Tagebuch
10. Juni 2018
Nachtbeobachtung, unfreiwillig: Normalerweise schaue ich nur kurz aus dem Fenster, wenn ich zu später Stunde noch frische Luft in mein Schlafzimmer lasse. Es sei, ich höre Geräusche wie heute gegen 2.30 Uhr. Es klingt wie Rollkoffer. Mein erster Gedanke: woher kommt um diese Zeit jemand mit Koffer? Es fährt keine Bahn, kein Bus. Es ist aber kein Rollkoffer, sondern ein Gefährt, wie es ältere Leute benutzen oder Zusteller von Zeitungen und Werbematerial. Es scheint eine Frau zu sein, die damit am Containerstandplatz hält. Plötzlich leuchtet eine starke Taschenlampe, die gelben Tonnen werden aufgeklappt, ein sportlicher Abtauch-Vorgang in die erste und was auf den Boden fällt, klingt nach Plasteflasche. Aus der mittleren Restabfall-Tonne landet ein verschnürter Sack komplett draußen. Die Person, die mich nun neugierig gemacht hat, entschwindet über die Stufen zur Abbé-Straße und dort in einen der Aufgänge des sanierten IWG-Blocks. Müll-Geisterstunde?
9. Juni 2018
Nachtragsfrei Ilmenau: Es ist Sommer, Deutschland gewinnt gegen Saudi-Arabien, das erschüttert uns noch am ersten heimischen Frühstückstisch nach diesem netten Kurztrip mit einem Dresdner Reise-Büro. Uns Uwe (nicht Seeler natürlich) wird heute 63 Jahre alt, was wir nicht mit Mitgefühl begleiten, sondern mit all unseren guten Wünschen, von denen wir einen soliden Vorrat besitzen. In wenig mehr als vier Wochen werden wir uns in Bad Staffelstein aalen alle zusammen. Unsereiner verbindet mit dem 9. Juni ebenfalls ein Sondergefühl: Vor zehn Jahren begingen wir den Tag in Luxemburg, wo wir uns für eine Woche einquartiert hatten, vor zwanzig Jahren in De Vossemeren in Belgien. 2001 nannten wir diesen Tag Silberhochzeit, seither verbringen wir ihn alle fünf Jahre im selben Hotel am Canale Grande, drei Jahre halten wir noch durch bis zur nächsten Tour und sind ernsthaft am Überlegen, ob wir die Nummer nicht einmal mit der Bahn absolvieren. Wäre denkbar.
8. Juni 2018
Nachtrag ohne Leysin: Deutsche Autobahnen sind dafür berühmt, dass man auf ihnen, wenn die Reisesaison im Gange ist, steht, weil gebaut wird. Defekte Brücken kannten wir eher aus den Haupt-Nachrichten über Infrastruktur-Defizite der Bundesrepublik, deren Altteil, wie es scheint, fast ausschließlich defekte Brücken besitzt, über die man sehr, sehr langsam fährt, falls man fährt. Die A 6 beispielsweise könnte man analog zur längsten Praline die längste Endlosbaustelle nennen, was wegen der Spurverengung dazu führt, dass ganz rechts die übliche Million litauischer und polnischer Lkw steht, bisweilen launig unterbrochen durch tschechische, rumänische, bulgarische Trucks, zwischen denen die Reisebusse stehen dürfen. Wir brauchten von Weil am Rhein bis Ilmenau Hauptbahnhof noch knapp zehn Stunden, in dieser Zeit fuhr ich schon von Ilmenau bis Venedig und sogar um den Gardasee herum. Inklusive aller Pausen. Wir erwischten die Stadtlinie.
7. Juni 2018
Nachtrag Leysin: Bergerfahrungen sind hilfreich, wenn man bei weit über 20 Grad einen Bus besteigt, der zum Grand St. Bernard auffährt. Denn oben, Überraschung, liegt noch massiv Schnee, die glatten Schneewände neben der Fahrbahn reichen weit über die Köpfe. Mit zwei Jacken sind wir gerüstet, einige klappern kurzärmlig mit den Zähnen. Zweiter Halt in Aosta, uns bleibt nur Zeit für sensationelles Eis und das Römische Theater, wir sehen auch beide antiken Tore. Aus Italien nach Frankreich, wo wir in Chamonix Mont Blanc eine kleine Stadtrundfahrt mit einem Bähnle erleben und anschließend sehnsuchtsvoll auf die Bahn zum Aiguille du Midi schauen, die im Augenblick gerade ihre Revision in der Zwischensaison erlebt. Sie fährt bis auf 3842 Meter, man kann den Blick rundum natürlich auch mit Google View erleben, Genuss ist anders. Chamonix sah uns nicht zum letzten Mal. In Leysin schon das letzte Abendmahl, für uns ohne Jünger, dafür fein dreigängig.
