Tagebuch
22. Juni 2018
Wenn das Berliner Geburtstagskind Wolfgang zum nächsten Mal die Quersumme seines heute erreichten Alters errechnen kann, steht dahinter eine Schnapszahl und das derzeitige Alter von Landolf Scherzer. Soweit die Preisfrage. Ansonsten ist der 22. Juni für Fußball-Freunde ein Tag des Gedenkens: Diego Armando Maradona, der gestern fast verzweifelte, als er den tiefgefrorenen Lionel Messi über den russischen Rasen traben sah, schoss am 22. Juni 1986 sein Tor mit der Hand Gottes. Am 22. Juni 1974 schoss Jürgen Sparwasser sein Tor gegen den Klassenfeind mit dem Fuß. Horst Hrubesch schoss am 22. Juni 1980 mit seinen beiden Toren just diesen Klassenfeind zum Europameister-Titel. Heute starren wir auf morgen und die Schweden. Unsereins hat einen Onkel nebst zwei Cousinen in Schweden, die Cousinen blond wie einst Nina Lizell. Am Sonntag werden wir mit dem Onkel ohne die Cousinen anstoßen. Auf wessen Sieg, überlassen wir der Hand Gottes.
21. Juni 2018
Lange folgte dem gestrigen Geburtstag im Familienkreise ein heutiger, dem wiederum ein morgiger folgte, also der Juni zwang uns, Feierbiester zu sein. Der, dessen Geburtstag heute wäre, lebt nicht mehr, die anderen, die am 2. Juni, am 9. Juni und eben am 22. Juni herumjubilieren, die sind schon oder werden in Kürze Gesegnete der Deutschen Rentenversicherung sein, mich ereilt gar die wilde Erhöhung zum 1. Juli, noch bevor die erste Überweisung auf meinem Konto erschienen ist. Ein Teil der Jubilare hört nicht mehr perfekt, ein Teil der Jubilare benutzt Gleitsichtbrillen oder setzt zum Lesen die Brille ab. Manche sind Mitglieder von WhatsApp-Gruppen, andere nicht. Alexander vom Jahrgang 1922, dessen wir heute gedenken, sein Hochzeitsfoto mit Hilde von 1948 ziert eine Wand in unserem Wohnzimmer, das Foto von der Goldenen Hochzeit 50 Jahre später ist mit meiner alten NIKON 801 geschossen. Seit sie außer Dienst ist, fehlen neue Fotoalben, alles landet auf Chip.
20. Juni 2018
Wenn ich dereinst meinen Urenkeln am Kamin Gruselgeschichten aus der alten DDR erzählen muss, gehe ich vermutlich zügig ins Jahr 1984 zurück. Ich, ein noch leidlich junger Philosoph in befristeter Stellung, Vater einer Tochter, war im Begriff, ein zweites Mal Vater zu werden. Da beschloss man höheren Ortes, mich in ein studentisches ZV-Lager zu senden für einige Wochen, ZV hieß, man wusste das damals ohne Glossar, Zivilverteidigung. Die Dauer der Veranstaltung war so gelegt, dass die mir angetraute Gattin bis haarscharf an den vorausberechneten Geburtstermin allein zu Hause gewesen wäre, was höheren Ortes, wo der Mensch im Mittelpunkt stand, wie das damals hieß, niemanden interessierte. Letzten Endes gelang es, einige wenige Tage eher nach Hause fahren zu dürfen, was schließlich am 20. Juni zu einer Niederkunft führte, deren 34. Wiederkehr wir heute im engsten Familienkreise in der „Nassen Post“ feiern. Mit Oma des Geburtstagskindes, fast 90.
19. Juni 2018
Wenn ich heute in Berlin wäre, hätte ich mich vielleicht zum Tempodrom bewegt, wo Jeff Beck auftritt, den ich in letzter Zeit auf YouTube mit wachsender Begeisterung sehe. So verbuche ich nur den 200. Text in meiner Rubrik THEATERGÄNGE, ungewollt spät ins Netz gestellt und freue mich still, dass es ein Schiller geworden ist. Der Horst hat der Angela noch eine Frist gelassen, bis sie ihn als Innenminister entlassen darf, vielleicht nimmt Lampedusa dann einige bayrische Flüchtlinge auf, die innaufwärts zum Mittelmehr ruderten oder sich an unbemannte Kampf-Drohnen hängen und strandnah abspringen. Die Zehessu jedenfalls, statt wegen des steigenden Maß-Preises auf der nächsten Wies’n den Volksaufstand zu proben, liebt Spielchen, die angeblich ihre Wähler lieben. Ich erinnere mich noch einer sehr kleinen Gruppe, die in Arnstadt CSU spielen wollte 1989/90 und das verboten bekam. Vielleicht haben wir bald eine Allgäu-CDU und den CSU-Ortsverein Süderbrarup.
