Tagebuch
16. Juli 2018
Das Gefühl vor dem Aufstehen täuschte: nach dem Aufstehen befand sich der Schmerz an seiner angestammten Stelle. Ich zahlte einige Rechnungen, schichtete einige Millionen um, hängte das Badetuch auf den Balkon. Vielleicht würde etwas Schlangengift als Einreibung helfen, immerhin ist heute der Weltschlangentag. Ich werde meine Ärztin, ehe sie in den wohlverdienten Urlaub geht, konsultieren, auch mein Zahnarzt geht in seinen wohlverdienten Urlaub, den konsultiere ich auch, allerdings nicht wegen der Schmerzen. Ich pendle ein wenig zwischen Theodor Fontane und Gottfried Keller, bin also nicht auf der Höhe der Zeiten. Vielleicht gibt heute Donald Trump ja Alaska an Russland zurück oder er kauft die Nordtrasse, damit wir von ihm und nicht von Putin abhängig sind. Vorsorglich wurde gestern schon mal Honecker gezeigt beim Unterzeichnen der Schlussakte von Helsinki. Das waren Zeiten: alle erkannten uns an, obwohl wir fast niemand waren.
15. Juli 2018
Nachtrag: Fronkraisch ist Weltmeister: Fronkraisch, Fronkraisch! Dergleichen Weltmeisterschaften konfrontieren friedliche Drittstrophen-Sänger immer wieder mit Nationalhymnen-Texten, gegen die die Hoffmann von Fallerslebens apostolische Baghvan-Gesänge sind. Nun denn: mit Asche auf dem Haupt singt es sich nicht inbrünstiger als mit der Faust links des Brustbeines. Vor allem ist es jetzt vorbei und wir wissen, wer in Katar in der Vorrunde ausscheidet. Für die Länge meines gestrigen Paustowski-Textes bitte ich mich selbst um Verzeihung: wer seltener schreibt, schreibt mehr. Die Strafe: ich bin in einen sonntäglichen Schmerzpatienten verwandelt, etwas ist mir kräftig ins Gebälk gefahren, was mich weder sitzen noch liegen lässt. Das Alter, Alter! Wäre noch nachträglich der Prozession zu gedenken, die wir in Vierzehnheiligen sahen. Da haben die Nothelfer stramm zu tun, immerhin drei Frauen unter ihnen. Zu mehr als zwei alten Krimis am Abend fehlte die Kondition.
14. Juli 2018
Nachtrag: Wer Bad Staffelstein sagt, muss auch Kloster Banz sagen und Basilika Vierzehnheiligen. Zirka 112 Prozent aller Menschen, die ich meine Mitbürger nennen würde, waren zehn Minuten bis eine Dreiviertelstunde nach der Maueröffnung im Kloster Banz und in Vierzehnheiligen, später reisten Busse voller in den Ruhestand versetzter Funktionäre des dahingegangenen Arbeiter- und Bauernstaates mit dem Pressesprecher ihres Vereines hin, um vor Ort Gruppenfotos für die örtliche Lokalpresse zu verfertigen, die zweispaltig quer gedruckt wurden, damit man einzelne Gesichter nicht erkennen konnte. Unsereiner belichtete sich mit 28 Jahren Verspätung vor Ort per Selfie-Stick. Vorher aber ein Beutezug in einem REWE-Markt: 26 neue Biersorten, dazu das neue Wissen, das Bad Staffelstein über 10 (in Worten: zehn) Brauereien verfügt. Da werde ich sicher noch einmal zuschlagen müssen. Belgien schlägt England in Abwesenheit britischer Offizieller: selber schuld.
13. Juli 2018
Nachtrag: Zu Helga Königsdorfs 80. Geburtstag hätte ich gern etwas geschrieben, aber es gibt aktuell andere Themen für mich. Heute ein ganz schlichtes: ich aale mich in der Obermain-Therme zu Bad Staffelstein nach dem Genuss des gestrigen 4-Sterne-Begrüßungsmenüs im Hotel „Zum Löwen“ mit einem Dessert, das jedes Diabetikerherz höher schlagen lässt. Wir tranken auf unserem Balkon später unter anderem einen trockenen Riesling aus Brandenburg, der den schönen Namen „Marbachs Wolfshügel“ trägt und nur Brandenburger Landwein heißen darf wegen des deutschen Weinrechts. Kelo-Sauna, Nurmi-Sauna, Ruusu-Sauna und Suuri-Sauna, zwischendurch eine kleine Husche von oben, im Sole-Becken treiben wie Strandgut, alles bestens. Die erstaunliche Tatsache, dass wir auf unsere Bahncard 25 Rabatt auf den Eintritt bekommen. Der doppelt so hoch ist wie der für die Gästekarte. Meine beiden neuen Gascogner finden den freilich erwarteten Beifall der Runde.
