Tagebuch
29. Mai 2018
Es gibt Levin Schücking, den mein zweibändiges Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller unter Droste versteckt, also Annette von Droste-Hülshoff, und es gibt Levin L. Schücking, den Enkel des Levin ohne L und dieser L-Enkel hat heute seinen 140. Geburtstag. Von ihm besitze ich bescheidene zwei Bücher. Eines heißt „Essays über Shakespeare, Pepys, Rossetti, Shaw und anderes“, es stammt aus der Recherche-Bibliothek des Westdeutschen Rundfunks WDR, das andere trägt den Titel „Die Charakterprobleme bei Shakespeare: Eine Einführung in das Verständnis des Dramatikers“ und stammt aus der Zeit, als Schücking Professor in Leipzig war (1925 – 1944). Für Lokalpatrioten wichtig: er hatte auch sechs Jahre lang ein Extraordinariat in Jena inne, von wo es ihn nach Breslau zog. Als es mich erstmals nach Breslau zog, hieß es nicht mehr so und ich staunte, was man alles Autobahn nennen kann. Später strömten EU-Gelder, was ich schon wegen meines Kürzels begrüßte.
28. Mai 2018
Würde sich der Wert der Telekom-Aktie aus der Zuverlässigkeit der Mitarbeiter vor Ort berechnen, könnte man die Anteile wahrscheinlich nur noch unter Dementen verhökern. Ist es schon schlimm genug, dass der Laden die Ankunft eines Monteurs nicht präziser als mit zwischen acht und zwölf Uhr angeben kann, man kennt wohl die Ankunft des Propeller-Transporters auf dem Flughafen Altenburg nicht so genau, noch schlimmer wird es, wenn 90 Minuten nach der Endzeit noch immer niemand aufgetaucht ist. Da vorsorglich die Leitung bereits abgeklemmt ist, kann man noch nicht einmal auf einen Anruf hoffen oder selbst nachfragen. Man kann auch das Internet nicht benutzen, das da auf Highspeed umgestellt werden soll, wozu die Telekom dort leider nicht in der Lange ist, nur ihr Netz ist es eben. Man soll nichts Böses dabei denken. Am anderen Ende der Stadt, meinem, funktioniert das, nicht zu reden von Ländern wie Estland, wo man macht, wovon wir nur reden.
27. Mai 2018
Wenn sich Fossilien treffen, nennt man das ein Fossilientreffen. Ich nehme an einem solchen seit vielen Jahren teil, wann immer es keinen anderen Termin gibt, der dagegen spricht. Die Umläufe der Fossilien werden kürzer, die Pausen während des Umlaufs, den man natürlich auch Wanderung nennen darf, werden länger und schließlich, wenn alle beisammen sitzen zum fröhlichen Trunke, gehen nicht nur die Ersten früher als früher auch die Letzten entweichen unter Austausch bester Wünsche bis zum nächsten Jahr eher als früher. Heute hatte ich dennoch einen Kopf, den ich nicht zwingend schwer nennen würde, leicht war er allerdings auch nicht und es bemächtigte sich zeitig eine unabweisliche Müdigkeit meiner. Den Pflichtteil über Theaterskandale hatte ich hinter mir, einen kleinen Ausflug zu George Bernard Shaw auch und schließlich las ich über die Stadelmann-Gesellschaft. Ja, Goethes Diener erhängte sich, nachdem er zuvor noch ein Ehrengast gewesen war.
26. Mai 2018
Sage noch einer, die neue und so weiter Verordnung habe nicht ihre herrlichen Seiten. Früher, wenn man bei einem italienischen Weinhaus bestellte, bekam man irgendwann unweigerlich Angebote italienischer Olivenöl-Versandhäuser, als Bezieher einer Feinschmecker-Zeitschrift, eines Wein-Journals Luxuskataloge, weil man offenbar dem Beuteschema dieser Versender entsprach. Jetzt bettelt eine große deutsche Hilfsorganisation, nennen wir sie DRK, mit lustigen Adress-Aufklebern und Glückwunschkarten um Spenden. Alle anderen Adress-Aufkleber-Versender haben dieses arg verschwenderische Treiben seit mindestens einem Jahr eingestellt. Dieses, mit dem wir postalisch noch nie zu tun hatten, nutzt die kostenintensive Idee nach. Aber, nun kommt die neue Verordnung ins Spiel: sie verraten uns, von wem sie die Adresse bekamen, dort dürfen wir unseren Widerspruch anmelden. Leider verraten sie nicht, ob unsere Adresse ein Geschenk war oder bares Geld kostete.
