Karte vorzeigen: die Garderobiere macht das immer so, sagt sie, ich war offenbar nie in ihren Händen.

27. Februar 2020

Nachtrag: Das nahe andere Zimmer hat Ausblick auf das gegenüber liegende, leer stehende Hotel, die Kirche, auf die wir gestern noch von oben schauten, liegt nun seitlich. Nach dem Frühstück klopft es, eine Dame kommt mit einem Kuchen auf einem Teller mit Schoko-Schriftzug „Herzlicher Glückwunsch“ und zwei weiteren Tellern nebst Messern und Gabeln, weil heute mein Geburtstag ist. Wir verspeisen den Kuchen in einer späteren Sauna-Pause. Den Kaffee dazu holen wir selbst an der Bar. Mein Werklein zu Iwan Goll steht im Netz, mein Werklein zu Ludwig Rubiner ist um drei Monate zu einem anderen passenden Termin geschoben, dafür lese ich im Hotel noch dem Rest von „Süßer Vogel Jugend“ und ein längeres Kapitel aus den Memoiren von Tennessee Williams, wo ich Dinge erfahre, die ich so genau gar nicht wissen wollte. Es kommen Geburtstagswünsche von den Galapagos-Inseln, woher ich weniger als selten Geburtstagswünsche erhalte: Freude umso größer.

26. Februar 2020

Nachtrag: Erst zum zweiten Male siedeln wir in unserem Hotel in Bad Kissingen in der vierten Etage und es begann mit einer mittleren Ärgerlichkeit: der Tiefgaragenplatz war nicht reserviert. Folgte die zweite mittlere Ärgerlichkeit: Auf der Innenseite der Balkonschiebetür tropfte es auf den Leichtmetallrahmen, was unangenehme Geräusche macht. An der Rezeption freundliche Auskunft: der Techniker kommt sofort. Kam aber nicht, denn in Kissingen, was wir nicht wussten, werden am Faschingsdienstag ab 13 Uhr die Bürgersteige eingerollt wie in Süditalien am Ostermontag: nichts geht mehr, alles ist geschlossen. Als wir nach dem üblichen Erstspaziergang zur fränkischen Saale wieder im Zimmer sind, ist alles still, nichts tropft, der Techniker war da. Irrtum, spricht der Igel bekanntlich, wenn er von der jeweiligen Klobürste klettert: 4.54 Uhr erwache ich heute, weil es laut und lauter tropft, nichts hilft. Mittags tropft es immer noch, wir ziehen in ein nahes anderes Zimmer.

25. Februar 2020

Als Kind war ich oft krank, wenn die närrischen Tage ihren so genannten Höhepunkt erreichten, jetzt bin ich, wenn ich von den da und dort schmerzenden Stellen absehe, die ich dem Alter in die ausgelatschten Schuhe schiebe, halbwegs gesund. Weshalb ich, eines nahenden Festtages wegen, die heimatlichen Gefilde verlasse, um ein wenig Wellness plus üppige Halbpension über mich ergehen zu lassen. Das abendliche Hauptgetränk wird ein Silvaner aus der Literflasche sein. Falls ich auch in diesem Jahr wieder eine nette Karte von meinem Bundestagsabgeordneten bekomme, dazu eine nicht weniger nette Karte von meinem Landtagsabgeordneten, dann werde ich sie erst lesen, wenn der Jubel schon ein Ende hatte. Immerhin: als ich letzten Sonnabend mit sehr vielen Schritten in Beinen und Füßen die Leibnizstraße überquerte, stand da mein Bundestagsabgeordneter auf dem Bürgersteig, mit dem Mitteldeutschen Rundfunk telefonierend. Schweigen bis Freitag.

24. Februar 2020

In Wien hat einer, dessen Name hier verschwiegen wird, aus „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ eine Wiener Burgtheater-Melange gequirlt, weil ihm offenbar aufgefallen war, dass beide Stücke in Venedig spielen. Granaten-Idee das, die ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, was man alles in einen Theaterabend mixen kann, nur um kein Stück spielen zu müssen, wie es geschrieben steht. Auch ist die Idee, einen städtischen Handlungsort herauszugreifen, ja nur ein bescheidener Anfang. Man könnte Stücke mit Förstern verhäkeln oder Stücke, die an Waldrändern spielen. Tante Emmi in Iwan Golls „Methusalem“ schlägt vor, die Zensur möge die Gretchen-Rolle aus dem „Faust“ tilgen, weil Träumen in die sittliche Verderbnis führt. Falls es den Linken im Osten gelingt, die CDU zurück in ihre Blockpartei zu verwandeln unter dem Label Verantwortung, dann wäre das etwas fürs Buch mit Treppenwitzen der Geschichte. Dann müsste Gretchen nur noch ein schwuler Mann sein.