6. Juni 2018
Nachtrag Leysin: Genfer See, Lac Leman, wir steuern zuerst Montreux an, halten kurz zum Foto-Stopp am Schloss Chillon, das wir auch von innen bestens kennen. In Montreux reicht die Zeit mal eben so für Freddy Mercury, wir erinnern uns des hiesigen Kunst- und Trödelmarktes, von dem wir 2010 zwei nette Stück heimbrachten, eines zeigt Zeit an. Dann nach Genf, wo wir ein wenig Stadt sahen, einen schönen Rundblick aus dem Riesenrad genossen, eine Kleinmahlzeit anschließend zum Preis einer gesamtdeutschen Großmahlzeit. Unser Schiff war rund zwei Stunden unterwegs mit ein paar Zwischenstationen, darunter Nyon, das jeder Fußball-Fan kennt als Ort von Auslosungen, denn dort ist der UEFA-Hauptsitz seit 1999. In Yvoire betraten wir wieder festes Land, französisches, denn die „cité médiéval“ liegt auf der französischen Seite des Genfer Sees. Blumen und Eis, „glacé“ heißt es hier natürlich. Heimwärts über Vevey und Evian, ich fotografierte einen Marx vor Voltaire.
5. Juni 2018
Nachtrag Leysin: Wer mit der Gornergratbahn fahren will, muss Täsch ansteuern, von dort braucht man zehn Minuten mit dem Zug nach Zermatt, wo die Zahnradbahn nach oben startet, wir nehmen die ab 11.36 Uhr. Von 1604 auf 3089 Meter über NN geht es, man steigt des Rundblickes wegen oben noch reichlich dreißig Meter höher und starrt dann zum Matterhorn, welches von Wolken zart umschmeichelt wird, bisweilen fürwitzig oberhalb aber seine Spitze zeigend. Die Dufourspitze kann man auch sehen, die gibt sich jedoch eher unauffällig von hier aus. Und wenn man genug Zeit hat, in dieser schönen Höhe ein Fläschlein vom Fendant zu nehmen, das es gegen 22 Franken hier zu erwerben gibt, dann sieht man immer wieder einmal das Matterhorn fast wolkenfrei in der Sonne. Die Busladung ist begeistert bis maximal begeistert, die Panoramen lösen da und dort Stöhnanfälle aus wie in einer US-amerikanischen Orgasmusschule. Nach dem Abendessen Rotwein aus Spanien.
4. Juni 2018
Nachtrag Leysin: Es geht nach Leukerbad, von dem zu sagen wäre, dass man es nicht zwingend gesehen haben muss, wenn man nicht Fan von Leukerbad und Umgebung ist, für die Umgebung hatten wir keine Zeit. In Sion regnete es und die Bimmelbahn, die angeblich an Montagen nicht fährt, fuhr trotzdem. Wir schauten uns Sion an, Hauptstadt des Kantons, die halbwegs sittenwidrig auch Sitten genannt wird im Land der Mehrsprachigkeiten, obwohl es nur eine einsame deutsche Enklave gibt, nämlich Bellwald, wo wir anno 2006 eine nette Woche hatten. Zwei Stunden blieben bis zum Start gen Saillon, das damit wirbt, den offiziell kleinsten Weinberg der Schweiz in seiner Gemarkung zu haben, der Berg gehört dem Dalai Lama und wird von Prominenten gepflegt, von denen wir jedoch keinen sahen. Dafür tranken wir Fendant unter Bäumen für nur drei Franken das Glas und eine Frau verbreitete das dumme Gerücht, auch der Rotwein sei Fendant: Fake News pur.
3. Juni 2018
Nachtrag Leysin: Der Bus, stellt sich heraus, ist für die engen Kurven ungefähr zweieinhalb Meter zu lang, was denen, die auf der jeweiligen Talseite sitzen, aufwärts und abwärts gewisse Schauer aufwärts und abwärts jagt. Der Busfahrer, bis dato auf solchen Pisten unerfahren, meistert seinen Job mit Bravour und entwickelt dabei eine sensationell defensive Fahrweise, die ihm am fünften Tag die Frage eines Porsche-Carrera-Fahrers, der überholen möchte, einbringt, wo er denn seine Fahrerlaubnis gemacht habe. Im Schweizer Wallis natürlich nicht. Immerhin, nach fast zwölf Stunden Fahrt rollt unser Samsonite in Richtung Lift, wir haben das Zimmer 442, es enthält fünf Betten, einen Stuhl und einen Hocker, zwei der Betten sehen von unten her aus wie Futterkrippen, das und die anderen Zimmer beherbergen in der Wintersaison Familien mit Kindern. Nach dem Essen Kurzausgang in Richtung unserer Ferienwohnung von 2010. Der Weg ist uns aber zu weit.