25. Mai 2018
Noch ist die neue europäische Datenschutzgrundverordnung gar nicht richtig in Kraft, da versuchen bereits gewöhnliche Verbrecher, sie für ihre Zwecke zu missbrauchen. Die „Frankfuter Allegmeine“ (wörtlich so) will angeblich, dass ich mein Abo für die Newsletter bestätige, die Mail operiert mit fast echten Daten, die man sich freilich nur näher ansehen muss, um sie als Fake zu erkennen. Die angegebene Telefonnummer stimmt bis zur fünften Stelle mit der tatsächlichen überein, nur meldet sich am anderen Ende eine Jammergestalt, die so erbärmlich schlecht deutsch spricht, dass einem die Tränen in die Augen steigen. Sie stammelt, dass es wichtig sei, die angeforderten Clicks zu tätigen. Auf dem Heimweg vom Finanzamt kaufte ich gestern ein Pfund Nachrufe auf Philip Roth, der nun ganz sicher keinen Nobelpreis für Literatur mehr bekommen wird. Verblüffend, wie schnell alle riesige Texte parat haben. Von Karl Corino weiß ich: Nachrufe werden auf Vorrat geschrieben.
24. Mai 2018
Wegen der neuen europäischen Datenschutzverordnung, die uns damit schmackhaft gemacht wird, dass sie angeblich unsere Daten vor Missbrauch schützt, wie ihn die so genannten Daten-Kraken im Visier haben, kann ich heute einer Person mir bekannten Geschlechts zu ihrem mir bekannten runden Geburtstag nicht ordentlich gratulieren, weil mir das schriftlich nachprüfbar dokumentierte Einverständnis der Person mir bekannten Geschlechts fehlt und mich die Abmahnvereine deshalb jagen könnten und die Gerichte deswegen, je nachdem, was mehr bringt, zu einer Geldstrafe von bis zu vier Prozent meines weltweiten Jahresumsatzes verurteilen dürfen. Mit Blick auf den winzigen Jahresumsatz würde ich mich gern strafbar machen, da es aber auch eine Strafe bis 20 Millionen gibt, die mangels Masse vielleicht 600 Jahre Erzwingungshaft einbringen könnte, verzichte ich. Ich rufe an in der Hoffnung, dass niemand mithört und fragt, woher ich diese Telefonnummer kenne.
23. Mai 2018
„Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass Kunstkritiker von allen Menschengattungen am schwersten für solche Gesichtspunkte zu haben sind und lieber die Welt untergehen lassen, als dass sie ein Werk nicht in Grund und Boden kritisieren, wenn es ihren künstlerischen Bestrebungen nicht entspricht.“ Der dies schrieb, bezogen auf politische Gesichtspunkte bei der Kunstbetrachtung, hat heute seinen 150. Geburtstag: Harry Graf Kessler, der Mann, der 10.000 Seiten Tagebuch hinterließ, in denen 12.000 Namen mehr oder minder, oft sehr, bekannter Menschen vorkommen. Sein Vater war nicht Kaiser Wilhelm I., was immer wieder gern betont wird, für NEUES DEUTSCHLAND schreibt, wann immer sich die Gelegenheit ergibt, Klaus Bellin über ihn, lang lebe Klaus Bellin! Und Schütt natürlich auch, denn bei und für Journalisten gilt der alte Klassenkampfspruch „Die Enkel fechten’s besser aus“ wahrscheinlich eher nicht. Der Graf und Weimar: Feuilletonthema.
22. Mai 2018
Der 22. Mai 2018 geht in unsere individuelle Wohn-Geschichte ein. Seit heute haben wir sechs Rauchmelder in unserer Wohnung, nur in der Küche und in den Bädern sind keine an der Decke. Wenn ich also jetzt den Clubabend der Pfeifenraucher-Freunde zu Gast habe, können alle fröhlich vor sich hin schmauchen. Wenn der Grenzwert überschritten wird, geht der Alarm los, den wir, weil die Rauchmelder hochtechnologisch sind, mit einem Knopfdruck abstellen können. Wenn wir das nicht tun, rücken alle verfügbaren Feuerwehren aus oder nicht. Wenn der Hauptlöschangriff über den Balkon erfolgt, können wir vielleicht später eine neue Balkontür einfordern. Ob das Anbraten von Schweinefleisch in der Küche mit den üblichen nebligen Folgen für den nicht isolierten Rest der Wohnung künftig Rauchmelder-Alarm auslöst, wissen wir noch nicht. Auf alle Fälle muss nun wohl jeder eine handhabbare kleine Leiter vorhalten, damit er rasch den Fehlalarm-Knopf erreicht.
21. Mai 2018
Pfingstmontag ohne Kalauer, dafür mit Selbstkritik: den heutigen 80. Geburtstag von Urs Widmer wollte ich einer langfristigen Terminplanung zufolge mit einem Beitrag würdigen, der dem recht umfangreichen Bühnenschaffen des am 2. April 2014 verstorbenen Schweizers gelten sollte, die Vorarbeiten waren angelaufen. Zu viel ist dazwischen gekommen. Dafür macht mir schmerzlich staublangweilige Morgenlektüre bewusst, dass nicht jeder große Gegenstand seine Behandlung zugleich schon adelt. „Über die Ironie bei Goethe“ heißt, was ich las, Verfasser Hans-Egon Hass. Man kann, verblüffend genug, problemlos angespannt über Lockerheit, schwer über Leichtigkeit und ironiefrei über Ironie schreiben, ohne darüber von auch nur von irgendeinem Skrupel befallen zu werden. Da ich mich zeitgleich auch noch mit einem von Redundanzen strotzenden Helmut Koopmann beschäftige, nur in kleinsten Portionen verkraftbar, entfliehe ich jetzt Goethe gen Sauna.
20. Mai 2018
Der Kalauer zum Pfingstsonntag: Mega-Event war gestern, jetzt ist Megan-Event. Wobei Megan nicht die fleischlose oder gar vollkommen tierproduktfreie Form vom Mega ist. Während ich mit anderthalb Augen dem Geschehen auf dem Bildschirm folgte, welches sich in Windsor abspielte, wo ich, wie es der Zufall will, vor ziemlich genau 25 Jahren bei ähnlichem Wetter lustwandelte, nur waren wenig Prominente da, den Erzbischof von Canterbury traf ich nicht einmal in Canterbury, auch beim zweiten Versuch sieben Jahre später nicht, währenddessen also, schrieb ich mit den anderen anderthalb Augen auf meinem Computer-Bildschirm eine Besprechung von „Dantons Tod“ in Meiningen. Dass sie erst heute zu späterer Stunde im Netz erscheint, liegt am Finanzamt. Dieses verhagelte mir mit einem hier unter mühsamster Beherrschung nicht näher charakterisierten Brief den Tag so gründlich, dass mich nicht einmal die Freude über den Pokalsieger Frankfurt ermunterte.
19. Mai 2018
„Am 19. Mai abends halb zehn Uhr traf Schiller in Rudolstadt ein und stieg im Gasthof „Zur Güldenen Gabel“ in der Neuen Gasse ab. Am folgenden Tag siedelte er, nicht ohne Lengefelds einen ersten Besuch gemacht zu haben, in das bereitstehende Quartier in Volkstedt über.“ So steht es bei Fritz Kühnlenz, der zwar kaum noch genannt oder gar gewürdigt wird, aber dennoch im rein Faktischen immer eine solide Quelle bietet, nicht nur mit seinem „Schiller in Thüringen“, auch mit beiden Bänden seiner „Weimarer Porträts“, dem einen mit den „Eisenacher Porträts“. „Eine kleine Stunde von Rudolstadt“ fand sich Schiller, wie er das seinem Freund Körner beschrieb. 1788 war das und wir können inzwischen über Liebe, Doppelliebe, heimliche Liebe fast mehr nachlesen als uns interessiert. In Meiningen fehlte gestern Thüringens Haupt- und Staatskritiker aller Blätter, ihm entging ein fordernder Büchner, ein splitternackter Marion-Monolog, ein sehr starker Robespierre.
18. Mai 2018
Am 24. April 1981 sahen die Berliner Premierengäste erstmals Büchners Drama „Dantons Tod“ in einer Spielfassung, in der Regisseur Alexander Lang sowohl den Danton als auch den Robespierre von ein und demselben Darsteller spielen ließ: von Christian Grashof. Heute sehe ich in Meiningen „Dantons Tod“ mit Anja Lenßen als Danton, es gibt nicht annähernd so viele Doppel- und Dreifach-Rollen wie seinerzeit am Deutschen Theater. Am 18. Mai 1993, das Vierteljahrhundert ist um, sah ich mit meinem Vater schon auf der Heimreise erstmals Stift Melk, wo ich später mit viel mehr Zeit und Ruhe erneut der Pracht erlag. Mein Foto von der Raststätte Jura Ost scheint unwirklich nach all den Jahren, sie war damals wohl noch nicht Sammelplatz bestimmter Großfamilien aus Ländern des europäischen Südostens vor der Weiterreise. Einen versiffteren Rastplatz voller Müll und ungeniert neben ihre Autos pinkelnder Männer wenige Jahre später sahen wir nie, wir meiden den Ort seither.