18. Juni 2018
Ich befinde mich in einem Motivationsloch, hervorgerufen durch eine unglückliche Kombination von Unzuverlässigkeit an einer Stelle, Unzuverlässigkeit an einer anderen Stelle und Seltsamkeiten an weiteren Stellen, denen ich mit Rationalität und Logik nicht beikomme. Das macht mich krank. So wartet auch mein Text über „Die Räuber“ noch auf mich. Immerhin gibt es auch Neues im alten Leben, ich verabschiede mich dieser Tage von meiner Kreditkarten-Kombination, der ich mehr als Vierteljahrhundert die Treue hielt. Es führt eben der Brexit, wir erinnern uns dunkel, da war was mit Großbritannien, dazu, dass meine Bank bald außerhalb der EU-Außengrenzen residiert und an eine ihrer Filialen übergeben müsste, die innerhalb dieser Grenzen fortexistiert. Grenzgänge von Banken aber will ich nicht an mir testen lassen. Testperson bin ich zunehmend weniger gern. Ein Brief an mich enthält den traurigen Hinweis, Vertrauensschutz habe der Gesetzgeber leider nicht vorgesehen.
17. Juni 2018
Nachtrag: Als wir (wir hier gehörten ja noch gar nicht dazu), also als wir vor 36 Jahren zuletzt das Auftaktspiel verloren gegen Algerien, haben wir uns später böse an den Algeriern dafür gerächt mit dem berühmt-berüchtigten Schweine-Spiel gegen Österreich in Gijón. Zur Strafe ist Italien zum dritten Mal Weltmeister geworden. Diesmal ist Italien gar nicht dabei und wenn wir es nun machen wie Frankreich, Italien und Spanien als amtierende Weltmeister, werden wir wohl zu Neuwahlen gelangen und nicht nur Horst wird sich zum Horst gemacht haben. In einigen dritten Programmen sind schon passende Untergangsszenarien vorentworfen und die Medien, also viele, viele Medien warten bibbernd auf den herrlichen Montagsskandal. Das bisherige Parteiensystem wird womöglich einfach weggepustet, mangels Macron-Doubles wählen wir vorübergehend so lange, bis es zu einer fragilen Koalition reicht, deren Protagonisten noch nicht einmal das ARD-Hauptstadt-Studio kennt.
16. Juni 2018
Nachtrag: Ich bin auf dem Weg zum Jungen Staatstheater Berlin, so heißt das und außerdem einfach Parkaue mit Flugzeug im Logo an einem großen roten Bau vorbeigekommen, den ich seit 42 Jahren und sechs Tagen nicht mehr sah, weil ich dort einfach nicht hinkam, wenn ich in Berlin war. Es ist das Rathaus Lichtenberg, in dem ich an einem schönen Junitag 1976 mein Jawort murmelte, ehe die nunmehrige Gattin mit etwas Mühe mir den Ring über den Finger schob. Der müsste zerschnitten werden, sollte er vom Finger, aus welchen Gründen auch immer. Nun gut. Mein Platz im Theater nannte sich Traverse rechts, ich hatte schlimme Befürchtungen, als ich das auf meiner Pressekarte las, aber es war ein normaler guter Platz mit guter Sicht auf Bühne und Scharen von Elftklässlern, die, wie ich hörte, im Kursteil „Sturm und Drang“, wählen dürfen zwischen „Kabale und Liebe“ und „Die Räuber“. Heute Halb-Marathon zu Fuß: Treptow mit Ehrenmal und die East Side Gallery.
15. Juni 2018
Wenn die einstige FDJ-Tageszeitung JUNGE WELT über die einstige SED-Tageszeitung NEUES DEUTSCHLAND und deren aktuelle Existenznöte in einer Weise berichtet, dass dabei auch nicht eine Nanospur Häme herausschaut, dann ist das, bedenkt man die politisch-ideologischen Gräben zwischen beiden, mehr als bemerkenswert. Aus JW-Sicht hatte ND nach 1989/90 wohl stets etwas von Verrat oder wenigstens Linienbruch, die reine Lehre immer wieder revidierend. Jetzt eine fast trotzig wirkende indirekte Solidaritätserklärung, man habe doch gemeinsam die Konterrevolution überlebt. Wie es wirtschaftlich mit JUNGE WELT steht, davon natürlich kein Wort. Stünde es besser, wäre die jetzt fehlende Häme sicher schon der Überschrift zu entnehmen. So weit gestern. Heute bin ich zwecks Doppelnachfeier von Geburtstagen in der Hauptstadt. Von Schillers Doppel-„Räubern“ im Monbijou-Theater und an der Parkaue gönne ich mir einen und schweige morgen.