2. Juni 2018
„Solothurn ist eine überraschend schöne alte Stadt mit wuchtigen repräsentativen Bauten, die dem Status Bischofssitz sich verdanken. Wir erstiegen gegen drei Franken den Turm der Kirche St. Ursen und hatten einen wunderbaren Rundblick über Altstadt und Rest.“ So steht es im Tagebuch von 2008 unter dem 2. Juni, auch getrocknete Rosenblätter sind da vermerkt, die dem edlen Essen am Abend eine sehr spezielle Note gaben. Am 3. Juni fuhren wir nach Bern, was mir in einer Hinsicht auf alle Fälle unvergesslich bleiben wird: dort stieß ich in einem Antiquariat mit Goethe-Ecke auf die zweibändige Taschenbuch-Ausgabe von K. R. Eisslers psychoanalytischer Goethe-Studie über die Jahre 1775 – 1786. Noch heute verursacht allein die Nennung des Namens Eissler Schluckauf bei allen Hardcore-Goetheanern der Generation Hörgerät. Wenn wir morgen oberhalb des Genfer Sees eintreffen, werden wir eher Nachklassisches im Auge haben, Schnee ganz oben.
1. Juni 2018
Sagt die alte zur sehr alten Frau, die ihren Rollator bergauf schiebt, auf deren Frage nach dem Wetter am Wochenende: „Es soll regnen. Wenn Stadtfest ist oder so, regnet es meistens.“ Schon 1973 zur falschen 700-Jahr-Feier der Stadt Ilmenau goss es aus Eimern genau auf den Festumzug und damals gab es weder Feinstaub noch Klimawandel, nur einfach Sozialismus in den Farben der DDR. Wenn in der DDR der Botschafter Pjotr Abrassimow den Ukas aus Moskau übermittelte, knallte das Politbüro die Hacken zusammen. Heute hat diesen Job der neue US-Botschafter von Trumps Gnaden inne, das mit den Hacken klappt immer noch bestens. Warum wir Schutzzölle auf Whisky erheben wollen, nicht auf amerikanische Filme, ist klar: ein Dutzend privater TV-Sender müsste die weiße Fahne hissen, zumal auch die erzfette Roseanne in Ungnade gefallen ist, das Aas. Und dann ist heute auch noch der 80. Todestag von Ödön von Horvath. Paris, ja, das war in Paris.
31. Mai 2018
„Genau 578 Kilometer waren zu fahren, ehe wir hier landeten und wir hatten eine kleine Mühe, unser Quartier zu finden, das wohl im Internet als Seminarhaus firmiert, hier aber Haus am Kreuz heißt und gar nicht zu übersehen ist, wenn man es weiß.“ So steht es unter dem 31. Mai schlicht im unveröffentlichten Tagebuch des Jahres 2008. Die Reise nach Erschwil war die Realisierung eines aus Neugier erstandenen Plans, das so genannte Schwarzbubenland kennenzulernen, von dem wir regelmäßig hörten wegen einer Partnerschaft mit Großbreitenbach. Jetzt schaue ich in der Google-Draufsicht in den Hof an der Schmelzistraße, in der Ecke des Parkplatzes Holunder und am Ende waren wir mehr in Basel und in Solothurn als bei den Schwarzbuben. Wir hatten Gastgeber, die uns die Art Basel ans Herz legten und uns Weine und Speisen kredenzten, die jedem Gourmet-Führer Ehre machen würden. Mich begleiteten die „Briefe der Frau Rath Goethe“: 10 Jahre weg seitdem.
30. Mai 2018
Der Lebensuhr kann man, anders als der Armbanduhr, nicht für früher fünf, jetzt inzwischen sieben Euro, eine neue Monozelle einsetzen und dann geht sie wieder in normalem Tempo. Die Lebensuhr ist gewissermaßen verlötet: kein Rankommen, nicht einmal Anti-Aging-Duschgel von Aldi hilft. Weil das so ist, langer Anlauf zu einer wenig überraschenden Pointe, wendet sich der Blick öfter zurück als nach vorn. Heute wendet sich mein Blick in meine Studienzeit, als ich, wie ich sagen würde, wenn ich ein Altbundesbürger wäre, Philosophie, Ethik, Ästhetik, Geschichte, Psychologie, Politische Ökonomie und Germanistik studierte. In Ästhetik musste ich zum Thema „Ursprung der Kunst“ unter anderem „Briefe ohne Adresse“ lesen, Verfasser ein gewisser Georgi W. Plechanow, der nun wiederum heute vor genau 100 Jahren in einem Ort starb, der damals zu Finnland gehörte, später zu Russland. Es gilt als gesicherte Erkenntnis, dass nicht Putin in Finnland einmarschiert ist.