12. Juli 2018
England ist raus: eine Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges mit anderen Mitteln wird es am Sonntag in Moskau nicht geben. Ob die kroatische Staatspräsidentin wieder in der Kabine mit ihren Helden hüpfte, ist nicht bis zu mir gedrungen. Unsere Kanzlerin muss auf alle Fälle nicht hüpfen, weder in einer Kabine noch irgendwo. In einem Märchenstück, das ich gerade zu nützlichem Zweck las, sagt die 13-jährige Besitzerin eines vermeintlichen Zauberringes: „Ich kauf mir jetzt ’n Sportauto, lad es mit Bonbons voll und fahr, wohin ich will. Und lutsch Bonbons. Bis nach Moskau fahr ich. Und guck beim Fußball zu.“ Dummerweise erschien das Stück schon 1947. Der damalige Diktator Stalin war nicht auf die Idee gekommen, sich eine Weltmeisterschaft ins Land zu holen, damit die Weltpresse etwas zu maulen hatte über Sport und Politik. Heute ist nebenbei auch noch 150. Geburtstag von Stefan George. Ich konnte mit ihm nie etwas anfangen, also heute auch nicht.
11. Juli 2018
Harold Bloom, fleißiger Amerikaner, der das wunderbare Buch „Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen“ geschrieben hat, wird heute 88 Jahre alt. Für mein von der Kritik in Meiningen und Umgebung vollkommen unauffällig gefeiertes Shakespeare-Buch „Wie es mir gefällt“ übernahm ich seinen Chronologie-Vorschlag der Abfolge der Stücke. Vor 104 Jahren starb in Berlin Julius Rodenberg, mit dem Fontane in einem regen Briefwechsel stand, kurz nach seinem 83. Geburtstag. Rodenberg steht in meinem Regal zwischen Wilhelm Raabe und Carl Justi, was wenig zu bedeuten hat. Hans-Heinrich Reuter, Fontane-Biograph und Herausgeber der „Briefe an Julius Rodenberg“ hat immerhin rund vierzig Seiten Einleitung dazu verfasst, das Nachwort zu Rodenbergs „Bilder aus dem Berliner Leben“ stammt von Heinz Knobloch, dem Großmeister des DDR-Feuilletons und Groß-Berlinologen. Ob ich heute für England bin oder für Kroatien, entscheide ich nach dem Spiel.
10. Juli 2018
Mir fehlte von den alten Goethe-Almanachen aus DDR-Zeiten nur der eine von 1969, die beiden Jahrgänge davor und danach besaß ich seit langen, nutzte sie gelegentlich. Jetzt ist das Fehlstück in der Post und beim Blättern entdecke ich einen Zettel aus dem Jahr 1975 zwischen den Seiten 180 und 181. Gedruckt sind dort Lebensregeln von Christoph Wilhelm Hufeland. Auf dem Zettel steht: „Hat Mamachen gelesen, als sie Sept. 1975 zum letztenmal in Berlin bei uns war.“ Darunter in etwas anderer Schrift: „2. Juli 1976 Mamachen zum letztenmal im Garten!“ Es ist gar nicht wichtig, wer Mamachen war. Die Lebensregeln nennen sich im Untertitel „Eine Makrobiotik in Merkversen“ und die Makrobiotik ist dankenswerter Weise gleich erklärt mit: = Kunst, das Leben zu verlängern. Ich zitiere: „Mit Milch fängst du dein Leben an, / Mit Wein kannst du es wohl beschließen, / Doch fängst du mit dem Ende an, / So wird das Ende dich verdrießen.“ Sage einer was gegen Hufeland.
9. Juli 2018
Die gestrige Mameladenproduktion ist im Keller verstaut, langsam füllen sich Regal und Eisschrank wieder, die Restbestände von 2017 werden immer überschaubarer. Mitten in einem russischen Märchenstück entdecke ich eine Stelle, die vollkommen unbedeutend ist, mir aber ein Detail aus der Armeezeit ins Gedächtnis ruft: das Nähzeug im Käppi-Futter. Tatsächlich, wir hatten so etwas „am Mann“, wie das hieß. Es gab Pflicht-Dinge, die man „am Mann“ zu haben hatte, aber ebenso Kür-Dinge: ein Unteroffizier, mit dem ich auch nach der Entlassung im April 1973 noch eine Weile in Briefwechsel stand, führte Schmalz und Gewürze mit sich „am Mann“, um im Fall der Fälle etwas braten zu können: Pfifferlinge zum Beispiel, die uns auf dem Truppenübungsplatz Wittstock zu Millionen geradezu ins Kochgeschirr hüpften: Wohl uns, die wir einen Mann mit Bratfett und Gewürzen dabei hatten, gelagert in einer zweckentfremdeten Munitionskiste, NVA-grün gestrichen.