23. Februar 2020

Für alle, die nicht wissen, was Entwertung von Begriffen ist: in Amerika sagt jeder Dödel vor nahezu jedem Wort, das er sagt, sehr viele kennt er meist gar nicht, „Fucking“. Wenn aber alles in dieser Nicht-Sprache Fucking ist, dann ist nichts Fucking. Früher hätte man das Logik genannt. Oder Fucking Logik, also etwas für alte weiße Männer. Wenn einer alles Sexismus, Chauvinismus oder Beleidigung nennt, was ihm gerade so aus dem Papierkorb an der Straßenecke ins Gesicht weht, dann haben die Begriffe keinen Sinn mehr, sie sind leer, genauer fucking leer. Am Abend ein Tatort, der keiner war, die Ermittler ermittelten nicht, die Spannung hatte Haushaltstag. Dafür bumste alles so ausdauernd und hairy wie in den letzten 82 Tatorten zusammen nicht. Kommt da eine fucking Sexwelle auf uns a la 1968, als die alten weißen Männer noch taillierte Hemden trugen und Schmalzlocken nach innen gerollt wurden? Wir sind, heißt das, wieder zu Hause. Bye, bye.

22. Februar 2020

Wie eigentlich immer, wenn wir mit dem ICE nach Berlin fahren, ist dieser pünktlich auf dem Hauptbahnhof. So auch gestern. Wie eigentlich immer, wenn wir in Berlin ankommen, fahren wir bis Savignyplatz und laufen durch den S-Bahn-Spielplatz. So auch gestern. Ich werde namentlich begrüßt an der Rezeption, ich zahle die Rechnung im Voraus mit der kapitalistischen Kreditkarte, mit deren Abschaffung die Linken hoffentlich noch warten, denn ich will nicht mehr erleben, wie linke Demokratie ohne Kapitalismus funktioniert. Ich hatte es 37 Jahre: man faltete einen Zettel und warf ihn in eine Kiste, wobei 98,7 Prozent Ja-Stimmen herauskamen. Der spätkapitalistische Schrittzähler beendete heute seinen Dienst bei 16.443 Schritten, sie führten unter anderem zum Mahnmal für die Sinti-und-Roma-Opfer der Zeit 1933 bis 1945. Man mag diese Zeit nicht mehr gern Faschismus nennen, weil jeder Idiot heute, was ihm nicht passt, blindlings Faschismus nennt.

21. Februar 2020

Nun geistert eine so genannte Hufeisen-Theorie durch die Medien. Man bekommt auf der Georg-Restle-Rampe sogar ein Modell zu sehen und dann folgen akademische Erklärungen, warum Modell und Theorie in die gegenwärtige Irre führen. Die Linken, heißt es klärend, wollen nur den Kapitalismus abschaffen, was bekanntlich vollkommen in Ordnung ist und seit 1917 mehrfach erfolgreich praktiziert wurde. Dagegen wollen die Rechten alles abschaffen, also sogar das frische Markenrecht an „Friday for Future“. Bye, bye, Hufeisentheorie, twittert Frau Kipping, die in ihrer Grundschule vermutlich nicht Hannah Arendt hörte, die das Hufeisen noch Totalitarismus nannte. Und das war an die 70 Jahre Staatsdoktrin aller Parteien in Deutschland. Man achte im Fernsehen auf die Formulierung: Dieses Land. Einige sagen immer: Dieses Land. Andere sagen: Unser Land. Nun könnten ein paar arbeitslose Alt-Akademiker einmal erforschen, wer dies und wer das sagt.

