Tagebuch
4. Juli 2018
Schriftsteller, die mit 92 immer noch keinen vernünftigen Literaturpreis bekommen haben außer der silbernen Ehrennadel des Anglerverbands für einen Regionalkrimi, in dem ein Kormoran-Mörder von einem Richter, dessen Bruder Forellen züchtet, mangels Beweisen freigesprochen wird, nennen Schriftsteller, denen im Abstand weniger Jahre alle wichtigen und etliche weniger wichtige Preise zufallen, gern Preisabwurf-Stelle. Die Nachricht, der diesjährige Georg-Büchner-Preis falle an Terézia Mora, ließ mich sofort meinen betreffenden Archiv-Ordner hervorziehen: Mora bekam erst den Ingeborg-Bachmann-Preis, später den Deutschen Buchpreis und jetzt also diesen. Das ist ihr zu gönnen. „Kopf unter Wasser“ heißt der älteste Text über sie, den ich finde, gedruckt im SPIEGEL am 4. Oktober 1999. Der SÜDDEUTSCHEN antwortete sie 2004 auf die Frage „Wann stehen Sie eigentlich auf?“ so: „Wenn ich wach bin, stehe ich auf.“ Sie hatte damals 5 Meter zum Schreibtisch.
3. Juli 2018
Die Enthorstung zum heutigen plastiktütenfreien Tag hat leider nicht geklappt, es hilft wenig, an Jim Morrison und Brian Jones zu denken, die 1971 und 1969 den irdischen Gefilden entschwebten, Kafkas Geburtstag spielte beim Finden dieses herrlichen Kompromisses, den man längst hätte finden können und müssen, sicher keinerlei Rolle, Manfred Bieler noch weniger. Der entfloh zwar aus der DDR, aber erst in die Tschechoslowakei mit ihrem Prager Frühling. Die Nationalmannschaft hat neben allem, was sie verlor, auch noch den Platz 1 in der ewigen Torschützenliste bei WM-Turnieren an Brasilien verloren, das gestern Mexiko zeigte, wie man es besiegt. Wenn man auf einem Konto sehr lange keinerlei Aktivitäten hat, erlischt das SEPA-Lastschriftmandat von allein, man muss es dann auf dem Wege einer Erneuerung wieder in Kraft setzen, in der Zwischenzeit kann man dem leeren Konto keine Auffrischung zukommen lassen. So bin ich heute ein Banklehrling.
2. Juli 2018
Die Enttäuschung über den Horst hat mir gestern den Abend verhagelt, eben noch die beiden netten Elfmeter-Duelle, dann plötzlich eine jähe Unterbrechung und auf dem Smartphone kam schon die Nachricht von SPIEGEL online, der Horst sei von seinen Ämtern zurückgetreten. Ich dachte: Horst, dachte ich, das geht doch nicht, du kannst doch der Angela nicht zuvorkommen, die dich rauswerfen muss und dann saß ich, zappte und zippte durch die Nachrichtenkanäle und alle sonstigen und stets hieß es, es werde in Kürze eine Pressekonferenz geben. Derweil standen alle Korrespondenten in München und Berlin und sagten wortreich nichts, nur der Heiner Bremer war stinksauer, weil eine Regionalpartei meint, die deutsche Politik bestimmen zu müssen. Wenn das die PDS einst gewollt hätte, der hätten wir aber die Schaukästen vor der Parteizentrale zertreten. Das hat Heiner natürlich nicht gesagt. Also der Horst könnte jetzt mit einem schönen schnellen Rücktritt Europa Gutes tun.
1. Juli 2018
Ein gutes Stündchen nur brauchen wir von Bad Kissingen bis Ilmenau, ich warf noch ein gerolltes Scheinchen in die Sammelbox für Trinkgelder nach dem Frühstück, das Trinkgeld für die Masseuse (oder Masseurin) mit dem böhmisch-mährischen Akzent taucht auf der Zimmerrechnung auf. Der Tiefgaragen-Stellplatz kostet pro Nacht so viel wie der in der Berliner Wielandstraße, den wir aber zuletzt kaum brauchten, weil wir die Bahn benutzten. Wir buchen das erste Halbjahr 2018 unter „gelaufen“, die endgültige Bewertung überlassen wir der Nachwelt. Der aktuelle SPIEGEL lässt die Farben unserer Flagge vertropfen und hat die Titelzeile „Es war einmal ein starkes Land“. Wenn ich in den Keller gehe, kann ich mir dazu passend diese Überschrift bildlich machen: „Es war einmal ein starker SPIEGEL“. Mehr als 300 Seiten stark war er und wesentlich preiswerter als heute, wie das Land, so sein SPIEGEL, möchte man sagen, nur tröstet es kaum. Die Titel sahen besser aus.
30. Juni 2018
Für meine Aromaöl-Massage wähle ich den Duft Minze. Es hätte auch Zitrone gegeben, Orange, selbst Lavendel. Komischerweise bringe ich Lavendel immer mit England in Verbindung, obwohl ich natürlich die herrlichen Fotos von Lavendelfeldern kenne, die Ärzte gern in ihre Wartezimmer hängen. Die zeigen immer Südfrankreich. Die Masseuse (oder Masseurin) spricht mit einem Akzent aus dem Osten Europa, mit anderen Akzenten sprechen die Damen und Herren an der Rezeption, mit wieder anderen die Damen auf den Fluren, die die Betten aufzuschütteln und die Handtücher zu tauschen haben. Fränkischen Dialekt sprechen die Menschen in den Läden, soweit es keine Eisdielen oder Dönerbuden sind, eine Laugenstange erwirbt man unter rollendem R. Inzwischen haben sich auch Argentinien und Portugal von uns Fußballfreunden verabschiedet, ein Mann mit russischem Akzent verunsichert uns in der Bio-Sauna, indem er „unser“ Ausscheiden thematisiert.
29. Juni 2018
Mein Tagebucheintrag vom 29. Juni 2008 beginnt so: „Seltsam unaufgeregt haben wir diese Endspielniederlage hingenommen, weil sie nicht vollkommen niederschmetternd war, weil sie verdient war, und vor allem, weil so wirklich die beste Mannschaft des Turniers Europameister geworden ist.“ Der Rest ist eher privat, Anrufe kamen damals noch aus Hamburg und nicht aus Berlin. Der Europameister hieß Spanien. An diesem fußballfreien Freitag fahren wir, uns auf den Rest der Spiele neutral freuend, ins benachbarte Frankenland, das leider die Verantwortung, einen Markus Söder hervorgebracht zu haben, schlecht von sich weisen kann, es aber mit zwei Stunden „All inklusive“ tapfer wieder gut zu machen versucht. Wir nehmen wie fast immer den Silvaner des Tages, um später mit fränkischer Domina fortzusetzen. Von welchen Spielern wir einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erwarten, verraten wir nicht, auch nicht den Emigrationshintergrund.
28. Juni 2018
Eines ihrer großen Herzensanliegen hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während dieser Weltmeisterschaft dann doch realisiert: die Begegnung mit Brasilien im Achtelfinale zu vermeiden. Sie hat dummerweise gleich das Achtelfinale mit vermieden, aber dergleichen Kollateralschäden kommen vor. Wir erinnern uns an Versuche, die Freiheit in Ex-Jugoslawien per Bombenabwurf zu verbreiten und der dabei erfolgten Treffer auf eine Schweizer Botschaft. Der Vergleich hinkt natürlich, aber Hinken ist immerhin Fortbewegung, was die anderen Vergleiche tun, erfahren wir selten. Die Genossenschaft, der ich angehöre, schüttet auch in diesem Jahr wieder Dividende aus, den Beschluss fassten wir alle gestern einstimmig. Dass die wunderbare Niedrig-Zinspolitik des Weltimperialismus nun alle Inhaber von Lebensversicherungen schädigen wird, freut nicht einmal die Kommunisten unter den Versicherten, obwohl die sich immer freuen, wenns knirscht im Gebälk.
27. Juni 2018
Victor Auburtin, der vor genau 90 Jahren in Garmisch-Partenkirchen starb, schrieb über Goethe und dessen Harzreise im Winter 1777: „Der bestieg sein Pferd, auf dem er ganz allein saß, und war nie darüber in Sorge, ob er den Anschluss in Halberstadt erreichen oder verfehlen werde. Sein eigener Herr und Meister, ritt er das Tal hinauf, mit den Augen die Gesteinsart der Bergwände prüfend und im Herzen den nächsten Brief an Charlotten konzipierend.“ Er selber, so Auburtin, sitze unter 60 Leuten in einem Speisewagen genannten Kasten, alle äßen gleichzeitig und im Takt Kabeljau mit Mostrichsoße. So wandelten sich früher die Zeiten. Vor 50 Jahren, als Studierende noch Studenten hießen, weil es als unsicher galt, ob sie wirklich studierten und nicht nur mit Studentenausweis preiswert ins Kino zu gelangen suchten, wurde der Dichterin Marie-Luise Kaschnitz von der philosophischen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt/M. der Ehrendoktor-Titel verliehen.