14. Juni 2018
Vollsperrung des Rennsteigtunnels bei Heimreise aus Coburg? Das Vergnügen hätte ich mir gern gespart, ich wusste nicht mehr, wie viele Kurven es auf der alten Strecke gibt und wie wenige Fahrzeuge jetzt. Ich war allein. Einmal, aber schon zwischen Stützerbach und Meyersgrund, querte ein Häslein die Fahrbahn von rechts nach links, später, zwischen Meyersgrund und Manebach, querte ein Rehlein die Fahrbahn von links nach rechts, die gesperrte Ortsdurchfahrt Oberpörlitz auf dem Hinweg war ein Witzlein dagegen. Ich repetierte die Heimfahrten nach Streikmeetings 1996, da uns die Hirsche vom schnellen Fahren abhielten, man hupte vorsichtshalber wie sonst nur an der Amalfiküste wegen des Gegenverkehrs. Wieder ein solider Theaterabend, ich erstmals in der ersten Reihe des ersten Ranges zwischen Damen, die den Kopf auf dem Schwert lustig fanden, Macbeths Kopf, den Macduff in unsichtbarem Akte vom Rumpfe getrennt hatte. Bloody Shakespeare, bloody.
13. Juni 2018
Kann man in einem Luxus-Hotel seine Zelte aufschlagen? Wahrscheinlich eher nicht, es sei, man ist eine Fußball-Nationalmannschaft. Die deutsche muss in diesem Jahr nur 40 Kilometer von Moskau entfernt in einem Quartier campieren, das den Charme eines Schullandheims versprüht. Nun weiß ich zwar nicht, ob es den Sprüh-Charme in Flacons oder in Schaumseifen-Spendern gibt, ich habe jedoch, ohne je Nationalmannschaft gewesen zu sein, bereits einmal in einem Moskauer Olympia-Quartier genächtigt. Es war ein hohes Hochhaus. Versprüht wurde da nichts, aber es gab richtige Duschen, richtige Toiletten, richtige Fahrstühle und das Haus war hoch wie unsere in Lichtenberg, in denen die Genossen des Ministeriums für Staatssicherheit ihre Ein- bis Dreiraumwohnungen bewohnten, je nachdem, ob sie zwei, drei oder fünf Kinder hatten. Heute wäre der Journalist Jean Villain 90 Jahre alt geworden, ein seltsamer Schweizer, der in der DDR Reporternachwuchs erzog.
12. Juni 2018
Weil ich die Premiere nicht wahrnehmen konnte, was ja im Grunde nicht schlimm ist, sehe ich den Coburger „Macbeth“ erst morgen, mitten in der Woche bin ich sonst nie dort, aber anders geht es nicht, denn am Wochenende bin ich schon wieder in Berlin und dort sogar in einem Theater, in dem ich, Schande, streng genommen, noch nie war, um meine Schiller-Stoffe auszupolstern. Ich hoffe, dass die ringsumher darnieder gehenden Starkregen und Hagelfälle nicht ausgerechnet mich treffen. Immerhin: heute sitze ich noch trocken an meiner Shakespeare-Datei. Denn alles, was ich jetzt tue, muss ich für den Weimarer „Macbeth“ zu ungewohnter Premierenzeit nicht mehr tun. Dann werde ich innerhalb von nicht einmal einem Jahr viermal die kürzeste Tragödie des alten William gesehen haben. Derweil verblüht draußen der Holunder. Vor genau 10 Jahren besuchten wir den kleinen Ort Schengen, bekannt wegen des Abkommens. Wir parkten direkt über einer Deutschland-Bodenplatte.
11. Juni 2018
Am 18. Juni 2012 vermerkt mein später auch gedrucktes Tagebuch, mein Enkel sei nun genau sieben Tage alt. Heute rief ich ihn, bevor er noch mit seinem kleinen Bruder gen Kindergarten ging, rasch an, ihm zum sechsten Geburtstag zu gratulieren. So schnell, sagt man bei solchen Anlässen, huscht die Zeit weg. In einem Fotoalbum finde ich Aufnahmen vom 11. Juni 1998, wir waren im belgischen Lommel, spazierten später am „Kanaal Bocholt-Herentals“ zum Abschied, einige Bilder zeigen Papageien und Flamingos in der Parc Plaza De Vossemeren. Die Kaninchen, die wir von unserem Hotelfenster aus auf dem Rasen hüpfen sahen, sind nur im Gedächtnis festgehalten. Ein Zählspaß von gestern kurz vor dem POLIZEIRUF: 22 der 26 schweizerischen Kantonshauptstädte kennen wir nun mehr oder weniger gut aus eigener Anschauung, von den fehlenden vier gehören drei zur französischsprachigen Eidgenossenschaft. Die Herausforderung liegt klar auf der Hand.