8. Juli 2018
Das Schöne an dieser Fußballweltmeisterschaft ist, dass wir am nächsten Sonntag wissen, wer 2022 in Quatar in der Vorrunde kläglich scheitern wird, Russland ist es nicht. Erst weitere vier Jahre später spielen dann so viele Mannschaften Vorrunde, dass selbst Vizeweltmeister sie überstehen werden. Es ist denkbar, dass bei der kommenden Winter-WM bei Ölscheichs auch die Superstars und ihre Wasserträger wegen der noch jungen Saison in den Hauptländern bei Kräften sind, die meisten Spiele werden noch vor ihnen liegen. Ob der DFB und seine Oberen sich aufraffen, künftig mehr Kaltz-Flanken und Hrubesch-Kopfbälle zu trainieren, wissen wir noch nicht, die Zeit der Analysen hat erst begonnen, die Zeit der Schlussfolgerungen folglich noch nicht: erst die Diagnose, dann Therapie, sagt der Apotheker. Derweil hat eine Überprüfung ergeben, dass die Sauerkirschen noch etwas Sonne vertragen können, die Johannisbeeren aber (weiß und rot) sind marmeladenreif.
7. Juli 2018
Zwei Stunden dieses Tages sind schon vergangen, als wir aus Bad Hersfeld zurückkehren auf unseren heimischen Parkplatz. Der schöne Parkausweis für den Presseparkplatz dort hat uns nichts genützt, es war, wie zu erwarten, alles voll, das Parkhaus, welches wir wie in den vergangenen Jahren nutzen wollten, ebenfalls, schließlich stellten wir uns dorthin, wo wir unsere erste Festspiel-Visite einst begonnen hatten, mit gleich zwei Presseausweisen. Am großen Aufgalopp mit rotem Teppich drückten wir uns vorbei, sahen dennoch genug posierende und nicht posierende Prominenz. Wolfgang Bosbach fehlte in diesem Jahr offenbar, dafür stand Volker Bouffier im Scheinwerferlicht. Franziska Reichenbacher in Signalrot wurde derart intensiv belichtet, dass es fast wie in Cannes war oder auf dem Lido in Venedig. Für uns heute vor allem Müdigkeit, geistige Nachbereitung und mehr Fragen als Antworten. Kann Nina Petri nur Nina Petri? Und was kann Anouschka Renzi?
6. Juli 2018
Als der schon in die rechte Ecke gedrückte Skandal-Schweizer Christian Kracht sich unlängst als Missbrauchs-Opfer outete, ging das Feuilleton in sich: muss man nun alles neu lesen, was er schrieb seit „Faserland“? Jetzt hat Bodo Kirchhoff sich auch als Missbrauchs-Opfer geoutet, zu allem noch passend zu seinem heutigen 70. Geburtstag. Wäre ich Aufmerksamkeitsökonom, das ist eine noch ziemlich junge Disziplin mit peinlichen Durchblicken auf unser gesamtgesellschaftliches Sosein und Verfasstsein, hätte ich nun schlechte Tage mit mir. Es ist heute auch Gedenktag für Jan Hus, der in Konstanz öffentlich verbrannt wurde 1415, der ARD-Videotext verschweigt den Ort seines Todes. Ich verschwieg gestern die WIKIPEDIA-Sünde an Vera Oelschlegel: ihre Erstaufführung von „Quartett“ im TiP kennt die Netz-Enzyklopädie nicht, dafür ziemlich jede West-Aufführung. In Bad Hersfeld sehe ich heute „Peer Gynt“, die Eröffnungsrede vorher hält Vizekanzler Olaf Scholz.
5. Juli 2018
Wenn es in der DDR Society-Nachrichten gegeben hätte, gar eine Yellow Press, dann wäre Vera Oelschlegel sicher hier und da in die Schlagzeilen geraten. Sie erreichte die Ehezahl von Elisabeth Taylor nicht annähernd, selbst Joschka Fischer und Gerhard Schröder murmelten öfter „Ja, ich will!“, aber sie legte eine Ehemänner-Folge hin, die mich noch heute irritiert, wenn ich zufällig auf sie stoße: Erst Günther Rücker, dann Hermann Kant, schließlich Konrad Naumann. Ich erinnere mich gut halblauter Debatten Mitte der 80er Jahre: Wen sollen wir uns wünschen als Nachfolger Honeckers: Krenz, Naumann oder Schabowski? Krenz wollte niemand, vor Naumann empfand man in einschlägigen Kreisen regelrecht Angst. Blieb Schabowski, der dann ja immerhin noch die Mauer plautzen ließ. Vera Oelschlegel ist heute 80 Jahre alt, ihr „Theater im Palast“ habe ich nie von innen gesehen, obwohl dort auch Heiner Müller gespielt wurde: die DDR-Erstaufführung von „Quartett“.