26. Juni 2018
Zwölf Jahre ist es schon wieder her, dass bayerische Jagdgenossen die Obergrenze für Problem-Bären in ihrem Sonderterritorium mit der Schusswaffe auf null reduzierten. Bruno, ein pelziger Einwanderer ohne gültige Papiere mit Appetit auf alles, was auch Bayern gern essen, war ein Einzelgänger, wie das unter männlichen Bären so üblich ist. Wäre er im Rudel aufgetreten, hätte man ihm vielleicht den einen oder anderen ehemaligen Truppenübungsplatz zur Verfügung stellen können, dort wachsen bekanntlich seltene Pflanzen und leben seltene Tiere. Lachswanderungen finden leider selten in solchen Gegenden statt, aber als Bärennahrung taugliche Ziegen ließen sich problemlos auswildern. Ob Peter Rosegger zu allem eine Meinung gehabt hätte, ahne ich nicht, er starb heute vor 100 Jahren und wenn mein Archiv zu allen alten Österreichern so wenig enthielte wie zu ihm, hätte ich gar kein Archiv, denn an seiner Stelle klafft eine Leerstelle, glatte Fehlanzeige.
25. Juni 2018
Natürlich lässt sich ins Tagebuch auch am späten Abend schreiben. Das hat den Vorteil, dass man schon weiß, wie Spanien und Portugal gespielt haben. Man darf sich bei dem Gedanken trösten, wer außer uns noch so von der Partie ist, wenn es gilt, keinesfalls den Topfavoriten zu markieren. Neben Fußball beschäftigen mich die Herren Goethe und Ibsen. Dem einen ringe ich Stoff für ein Büchlein ab, dem anderen die Substanz für meinen nächsten Theatergang unter fast freiem Himmel, der näher rückt und mit viel offiziellem Brimborium vorher verbunden ist. Ich habe Marmeladenetiketten geklebt, Flaschen in die Glascontainer getragen, die Papierkiste geleert. Ein bisher unbekannter Wein aus der Campagna fand unseren Beifall, einer aus der Gascogne war zwar im Prospekt, nicht aber im Regal. Auf alle Fälle weiß ich jetzt, dass der Einräumer für die Regale abends kommt. Das sind Informationen, die man im fortgeschrittenen Alter schätzen lernt, ohne sie zu überschätzen.
24. Juni 2018
Helmut Kohl würde von der Gnade des späten Tores sprechen. Lang ist es her, dass er nach dem Abstieg seines 1. FC Kaiserslautern witzelte, die müssten nun gegen den SV Meppen spielen. Die Mannen vom Betzeberg sind inzwischen in der Drittklassigkeit angekommen, wo sich der SV Meppen längst bestens auskennt. Unsere Mannen haben nun nach dem Endspiel gegen Schweden ein Endspiel gegen Südkorea, die Dramaturgie ist anders als bei Samuel Beckett, nach dessen Endspielen selten Kanzlerdämmerungen ausgerufen werden oder auch nur Trainerwechsel. Wenn ich derzeit Journalist wäre, müsste ich mein mangelhaft ausgeprägtes Sensations-Gen bedauern und beweinen, denn ich sitze nicht zitternd an den Volksempfängern des Reichsbundesrundfunks, um neue Selbstmordnachrichten aus München und Umgebung zu vernehmen. Mögen Horst und Markus und Alexander am Gewölle ersticken, das sie auswürgen, bildlich gesprochen natürlich, mögen sie.
23. Juni 2018
Am 23. Juni 2008 las ich nicht nur 40 Seiten in Goethes „Dichtung und Wahrheit“, ich hatte in Arnstadt auch Sitzung des Kreistagsausschusses, dem ich als berufener Bürger angehörte und dessen exakter Name mir nicht einfallen will und des Nachsuchens auch kaum wert scheint. Es war der Ausschuss, der für Abfall zuständig war, für Landwirtschaft und Umwelt. Ich verkniff es mir nie, mindestens einen Redebeitrag zu liefern. An jenem Montag vermerkte ich mir auch eine kleine Hoffnung auf einen Sieg über die Türkei im EM-Halbfinale, was mit 3:2 zwei Tage später ja auch klappte. Heute ist, ich bin ehrlich, meine Hoffnung bescheiden wie die Anzahl der Deutschland-Fahnen in meiner Straße. Nur auf einem einzigen Balkon hängt ein Fähnchen, es ist ausgerechnet ein Balkon, dessen Mieter eine osteuropäische Sprache sprechen, ein kleiner dicklicher Sohn gehört dazu, der wohl den deutschen Fußball mag. Kein einziges Auto zeigt Fußball-Fieber wie seit 2006.