20. Februar 2020

Wann geht man schon am Vormittag ins Theater? 11-Uhr-Vorstellungen, die ausverkauft sind, aber trotzdem besucht werden dürfen, weil einige immer nicht kommen, sind für Schüler gedacht. Wenn es halt keine anderen passenden Termine gibt, dann hin: Seit 2009 war das meine zehnte „Kabale und Liebe“ im Parkett, hinzu kommen zwei Verfilmungen, eine Inszenierung auf DVD, sechs meiner Kritiken stehen im Netz, die neue von heute auch schon, weil sie sonst liegen geblieben wäre. Zum Aufwärmen las ich am Morgen zwei der zwanzig Kabale-Kritiken, die Theodor Fontane hinterlassen hat. Wie fast immer, seit ich diese Seite seines Werkes zu meiner ständigen Lektüre gemacht habe: Begeisterung. Was war das für ein Kritiker, Ausrufezeichen. Da sollte der eine oder andere Schauspieldirektor mal einen kleinen Lektüre-Kurs wagen: diese Kritiken leben noch immer, obwohl alle Beteiligten auf der Bühne längst vergessen sind. Und viele der Stücke natürlich auch.

19. Februar 2020

Fünfjährige Menschen verhalten sich am Telefon, gratuliert man ihnen zu ihrem Geburtstag, nicht wie Kanzlerkandidaten, die nach ihrem Programm gefragt werden, das sie nie haben. Fünfjährige schweigen am Telefon und blasen dabei Luft durch die Nase. Die Gratulanten sehen etwas später diejenigen Geschenke, die schon vor Ort gestapelt sind und haben versprochen, in Bälde weitere auf diesen Haufen zu tun. Soweit das wirkliche Leben. Ansonsten muss ich einfach eingestehen, dass ich gestern natürlich auch ein Wort über Gustav von Wangenheim im Tagebuch hätte verlieren können und nicht nur in meinem etwas längeren Beitrag zur Lage der Wangenheim-Nation. Ich bin aber kein Tagebuch-Trump, mein Motto heißt nicht: Tagebuch first. Ansonsten ruft Maischberger heute auf, mit ihr am 11. März in Erfurt zu diskutieren. Ich würde gerne mit Sandra Maischberger diskutieren, aber vielleicht brächte ich kein Wort raus, weil ich sie anstarren würde, ich Fanblock.

18. Februar 2020

Die mediale Sinkflug-CDU Thüringen mag die Spielchen nicht, die diejenigen ihr antragen, die vorher von Spielchen der CDU redeten. Sie favorisiert weiterhin eine Expertenregierung. Man könnte sich zum Beispiel einen erfahrenen alten Chorleiter im Kulturressort, einen Busfahrer als Verkehrsminister, einen Professor, der beide Doktorarbeiten selbst und selbständig geschrieben hat, im Wissenschaftsministerium vorstellen. Lenins berühmte Köchin erhielte vielleicht eine zweite Chance, sie könnte die Staatskanzlei leiten. Wenn das nicht klappt, müssen wir weiter warten, bis neue Amateure in ihre Büros einziehen und jeden Expertenrat verschmähen. Ich als Experte wäre vermutlich ein ziemlich guter Staatssekretär für Theaterkritik, ich würde das Pressekartenverbot für Menschen, die gar nicht als Kritiker tätig sind oder nur zweimal im Jahr, nicht an die Spitze meiner Agenda setzen. Ich würde sie ruhig ihre Privilegien genießen lassen, Privilegien sind feine Sachen.

17. Februar 2020

Vor vielen, vielen Jahren war ich journalistischer Zeuge, wie der SPD-Pfarrer Andreas Enkelmann die CDU-Pastorin Christine Lieberknecht nach allen Regeln der Kunst und sichtbar genießerisch vorführte. Schauplatz, wenn ich mich nicht sehr täusche, war die Mensa III der TU Ilmenau auf dem Ehrenberg. Lieberknecht wurde später Ministerpräsidentin, Enkelmann wurde später nichts, was er selbst sicher anders sieht. Jetzt soll Lieberknecht wieder Ministerpräsidentin werden, wenn es nach dem gescheiterten Ministerpräsidenten Bodo Ramelow geht, sie darf dann auch drei oder vier Minister ernennen, heißt es in den Abendnachrichten. Die und alle anderen Nachrichten tun, was Politik laut Journalismus nicht tun soll, Personaldebatten am Kochen halten. Es ist eine helle Freude, wer vor die Kameras gezerrt wird, um dieser oder jener journalistischen Wahrheit Drive zu verleihen. Auch wenn es nur scheint, als wäre Friedrich Merz kein Freund der guten alten Medien.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround